03 Materialwissenschaften und ihre Technologien

Der Wissenschaftsschwerpunkt adressiert die Produktionswissenschaften mit Fokus auf materialwissenschaftliche Aspekte. Ein Bremer Herausstellungsmerkmal besteht darin, dass der WSP die gesamte ingenieurwissenschaftliche Produktionskette vom Umformen über alle weiteren Ver- und Bearbeitungsverfahren bis zur Oberflächenveredelung für eine breite Palette von Werkstoffen und Halbzeugen wie Metalle, Keramik, Halbleiter, Kunststoffe, Fasern, Schäume oder Verbundwerkstoffe umfasst. Dabei werden nicht nur rein technologische Forschungsfragen adressiert, sondern auch betriebswissenschaftliche Aspekte mit berücksichtigt. Die Forschungsarbeiten entstehen aus der Kooperation des Fachbereichs Produktionstechnik mit Arbeitsgruppen aus der Mathematik, Informatik, Physik, Physikalischen Chemie und Elektrotechnik sowie mit außeruniversitären Einrichtungen wie dem Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung (IFAM), der Stiftung Institut für Werkstofftechnik (IWT), dem Bremer Institut für angewandte Strahltechnik (BIAS), dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und dem Bremer Institut für Produktion und Logistik (BIBA).

Das Ergebnis dieser engen Kooperation sind zwei Sonderforschungsbereiche, ein Transregio-SFB sowie eine DFG-Forschergruppe. Im SFB 570 „Distortion Engineering“ werden die ursächlichen Mechanismen für den bei der Wärmebehandlung von Stahlbauteilen auftretenden Verzug systematisch erforscht. An drei ausgewählten Modellbauteilen, einem Lagerring, einer Welle und einem Zahnrad, werden in den jeweils zugehörigen Fertigungsketten Methoden zur Vermeidung und zur Kompensation von Verzügen erarbeitet. Das zentrale Anliegen des SFB 747 „Mikrokaltumformen“ ist die Bereitstellung von Prozessen und Methoden für die umformtechnische Herstellung metallischer Mikrokomponenten, wobei die für den Umformprozess von der Werkstoffentwicklung bis hin zur Bauteilprüfung wesentlichen Aspekte einbezogen werden. Das Forschungsprogramm stellt den Sonderforschungsbereich auf eine breite Basis von der Werkstoffentwicklung über die Prozesse und deren Optimierung bis hin zu planerischen Aspekten der mikroumformtechnischen Fertigung. Das Ziel des transregionalen SFB/TR4 „Prozessketten zur Replikation komplexer Optikkomponenten“ ist es, die wissenschaftlichen Grundlagen zur deterministischen und kostengünstigen Herstellung von optischen Bauelementen mit komplexen Geometrien zu erarbeiten. Dies wird durch den Aufbau geschlossener Prozessketten erreicht, wobei zwei in ihrem Potenzial weitgehend unerschlossene Technologien zusammengeführt werden, nämlich der Formenbau für optische Komponenten und die Replikationsverfahren Blankpressen und Spritzgießen. Der SFB wird in Kooperation mit den Standorten Aachen und Stillwater/Oklahoma, USA durchgeführt.

Im Wissenschaftsschwerpunkt sind zudem ein Reinhart-Koselleck-Projekt (Entwicklung mineralölfreier Kühlschmierstoffe aus den Bestandteilen von Mikroorganismen), eine DFG-Forschergruppe mit dem Faserinstitut Bremen (Bauweisen für CFK-Aluminium-Übergangsstrukturen im Leichtbau) und ein DFG-Graduiertenkolleg (Nichtmetallische poröse Strukturen für physikalisch-chemische Funktionen) verortet.

Forschende aus elf Einrichtungen (drei Fachbereiche der Universität und acht inner- und außeruniversitäre Forschungsinstitute) haben sich 2008 in der Organisationsform einer Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung der Universität zusammengeschlossen, um als „Integrated Solutions in Sensorial Structure Engineering“ (ISIS) ein ambitioniertes Forschungsprogramm im Bereich der sensorischen Materialien für „intelligente“ Produkte zu bearbeiten. Die Vision besteht darin, Werkstoffe und Bauteile zu entwickeln, die Daten über ihren momentanen Zustand oder ihre unmittelbare Umgebung erheben und interpretieren können. Die Zusammenarbeit der Mitglieder des Verbunds deckt alle Aspekte zur Werkstofftechnik, Fertigungstechnik und zur Informationsverarbeitung bis hin zur Energieversorgung ab. Langfristig soll ISIS die Verbreitung integrierter Sensorik auf verschiedensten Anwendungsfeldern durch technologische Innovationen fördern und innerhalb der Universität die langfristige Forschungsplanung auf dem Gebiet der Funktionalisierung von Materialien und ihren Oberflächen koordinieren.

