
Kennst du das? Dich beschleichen fiese Zweifel, ob das Studium das Richtige für dich ist..? Ich kenne das und weiß: Man kann sich mit diesem Gefühl ganz schön allein fühlen. Zum Glück gehts uns aber nicht allein so! Ich habe in den letzten Wochen einige Erfahrungsberichte zum Thema Studienfachwechsel zusammen tragen können und möchte diese Reihe heute mit ein paar weisen Worten unserer Konrektorin für Lehre und Studium abschließen.
Heidi Schelhowe heißt eigentlich Heidelinde und sammelt nun seit über 40 Jahren Uni- Erfahrungen: Zuerst selbst als Germanistik- und Theologie-Studentin in Freiburg, später u.a. als Informatik-Studentin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Professorin für „Digitale Medien in der Bildung“. Sie hat also auch einen krassen Fachwechsel unternommen und ich bin gespannt, was sie uns darüber erzählen wird.
Brenda: Hallo Heidi! Schön dass du dir die Zeit für ein Interview genommen hast. Stell dich doch mal kurz vor. Was machst du zur Zeit am liebsten in deinem Job als Konrektorin? Heidi: Ich bin seit dem ersten April 2011 Konrektorin für Lehre und Studium. Das nimmt mich sehr in Anspruch. Ich hab daneben auch immer noch meine Arbeitsgruppe mit vielen Forschungsprojekten und ich mache auch weiterhin Lehre. Das ist manchmal schwierig unter einen Hut zu bringen.
Momentan mach es mir viel Spaß, gemeinsam mit anderen Interessierten über eine inhaltliche und didaktische Verbesserung der Lehre nachzudenken. Das ist eine sehr reizvolle Sache an der neuen Position die ich jetzt habe: Dass ich dort die gesamtuniversitäre Perspektive habe, nicht nur meinen eigenen Fachbereich sehe und so einen Aufbruch für eine Verbesserung der Lehre fördern kann!
Heidi, heute bist du Professorin im Fachbereich Informatik. Du hast in deinem ersten Studium jedoch Katholische Theologie und Germanistik studiert. Was hat dich damals (1967) dazu bewogen, diese beiden Studienfächer zu studieren? Nun, für mich war klar, dass ich Lehrerin werden wollte. Ich komme aus keinem bildungsbürgerlichen Elternhaus und hatte von daher keine Vorbilder in akademischen Berufen. Lehrerin hingegen, das kannte man. Und der Wunsch war auch sehr stark dadurch geprägt, dass ich im Deutschunterricht eine Lehrerin hatte, die ich toll fand. Das war schon ein Vorbild für mich. Und ich mochte Literatur und das Schreiben von Aufsätzen. Daher war Germanistik immer gesetzt. Daneben habe ich aber auch immer gern Mathe gemacht und Naturwissenschaften. In dem Bereich war ich auch gut. Am liebsten hätte ich also Mathe und Deutsch studiert. Und dann hat man mir damals in der Studienberatung – das waren einfach noch diese Zeiten – gesagt: „Das passt überhaupt nicht zusammen, das können Sie nicht zusammen studieren“.
Verrückt. Ja, das war damals eine sehr traditionelle Universität; ich habe in Freiburg studiert. Und da waren die Geisteswissenschaften und die Ingenieur- und Naturwissenschaften noch zwei getrennte Kulturen. Das wurde auch von allen so gesehen. Und dann hab ich mich dadurch auch abhalten lassen.
Ist das etwas, was dir heute noch wichtig ist: Die verschiedenen Möglichkeiten und Kombinationen bewusst zuzulassen und zu fördern? Ja! Ja, das ist auch etwas, was mich in der Informatik sehr beschäftigt. Es gab da mal einen Artikel Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts über die „zwei Kulturen in der Wissenschaft“. C. P. Snow sagte darin, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften die Welt interpretieren und Theorien darüber machen, während die Natur- und Technikwissenschaftler die Welt verändern. Und eigentlich müsste es so sein, dass das gemeinsam geht. Mich hat immer beides interessiert - und für mich war klar: Ich will auf diese Welt Einfluss nehmen!
