Packt euch bei diesem Wetter eigentlich auch das Fernweh? Also mich schon. Deswegen bin ich über die Ferien ausgerissen und hab den besten Thomi aller Zeiten in Istanbul besucht. Der verweilt dort nämlich seit August und lernt etwas über die Stadt, die Leute und ein bisschen für die Uni. Und weil das alles wirklich schön und interessant ist, habe ich mit Thomi Interview über Stadt, Leute und ein bisschen über Uni geführt.
Moin Thomi, erst mal wie geht’s dir nach knapp 5 Monaten Istanbul?
Mir geht’s eigentlich sehr gut. Ich merke nur langsam, dass die Zeit hier zu Ende geht. Das ist einerseits irgendwie ziemlich traurig, weil es heißt von einigen sehr lieb gewonnenen Menschen Abschied nehmen zu müssen. Andererseits freu ich mich auch schon auf meine Freunde und meine Familie in Deutschland. Es wird Zeit, dass ich die alle mal wieder in Natura sehe und nicht nur übers Internet.
Ist es zurück blickend denn eine gute Entscheidung gewesen, ein Auslandssemester zu machen?
Auf jeden Fall! Am Anfang war ich mir da noch nicht so sicher. Die Zeit war mit viel Stress verbunden. Und dann die Ungewissheit, ob das alles so klappt wie ich mir das vorstelle. Aber als ich hier dann richtig angekommen bin, war es einfach nur fantastisch. Ich habe in der doch recht kurzen Zeit so viel erlebt. Das wäre in der Form im Alltagsleben von Bremen nie möglich gewesen. Ich glaube, dadurch hab ich mich als Mensch auch nochmal ganz anders entwickeln können. Mal Abstand gewinnen, Sachen aus einer anderen Perspektive sehen, Eingefahrenes hinterfragen. Aber auch zu merken, was mir wirklich wichtig ist. Das sind Erfahrungen die ich nicht missen möchte und die ich mit in die Zukunft nehmen werde.
Was hat dir besonders gut gefallen?
Ich habe mich einfach in diese wunderschöne Stadt verliebt. Wer noch nicht hier war sollte das unbedingt nachholen. Da jetzt irgendwas besonders herauszugreifen, geht nicht. Diese Stadt bietet gefühlt alles was man will.
Aber das schönste war einfach dieses Gefühl von Freiheit. Sich einfach mal gehen lassen können und nicht wie im Alltag den Creditpoints nachrennen zu müssen. Einfach auch mal blöde dumme Sachen machen, viel reisen können und Leuten aus anderen Ländern begegnen.
Und was war eher nicht so angenehm?
Dieser ganze Behördenkram war doch sehr lästig. Ich weiß nicht wie viel Zeit ich damit verschwendet habe, irgendwelchen Unterschriften hinterher zu jagen, auf irgendwelchen Ämtern rumzusitzen und irgendwelche Formulare zu besorgen. Ich glaube das ist für jeden Erasmus-Studierenden das selbe. Speziell Istanbul betreffend hat mich die schiere Größe dieser Stadt und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten schon manchmal ganz schön genervt. Man braucht teilweise einfach Stunden um von A nach B zu kommen. Vielleicht zur Veranschaulichung: Um meine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, musste ich persönlich zur Ausländerpolizei. Für eine Strecke brauchte ich etwa 2 bis 3 Stunden. Dann nochmal vor Ort warten, die Sicherheitskontrollen hinter mich bringen und der ganze Kram. Nach etwa einer Stunde rumstehen hatte dann jemand die Freundlichkeit mir zu sagen, dass mein Antrag trotz vereinbartem Termin noch nicht bearbeitet wurde und ich an einem anderen Tag wiederkommen solle. Insgesamt musste ich 4 mal dort auftauchen, bis ich endlich meine Aufenthaltsgenehmigung hatte.
Unterscheidet sich das Leben der Studierenden im Gegensatz zu Deutschland?
Eher weniger. Ich glaube das hängt aber auch stark von der jeweiligen Uni und dem Studienfach ab. Also so wie in Deutschland auch. Ich habe den Eindruck, hier ist das Studieren viel verschulter als in Deutschland. Es läuft ganz viel über Frontalunterricht. Der Dozent kaut irgendwas vor, die Studis notieren sich alles und kotzen es in den Prüfungen wieder aus. An sich müssen die Studis aber im Laufe des Semesters vom Arbeitsaufwand her mehr machen als z.B. wir bei Kulturwissenschaft in Bremen. Die Aufgaben sind nicht so anspruchsvoll, aber zeitraubend. Das war zumindest mein persönlicher Eindruck. Aber im Privatleben sind sich die deutschen und die türkischen Studis, soweit ich das mitbekommen hab, sehr ähnlich. Es kann aber auch sein, dass ich mich jetzt stark täusche und ich nur die Ausnahmen hier kennengelernt habe.
Wie war denn deine Uni in Istanbul?
Anders :) Ich bin an der Yeditepe. Das ist eine der vielen Privatunis hier. Dementsprechend wird hier viel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt. Das fängt schon bei den Studis an. Bei vielen hatte ich ein bisschen den Eindruck, dass sie Uni mit einem Catwalk verwechseln. Status ist wichtig. Vielleicht sogar das wichtigste für viele. Auch bei der Ausstattung hab ich so das Gefühl, dass mehr Wert auf den „Wohlfühlfaktor“ der Studis gelegt wird als auf eine optimale Lehrausstattung. Es gibt zum Beispiel unglaublich viele Orte, wo man Essen gehen kann. Verhungern muss hier keiner, solange er genügend Geld dabei hat. Für Freizeitunterhaltung ist auch gesorgt. Entertainmentzentren, Billardtische, Swimmingpool -alles da. Die Bibliothek fällt da im Vergleich eher bescheiden aus. Mein Geschmack war das weniger.
Hast du noch Erfahrungen, die du gern mit anderen Interessierten eines Auslandssemester teilen möchtest?
Macht es wenn ihr könnt! Aber unterschätzt nicht die Kosten. Kümmert euch frühzeitig um Stipendien etc. Aber das klappt schon alles. Und wenn ihr dann da seid: haltet euch ein bisschen von diesem typischen Erasmus-Quatsch fern. Erasmus-Parties sind meistens richtig mies. Sucht euch wenn möglich Einheimische und versucht das (Alltags-)Leben dort kennen zu lernen. Es ist einfach unglaublich spannend, mal so die Unterschiede zwischen Deutschland und den Aufenthaltsländern mit eigenen Augen zu sehen.
Dann danke für die Antworten und danke für deine Gastfreundschaft! :)