Transferorientierte Anwendungsgebiete des Wissenschaftsschwerpunktes sind neben den klassischen Bereichen Maschinenbau und Verfahrenstechnik auch Luft- und Raumfahrt, Automobilbau, Umwelttechnik, optische Technologien und erneuerbare Energien. In der Windenergietechnik hat die Universität Bremen im Verbund Forwind und zusammen mit wissenschaftlichen und industriellen Partnern aus Nordwestdeutschland die Finalrunde des Spitzencluster-Wettbewerbs des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erreicht. Der Antrag wird vom Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) koordiniert. Dabei geht es um den Ausbau der Offshore-Windenergietechnik durch den Aufbau einer funktionierenden Wertschöpfungskette im Cluster, die sich auf abgestimmte Lieferketten zwischen den beteiligten Unternehmen mit gemeinsamen Schnittstellen und einheitlichen Qualitätsmerkmalen und Standards stützt. Diese „Industrialisierung“ der Zusammenarbeit und die Lösung darüber hinaus bestehender technologischer und ökologischer Herausforderungen soll im Rahmen der angestrebten Spitzencluster-Förderung erreicht werden.

Mit dem Ausbau der „Computational Materials Science“ seit 2007 einschließlich zweier Stiftungsprofessuren wurde innerhalb des Wissenschaftsschwerpunktes eine Verbindung zwischen Produktionstechnik und Physik geschaffen. Das dazu gegründete Bremen Center for Computational Materials Science (BCCMS) befasst sich mit der computergestützten theoretische Materialforschung. Mit dem Einsatz von skalenübergreifenden Methoden, die von der quanten-mechanisch atomistischen Ebene über vergröberte Ansätze bis zur kontinuumstheoretischen Beschreibung reichen, sollen insbesondere Fragestellungen zum Strukturdesign von komplexen Werkstoffen bearbeitet werden, um in enger Kooperation mit experimentellen Instituten und Industriepartnern neue funktionelle Bauelemente und Werkstoffe zu entwickeln. Das BCCMS kooperiert mit der Universität Groningen als nahe gelegener niederländischer Spitzenuniversität.

ECO-C Flachschleifen

Die weiteren internationalen Kontakte des Schwerpunktes sind vielfältig: Seitens der Produktionstechnik ist die Oklahoma State University mit einem Teilprojekt im SFB/TR4 integriert; regelmäßiger Austausch von Studierenden, Mitarbeitern/-innen und Professoren/-innen findet beispielsweise auch mit dem Singapore Institute of Manufacturing Technology, der University of North Carolina at Charlotte und der Université de Nancy statt. Innerhalb des Profilbereichs nimmt der Fachbereich Produktionstechnik mit seiner Drittmittelstärke und der vielfach belegten internationalen Reputation seiner Akteure eine Schlüsselrolle ein. So stellt der Fachbereich beispielsweise vier der maximal möglichen 20 deutschen Fellows in der Internationalen Akademie für Produktionstechnik, CIRP. Darüber hinaus belegen zwei Leibniz-Preisträger, ein ERC Advanced Grant, ein ERC Starting Grant und Rang 3 in der Einwerbung von DFG-Mitteln pro Professur eindrucksvoll die Leistungskraft der Bremer Ingenieurwissenschaften und insbesondere der Produktionstechnik und zeigen die Bedeutung Bremens als Zentrum für die produktionstechnische Bearbeitung neuer Werkstoffe.

Das Zukunftskonzept sieht vor, diesen für die Universität zentralen Profilbereich zu stärken und auf der soliden Grundlage der vorhandenen Kompetenzen in Forschung und Lehre qualitativ und quantitativ weiterzuentwickeln. Dabei sollen kooperativ in einem Gesamtverbund vor allem die Material-, Prozess- und Produktionskompetenzen des Profilbereichs genutzt und ausgebaut werden, um die bereits laufende Funktionalisierung von Materialien und ihren Oberflächen weiter voranzutreiben. Damit leitet der Profilbereich einen Paradigmenwechsel hin zu untereinander und über das Internet vernetzten intelligenten Produkten ein. Derartige Materialien zeichnen sich durch intrinsische sensorische Fähigkeiten aus und bilden die Grundlage für völlig neue Produkte mit dramatisch veränderten Eigenschaften bis hin zu Fähigkeiten, autonome Entscheidungen zu treffen. Die Einbindung derartiger Materialien in die Produktionsprozesse hat das Potenzial, die Produktion als Ganzes tiefgreifend zu verändern.

