26.10.2017
Autor/in: Karla Götz
Mitteilung Nr.: 3

Der Teacherman

Teacherman Soner Uygun bearbeitet das Thema Männer in der Grundschule jetzt wissenschaftlich

Als Soner Uygun die Grundschule besuchte, hatte er keinen männlichen Lehrer. Auch in der Orientierungsstufe standen ausschließlich Frauen an den Tafeln. Erst am Gymnasium tauchten zwei unterrichtende Männer auf. Heute schreibt Soner Uygun im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Universität Bremen bei Professor Robert Baar an seiner Dissertation zum Thema „Geschlechtersensible sexuelle Bildung in der interkulturellen Grundschule“. In ihr geht er unter anderem der Frage nach, welche Auswirkungen die Feminisierung des Grundschulbereichs auf Jungen hat.

Bundesweit Nachahmer

Der 26-jährige Doktorand, dessen Eltern türkisch-arabischer Herkunft sind, ist in der Neuen Vahr Nord aufgewachsen und hat an der Universität Bremen Lehramt studiert: zunächst für die Grund- und Sekundarschule I, später hat er sich für das Fach Wirtschaft, Arbeit, Technik (WAT) qualifiziert. Während seines Studiums ist er auf das von Dr. Christoph Fantini initiierte Projekt „Rent a Teacherman“ aufmerksam geworden und hat dort als „Mietlehrer“ mitgearbeitet. Grundschulen können sich im Rahmen des Projektes Lehramtsstudenten auf Zeit „mieten“. Diese übernehmen vier bis sechs Stunden wöchentlich Aufgaben an der Schule, von Arbeitsgemeinschaften bis zum Vertretungsunterricht. Unterstützt wird das Projekt, das es nun bereits seit fünf Jahren gibt, von der Senatorin für Kinder und Bildung Bremen, und es stößt auf großes Medieninteresse. Bundesweit hat es Nachahmer gefunden.

„Du verstehst mich“

Zurück zu Soner Uygun. Der Teacherman geht den Dingen auf den Grund. „Dass man mehr Männer in der Grundschule braucht, wird immer wieder behauptet; bislang wurde aber nicht erforscht, warum genau“, meint er. In der Schulpraxis habe er von Anfang an bewegende Erfahrungen gemacht. „Du bist ein Mann, Du verstehst mich“, haben Schüler vertrauensvoll zu ihm gesagt. Und auch ganz spezifische Fragen zum Männlichsein gestellt. Auslöser für das Promotionsthema des Teacherman war ein Gespräch mit einem Viertklässler während eines Ausflugs. Der Schüler nahm ihn beiseite. „Er fragte mich, ob es in Ordnung ist, dass er sich selber gern berühre, oder ob das verboten sei. Er wollte auch wissen, warum er das macht.“ Spontan wollte Soner Uygun auf diese sensiblen Fragen nicht antworten, auch aus der Sorge heraus, etwas Falsches zu sagen. Er ließ sich erst einmal bei pro familia beraten und redete dann in Ruhe mit dem Jungen darüber.

Sexualunterricht für Jungen

Neben seiner Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Bremen führt er die Arbeit bei „Rent a Teacherman“ fort. Inzwischen gibt er Sexualunterricht gemeinsam mit seinen Kolleginnen an der Grundschule Andernacher Straße in Tenever. Die Fragestellung für seine Dissertation hat er spezifiziert: „Wie wünschen sich Jungen mit Migrationshintergrund den Sexualunterricht in der Grundschule?“ Viele von ihnen kommen aus einer Kultur, in der Sexualität als Gesprächsthema tabuisiert wird. „Dennoch sollen auch sie gut vorbereitet werden auf die Veränderungen, die während der Pubertät geschehen“, sagt Soner Uygun. Diese betreffen sowohl körperliche Veränderungen wie Körperbehaarung oder Bartwuchs, aber auch Gefühle wie die erste Liebe. Mädchen haben deutlich mehr Ansprechpartnerinnen in der Grundschule als Jungen.

Stereotype aufbrechen

Als Teacherman geht es ihm auch darum, Stereotype aufzubrechen: „Ich zeige gerne, dass Sich-Kümmern nicht nur weiblich ist.“ Die Jungen fragen ihn, ob er Fußball spielt. „Ich koche und tanze gern“, antwortet er dann und erntet zunächst ungläubiges Staunen, „aber ich boxe auch.“