Und das galt damals für die Informatik. Das Fach kam gerade neu auf, es war noch nicht so verbreitet wie heute. Computer waren eher noch eine „Großtechnologie“. Dass sich Computer auch im Alltag verbreiteten, das fing ja in den 80ern erst an. Aber man spürte das schon, dass das große Bedeutung für diese Gesellschaft haben würde.
Wie kam das denn überhaupt? Nach deinem Staatsexamen und Referendariat hast du sechs Jahre als Lehrerin in Bremen gearbeitet – und dann? Ich hab ein Berufsverbot bekommen. Ich weiß nicht, ob du das weißt ...? (Lacht.) Ja, ich habe ein Berufsverbot bekommen, weil ich in einer linken Gruppierung organisiert war und das war der Grund, warum ich aus der Schule rausgeflogen bin. Und dann musste ich mir was Neues überlegen.
Ähhh... Krass. Nein, das wusste ich nicht. Jaja. So ein Erlebnis kann den Lebensweg ganz schön beeinflussen. (Lacht.) Am Anfang war das ganz schrecklich; ein Jahr habe ich sehr gelitten. Dann hat mir das Arbeitsamt eine Umschulung zur Programmiererin angeboten. Mit diesem Anstoß und auch mit dem Gedanken an ein Mathematikstudium, der ja immer noch da war, wuchs dann langsam die Idee, vielleicht doch nochmal zu studieren.
Außerdem konnte ich ein Studium mit zwei Kindern einfach besser vereinbaren, als wenn ich jetzt von 8 bis 5 Uhr gearbeitet oder in einer Fortbildung gesessen hätte. Das hätte ich nicht hingekriegt, weil wir auch eine Ganztagsbetreuung nicht hätten bezahlen können. Mit der Finanzierung war es so, dass mein Mann verdient hat. Von daher ging das. Und ich hab dann auch früh angefangen, nebenher zu arbeiten. Ich habe Computerkurse gegeben, speziell für Frauen und im Rahmen der Gewerkschaftsarbeit. Und am ersten Tag, als ich wieder studiert habe, habe ich gedacht: „Ja, das ist es!“
Was haben denn die Leute in deinem Umfeld gesagt? Gab es da Leute die irgendwie Bedenken geäußert haben? Ja, das gab's schon. Auch bei mir selber natürlich. Weil das doch auch eine lange Zeit ist, wo man das durchstehen muss. Und das Abitur war schon so lange her... Ich dachte, ich hätte vielleicht zu viel vergessen und finde nicht mehr den Anschluss. (Überlegt.) Und dann überhaupt, sich nochmal auf so ein ganz neues Gebiet einzulassen. Und natürlich fand ich es auch nicht angenehm, jetzt plötzlich wieder von meinem Mann abhängig zu sein in der Finanzierung der Familie. Aber mit der Vereinbarung „später tauschen wir mal“, konnte ich das dann doch durchziehen.
Wie war das denn für deinen Mann? Für meinen Mann war das selbstverständlich, dass er mich unterstützt. Auch wenn es irgendwann sehr schwierig wurde, gerade in der Diplomphase, alles unter einen Hut zu bringen. Er hatte auch seine sehr anstrengende Arbeit. Wir haben dann entschieden, dass wir eine Zeit lang mit einem halben Gehalt auskommen würden und er ist auf eine halbe Stelle gegangen. Aber dann hatte ich nach dem Studium auch relativ schnell eine Stelle an der Uni und er ist auf halber Stelle geblieben, so war das dann alles ganz gut zu organisieren. Von ihm habe ich also viel Unterstützung bekommen, auch weil er bereit war, auf eine halbe Stelle zu gehen und weil er mit mir bereit war, eine Weile nur mit sehr wenig Geld zu überleben...
Cool, dass das geht...
