30.11.2017
Autor/in: Karla Götz
Mitteilung Nr.: 4

Der Navigator

Dr. Benjamin Tannert vor dem MZH-Gebäude, in dem er Navigation für Rollstuhlfahrer erforscht.

Dr. Benjamin Tannert, von seinen Freunden „Benny“ genannt, zeigt, was er bereits kann. Der sympathische junge Mann steht unvermittelt aus seinem Rollstuhl auf. Schwankend hält er sich an der Tischplatte fest. Nur ganz kurz, dann setzt sich der Informatiker wieder. Die Anstrengung ist ihm anzusehen. Energisch und ausdauernd hat der 34-Jährige trainiert. Unmittelbar nach seinem Unfall 2005 konnte er im Krankenbett nur ganz vorsichtig einen Zeh bewegen. Niemals hat er den Mut verloren und einen langen Weg zurückgelegt.

Wege vereinfachen

Seit einem halben Jahr arbeitet Benjamin Tannert als Postdoc in der Geoinformatik-Gruppe „Human-Computer Interaction“ von Lichtenberg-Professor Johannes Schöning. Navigation ist das Hauptthema dieser Forschungsgruppe im Fachbereich Mathematik/Informatik der Universität Bremen. Wie können mobile Geräte verbessert werden? lautet der Ansatz im weitesten Sinne. Benjamin Tannerts Thema ist die Rollstuhl-Navigation. Er sucht nach Algorithmen, die für die Betroffenen Wege von A nach B vereinfachen können.

Vorfahrt geschnitten: Querschnittslähmung

Der Informatiker ist gebürtiger Bremer. Aufgewachsen in der Vahr, legte er sein Abitur an der KSA, der heutigen Oberschule an der Kurt-Schumacher-Allee, ab. „Ich liebte die Informatik und hatte nur dieses eine Studienziel“, sagt er. 2003 begann er an der Universität Bremen. Das Studium ließ sich gut an, machte Spaß. Bis zu jenem Tag im Juni 2005, als ein angetrunkener Autofahrer dem jungen Mann auf dem Motorrad die Vorfahrt schnitt. Benjamin Tannert spricht nüchtern über seine Querschnittslähmung, über Prognosen und Hoffnungen.

„Freunde trugen mich die Treppe rauf“

In einer Spezialklinik in Hamburg nutzte er sämtliche Therapie- und Trainingsmöglichkeiten, machte privat weiter. „Was mich motiviert hat? Für ein Studium der Informatik ist doch egal, ob ich im Rollstuhl sitze, da musste ich mir keine Sorgen machen“, sagt er. In anderen Berufen sähe das durchaus anders aus. Benjamin Tannert schaffte es, nur über die Semesterferien weg zu sein. „Zum Beginn des Wintersemesters Mitte Oktober war ich wieder zurück.“ Es klingt nach Triumph. „Meine Familie hat mich immer unterstützt, meine Freunde haben mich die Treppen raufgetragen“, erinnert er sich.

Assistenzsysteme für Menschen mit Schwierigkeiten

2010 hat er sein Diplom abgelegt und ein Lernsystem für Kinder mit geistiger Behinderung entwickelt. „Es soll sie im Schulalltag unterstützen. Bei der Thematik habe ich mich als Mensch mit Einschränkungen wiedergefunden“, unterstreicht er. Seine wissenschaftlichen Themen kreisen von da an um diese Zielgruppe. „Es war der Grundgedanke aller Projekte.“ In seiner Dissertation erarbeitete der Informatiker ein „emotionssensitives Assistenzsystem für Menschen mit Lernschwierigkeiten“ in enger Kooperation mit dem Martinshof Bremen. Finanzielle Unterstützung fand er in dieser Zeit im Pilotprogramm Inklusion in der Wissenschaft, das an der Universität Bremen aufgelegt wurde.

Hindernisse analysieren

Gemeinsam mit Masterstudierenden vergleicht er derzeit Wege für Rollstuhlfahrer mit Wegen für Fußgänger. „Google Maps bietet das nicht an, aber es gibt Plattformen wie Open Route Service oder Routino. Die berücksichtigen auch Barrieren.“ Welche machen Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern besonders zu schaffen? „Untergrund wie Sand oder buckliges Pflaster, Steigungen, nicht abgesenkte Bordsteine“, zählt der Wissenschaftler auf. Ein Beispiel: „Ich besuche mega-gern den Bremer Freimarkt, aber das Kopfsteinpflaster macht es mir schwer, ihn zu genießen.“ Zunächst will er herausfinden, welche Strecken Menschen mit Rollstuhl am meisten nutzen und hat in 15 Großstädten Deutschlands die Planungsämter sowie das Statistische Bundesamt angefragt. Die Antwort: „Wir wissen es nicht, hätten aber auch gerne solche Informationen.“

„Nimm schon eine Ampel vorher“

Ausgangspunkt für viel befahrene Wege sind nun erst einmal Behindertentoiletten und Zielpunkte „Points of Interest“ im Umkreis von zwei Kilometern, die interaktive Karten angeben. Der nächste Schritt wird eine 360-Grad-Kamera sein, die sich Benjamin Tannert an seinen Rollstuhl heftet. Mit dem Bilderkennungssystem will er ähnlich wie in Google Street View Hindernisse aufnehmen. Anschließend will er einen automatischen Algorithmus entwickeln, der die Bilder auswerten kann. Die Informationen sollen dann in Navigationssysteme einfließen. „Die können dann wiederum sagen, nimm schon eine Ampel vorher, bei der nächsten ist der Bordstein nicht abgesenkt.“ Drei Jahre will Benjamin Tannert an seinem Thema arbeiten. „Ich mache etwas für Menschen, die mit Einschränkungen leben. Das bringt auch mir Spaß“, sagt er.