24.07.2015
Autor/in: Karla Götz
Mitteilung Nr.: 2015037

Studierende bewirten im Sportturm 35 Flüchtlinge

Die afrikanischen Leckereien auf dem Buffet haben Studierende selbst zubereitet: Couscous-Salat, Erdnusssauce, frittierte Bananen und mehr.

Fußball ist international, das zeigte sich auch beim Empfang der Flüchtlinge am Sportturm. Sie dürfen nicht fotografiert werden, deshalb die Rückenansichten.

Frittierte Hefeteigbällchen vor Ort auf einem Campingkocher herzustellen, erforderte Geduld.

Zum Schluss wurde getrommelt.

Sie kennen sich. Eine Gruppe junger Männer begrüßt Studierende im Foyer des Sportturms mit Umarmungen und „high five“. Es sind minderjährige unbegleitete Flüchtlinge aus einer Containerunterkunft an der Berckstraße. Später kommt noch eine Gruppe aus dem Zelt hinter dem ZARM dazu. 35 Gäste sind es insgesamt. Studierende der Sportwissenschaft sind emsig dabei, einen langen Tisch mit afrikanischen Spezialitäten zu decken. Sie schleppen vorbereitete Speisen heran, schnippeln Gemüse und frittieren Hefeteigbällchen. Aber erst einmal ist Sport angesagt. Und der verbindet.

Beim Fußball sind dann alle nur noch Jungs, die dem Ball hinterherjagen. Auf einem anderen Feld werden Korbleger geübt. Studentinnen und Flüchtlinge wechseln sich ab. „Ethnographische Feldforschung in der Praxis“ lautet der etwas sperrige Titel der Lehrveranstaltung, die Dr. Monika Thiele aus der Sportwissenschaft konzipiert hat. Im Rahmen dieser Forschung waren die Studierenden schon fünfmal in der Berckstraße zu Gesprächen und bieten gemeinsame sportliche Aktionen an – von der Fahrradtour durch Bremen bis hin zum Besuch des Seilgartens in Lesum. „Uns macht Spaß, dass es ihnen Spaß macht“, bringt es Inga Büddeling aus dem sechsten Bachelor-Semester auf dem Punkt. Sie studiert Sport im Nebenfach mit einem sportsoziologischen Schwerpunkt. Nadine Kilimann ist sich inzwischen sicher, dass sie später beruflich „in die soziale Richtung“ gehen will. Sie hat in der Flüchtlingsunterkunft, die „Inobhutnahme“ heißt und vier Träger hat, bereits einen Job in der Nachtbereitschaft übernommen.

Staunen lernen

„An den ethnologischen Feldforschungen sind 19 Studierende beteiligt“, sagt Monika Thiele. Die Studierenden seien „unglaublich motiviert“, haben vorab die Situation in den Herkunftsländern erforscht und sich besonders mit der Alphabetisierung im jeweiligen Land beschäftigt. „In manchen Ländern können bis zu 90 Prozent der Menschen nicht lesen und schreiben“, ergänzt sie. Das bedeute, dass die Jugendlichen hier unheimliche Sprünge machen müssten. Viele lernten bereits Deutsch. „Es ist unser Versuch, reicher zu werden durch den Umgang mit Fremden“, fasst Monika Thiele das Anliegen zusammen. In ihrem Konzept steht, dass „sowohl auf Seiten der Studierenden als auch auf Seiten der Flüchtlinge Fremdheit in ein Staunen transformiert werden soll“.

Deutsch ist wichtig für die Zukunft

Die ihm anvertrauten Jugendlichen kommen aus Afghanistan, Syrien, Somalia, Guinea, Gambia und anderen westafrikanischen Ländern, sagt ein Betreuer aus der Berckstraße. „Sie haben unterschiedliche Fluchtwege überstanden und möchten sich hier eine Perspektive aufbauen.“ Die meisten seien erst einmal angekommen und somit in einer „Clearingstelle“. Deutsch zu lernen sei der Dreh- und Angelpunkt für ihre Zukunft.

Rund um die Uhr aktiv

Der 17-jährige M. aus Afghanistan bringt es sich gerade selber bei. Er ist polyglott, spricht Englisch, Persisch, Indisch, Usbekisch, Türkisch, Arabisch, Paschtu – die offizielle Landessprache in Afghanistan – sowie eine weitere Sprache des Landes, Dari. Zehn Sprachen sollen es werden, deshalb lernt er jetzt Deutsch und Spanisch. M. ist seit vier Monaten in Bremen. „Ich finde Deutschland super, denn hier gibt es viele Möglichkeiten für mich“, sagt er. Dies sind vor allem künstlerische. Er spielt Klassik auf dem Klavier, Rock auf der Gitarre, komponiert, singt, spielt Theater und ist bereits in einigen Bands engagiert. „Ich liebe Volleyball und bin auch gut“, sagt der junge Mann. Fünfmal in der Woche trainiert er beim Verein Bremen 1860. Das macht ihn sehr stolz. Heimweh, Angst um seine Familie, Depressionen und dunkle Stunden bekämpft der sympathische Junge mit Tatkraft. „Ich will am liebsten 24 Stunden aktiv sein.“

Erdnusssauce mit Orangen

Nach dem Spiel: Mit großer Freude stürzen sich die Gäste auf das üppige Buffet. Es gibt Linsensalat mit Koriander oder mit Obst, Couscous, Gemüse, frittierte Bananen, gedünsteten Blumenkohl und dazu afrikanische Erdnusssauce mit Orangen, zubereitet von einer Kommilitonin, die in Uganda war. Dann taucht das Bremer Urgestein, Olaf Dinné, mit einem Eimer im Sportturm auf. „Die Ziegenmilch habe ich eben selbst gemolken“, sagt er und lädt zum Umtrunk ein. Doch manche der Jugendlichen wissen gar nicht, was das ist.