Das trägt unsere Beziehung auch bis heute! (Lacht.) Ja, wir sind jetzt über vierzig Jahre zusammen. Auch die aktuelle Situation, dass ich jetzt nochmal in das Rektorat gekommen bin, ist ja nochmal zusätzliche Arbeit, bei der er mich unterstützt. Und ich brauche das auch.
Wie war das Zweitstudium dann damals für dich? Es war hart. Das Studium fand ich schon hart. Aber ich hab unglaublich viel organisieren gelernt. Wenn andere Studierende ohne Familienpflichten um 10 zur Vorlesung kamen, hatte ich schon ein halbes Tagewerk hinter mir. Aber ich merkte auch, dass ich dadurch viel besser in der Lage war, meinen Tag sehr gut zu organisieren. Das war dann auch ein Vorteil, den ich anderen gegenüber hatte.
Du hattest ja auch schon einmal studiert und wusstest wie das läuft. Ja. Das stimmt. Eine interessante Erfahrung war auch, dass ich in meinem ersten Studium eher „passiv“ studiert habe, was halt angeboten wurde. Da habe ich erst so gegen Ende meine eigenen Interessen gefunden. In dem Zweitstudium wusste ich vom ersten Tag an, was mir nicht gefällt. Da war mir einfach klar, dass ich keine Zeit in einer schlechten Vorlesung vergeuden wollte und dass ich das selber in die Hand nehmen will.
Würdest du nochmal wechseln? Ja. Das finde ich einen großen Gewinn! Ich bin in meinem Arbeitsgebiet, der Informatik, schon von Anfang an in sehr interdisziplinären Bereichen tätig, was ich als unglaublich bereichernd empfinde. Und es wird, glaube ich, in der Informatik auch geschätzt, dass ich beide Hintergründe mitbringe und gewissermaßen eine Grenzgängerin bin. Ich habe eine gewisse Vermittlungsposition zwischen den Anwendungsfeldern, das ist meine Stärke und die gibt mir persönlich auch viel Kraft. Ich habe den Eindruck, dass ich mit diesem Spagat auch etwas Besonderes in die Informatik mit einbringen kann.
Gerade jetzt in meiner neuen Position als Konrektorin kann ich dieses Verständnis für unterschiedliche Fachrichtungen gut gebrauchen. Ich bin in beiden Wissenschaftskulturen irgendwie zuhause und kenne sie – bis heute. Und das hilft mir auch in meinem neuen Amt, unterschiedliche Fachbereiche besser zu verstehen, und deren Probleme und deren Möglichkeiten und Stärken auch sehen zu können.
Was würdest du Studierenden raten, die nach ihrem Abschluss oder vielleicht auch während des Studiums mit dem Gedanken spielen, doch nochmal was anderes zu studieren, oder vielleicht sogar abzubrechen und sich ganz neu zu orientieren? Also, es gibt Situationen wo man sagt, das ist nun gar nichts für mich. Und dann sollte man auch abbrechen oder wechseln. Aber wenn sich die Frage nicht so scharf stellt, würde ich immer raten: „Mensch, schließ das doch erst mal ab. Dann hast du eine Qualifikation auf der du etwas Neues aufbauen kannst.“ Das sehe ich als einen Vorteil des Bachelors: Man hat nach nicht allzu langer Zeit einen Abschluss und dann kann man noch etwas anderes anfangen. Ich glaube, man HAT dann auch eine Qualifikation. Das ist nicht nur das Zeugnis. Denn wenn man schon mal so eine Abschlussarbeit geschrieben hat, dann steht man auch in dem Fach. Und dann fühlt man sich vielleicht auch noch eher als „Politologe“ oder „Biologin“ und kann nachher von beiden Disziplinen profitieren.
Vielen Dank Heidi!!
Zur Vita von Heidi Schelhowe geht es hier: Klick!
Hier geht es zu den anderen Erfahrungsberichten der Reihe „Die Qual der Wahl" (einfach auf den Titel klicken):
Die Qual der Wahl I - Studienfachwechsel oder nicht?
Die Qual der Wahl II - Keine Angst vorm Wechsel!
Die Qual der Wahl III – Zum Glück wechseln!