Ein Blick über meine neue Heimat Brüssel
Die EULe befindet sich meist mitten im Bremer Uni-Geschehen. Heute mache ich eine Ausnahme und erzähle aus dem Herzen Europas. Als ehemalige EULe verbringe ich gerade ein Erasmus Auslandssemester in Brüssel und werfe aus 500km Entfernung einen Blick auf unsere Bremer Uni und das Leben als Austauschstudentin.
Wie ich nach Brüssel kam
Dass ich ein Semester im Ausland studieren wollte, stand für mich schon lange fest. Ich habe Spaß daran, mich an einem neuen Ort einzuleben, gleichzeitig bietet sich eine gute Gelegenheit, mein Schulfranzösisch aufzupolieren. Ich spielte mit dem Gedanken, einen Austausch-Vertrag mit der Universität von Guadeloupe oder Martinique aufzubauen. Schön weit weg, schön warm, perfekt. Und sehr viel Papierkrams, wie sich herausstellte. Die Monate flogen vorbei, ohne dass ich diese Hürde in Angriff genommen habe und plötzlich stand die Anmeldefrist im Februar jeden Jahres vor der Tür. Ich fühlte mich gerade sehr wohl in Bremen, war in mehrerlei Hinsicht an die Stadt gebunden und die Variante einer kontinentaleuropäischen Gast-Uni erschien mir schon sehr viel sympathischer. Auf die letzte Minute reichte ich alle Dokumente, Formulare und Motivationsschreiben ein und bekam ein paar Wochen später die Zusage für unseren Nachbarn Belgien.
Im September ging es los. Ich gab meine WG auf, verstaute mein Leben in den Abstellkammern meiner Freunde und zog nach Brüssel, um dort bis Januar 2012 an den Facultés Universitaires Saint-Louis zu studieren. Das berühmt-berüchtigte Erasmus Leben bekam ich gleich als volle Portion serviert: Um mir die Wohnungssuche zu erleichtern habe ich mich in ein Wohnheim der Uni einquartiert, und lebe nun mit rund 40 anderen Erasmuslern in bunter Gemeinschaft. Die europäische Sprachvielfalt mischt sich mit Französisch, Feiern und Zusammensitzen, Brüssel und Belgien erkunden stehen auf dem Tagesplan. Achja, und natürlich die Uni.
Die Uni
Ich studiere nicht an der Haupt-Uni von Brüssel, sondern an einer kleiner katholischen Uni, die gerade einmal drei Fakultäten und 2.000 Studierende zählt. Dementsprechend läuft vieles anders als in Bremen und zeigt mir eine neue Seite des Studiums. Architektonisch gesehen kann meine FUSL gut mit Bremen mithalten: 70er Jahre Stahl-Beton, keineswegs eine Schönheit. Direkt neben den drei Gebäuden, die immer noch in einer für mich mysteriösen Weise ineinander übergehen, grenzen zwei Schulen und ein Krankenhaus an. Ihr könnt euch denken, wie es um den Lärmpegel der Bibliothek bestellt ist! Das Auffälligste jedoch ist für mich: hier sieht so gar nicht nach Uni aus wie ich es gewöhnt bin! Es ist spannend mit anzusehen, wie ein sehr präziser Ausschnitt aus der belgischen Bevölkerung versammelt ist. Um es ein bisschen überspitzt auszudrücken: hier trifft Hilfiger auf Longchamp. Ich habe noch keinen einzigen kritischen, linken, rechten, wie auch immer gearteten Flyer, Banner oder eine studentische Veranstaltung erblicken können. Das Uni-Leben scheint leider bis auf auf ein paar Uni-Parties hauptsächlich aus Vorlesungen zu bestehen. A propos Vorlesungen: ähnlich wie in Frankreich sind die belgischen Kurse fast ausschließlich im Vorlesungs-Stil gehalten. Seminare, welche bei uns in vielen Studiengängen an der Tagesordnung sind, sind hier die Ausnahme. Da die Veranstaltungen immer zwei volle Stunden gehen, ist ein hohes Durchhaltevermögen gefragt. Besonders, wenn zwei Veranstaltungen hintereinander auf dem Stundenplan stehen, denn eine Pause zwischen zwei Blöcken gibt es leider nicht.
Neben den gewöhnungsbedürftigen Seiten des Uni-Lebens habe ich aber auch eine Reihe positiver Erfahrungen gemacht. Die geringe Zahl der Studierenden bringt eine familiäre Stimmung mit sich. In meinen Kursen kennen sich fast alle untereinander, und wenn ich als „Neue“ durch die Gänge laufe, blicke ich immer wieder in mir bekannte Gesichter. Was mir ebenfalls positiv auffällt ist, dass sich die Studiengänge untereinander mehr mischen. Wer in Bremen Rechtswissenschaften studiert, ist auch fast ausschließlich von RechtswissenschaftlerInnen umgeben. Da die Bandbreite an Studiengängen in der FUSL beschränkt ist, werden viele Kurse von mehreren Studiengängen besucht. Einerseits kommt es damit zu einer breiteren Grundausbildung und einem Blick über den Tellerrand in angrenzende Wissenschaften, andererseits sind die Freundschaften hier nicht auf den eigenen Studiengang beschränkt. Eine weitere mir neue Eigenschaft der Uni ist, das hier dreisprachig unterrichtet wird! Neben der Hauptsprache Französisch, werden Kurse in der zweiten Landessprache Niederländisch ebenso wie in Englisch angeboten. Ich habe mich auf einen englischen Kurs beschränkt und sitze ansonsten vor mehr oder auch weniger deutlich sprechenden französisch sprachigen Belgiern. Das ist nicht immer einfach und verstehen tue ich noch längst nicht alles, aber es ist auch ein befriedigendes Gefühl, jede Woche ein bisschen besser folgen zu können.
Ein vorläufiges Fazit
Während das Bremer Semester gerade erst Fahrt aufnimmt, habe ich in Brüssel nur noch einen Monat an Unterricht vor mir. Danach geht es in die Weihnachtsferien und im Januar steht die Examensphase an, der ich noch etwas skeptisch entgegensehe. Neben den vielen neuen Freunden, die Erfahrung in einer neuen Stadt zu leben und das beste Bier der Welt zu trinken hat mir das Erasmus Semester die Augen dafür geöffnet, wie Uni auch aussehen kann, mit ihren Vor- und Nachteilen. Ich will meinen Bericht nicht mit der Empfehlung schließen, dass ihr jetzt sofort alle hierherkommen sollt. Vielmehr sei euch ans Herz gelegt darüber nachzudenken, ob ihr euch nicht auch Anfang des nächsten Jahres um einen Erasmus-Platz oder auf eine Uni-Partnerschaft außerhalb Europas bewerbt. Denn egal wer, wann und wo: Ich bin mir sicher, dass ihr viel über euch lernen und natürlich – eine Menge Spaß haben werdet!
Infos zu Partnerschaften, dem Bewerbungsverfahren und ganz allgemein zum Auslandssemester findet ihr unter diesem Link.
Und auch in Bremen könnt ihr in Kontakt mit AustauschstudentInnen treten, zum Beispiel über das Programm „Study Buddy“ (Brenda berichtete bereits hier darüber) oder eine Tandem-Partnerschaft zum Sprachen lernen. Hier der Link dazu: www.fremdsprachenzentrum-bremen.de/189.0.html
Bis bald in Bremen! Und einen lieben Gruß aus Brüssel…
Fotoquelle: eigene Aufnahmen