Ausgewählte Publikationen

Aradi B., Hourahine B, Frauenheim T (2007). "DFTB+, a sparse matrix-based implementation of the DFTB method", J. Phys. Chem. A, 111 (26) 5678 - 5684 

Brinksmeier E, Aurich JC, Govekar E, Heinzel C, Hoffmeister HW, Klocke F, Peters J, Rentsch R, Stephen-son DJ, Uhlmann E, Weinert K, Wittmann M (2006). "Advances in modeling and simulation of grinding processes", CIRP Ann-Manuf. Technol., 55 (2) 667 - 696

Brinksmeier E, Glab R, Osmer J (2006). "Ultra-precision diamond cutting of steel molds", CIRP Ann-Manuf. Technol., 55 (1) 551 - 554

Kessler O, Prinz C., Sackmann T, Nowag L, Surm H, Frerichs F, Lubben T, Zoch HW (2006). "Experimental study of distortion phenomena in manufacturing chains", Materialwiss. Werkstofftech., 37 (1) 11 - 18

Nel AE, Madler L, Velegol D, Xia T, Hoek EMV, Somasundaran P, Klaessig F, Castranova V, Thompson M (2009). "Understanding biophysicochemical interactions at the nano-bio interface", Nat. Mater., 8 (7) 543 - 557

Nolan M, O'Callaghan S, Fagas G, Greer JC, Frauenheim T. (2007). "Silicon nanowire band gap modifica-tion", Nano Lett., 7 (1) 34 - 38

Pal E, Zöllmer V, Lehmhus D. Busse M (2011). „Synthesis of Cu0.55Ni0.44Mn0.01 alloy nanoparticles by solution combustion method and their application in aerosol printing”, Colloids and Surfaces A: Physicochem. Eng. Aspects, 384 (1-3) 661 - 667

Rezwan K, Chen QZ, Blaker JJ et al. (2006). „Biodegradable and bioactive porous polymer/inorganic composite scaffolds for bone tissue engineering”, Biomaterials 27 (18) 3413 - 3431

Schmidt T, Flege JI, Gangopadhyay S, Clausen T, Locatelli A, Heun S, Falta J (2007). "Alignment of Ge nanoislands on Si(111) by Ga-induced substrate self-patterning", Phys. Rev. Lett., 98 (6)

Tausendfreund A, Patzelt S, Goch G (2010). „Parallelisation of rigorous light scattering simulation algo-rithms for nanostructured surfaces”,  CIRP Annals - Manufacturing Technology 59 (1) 581 - 584

Thillosen N, Sebald K, Hardtdegen H, Meijers R, Calarco R, Montanari S, Kaluza N, Gutowski J, Luth H (2006). "The state of strain in single GaN nanocolumns as derived from micro-photoluminescence measurements", Nano Lett., 6 (4) 704 -708

Tomba G, Ciacchi LC, De Vita A (2009). "Atomic-Level Studies of Molecular Self-Assembly on Metallic Surfaces", Adv. Mater., 21 (10-11) 1055 - 1066

Ulrich SM, Gies C, Ates S, Wiersig J, Reitzenstein S, Hofmann C, Loffle, A, Forchel A, Jahnke F, Michler P (2007). "Photon statistics of semiconductor microcavity lasers", Phys. Rev. Lett., 98 (4)

Vollertsen F, Biermann D, Hansen HN, Jawahir IS, Kuzman K (2009). "Size effects in manufacturing of metallic components", CIRP Ann-Manuf. Technol., 58 (2) 566 - 587

Vollertsen F, Niehoff HS, Hu Z (2006). "State of the art in micro forming", Int. J. Mach. Tools Manuf., 46 (11) 1172 - 1179

Wiersig J, Gies C, Jahnke F, Assmann M, Berstermann T, Bayer M, Kistner C, Reitzenstein S, Schneider C, Hofling S, Forchel A, Kruse C, Kalden J, Hommel D (2009)."Direct observation of correlations between individual photon emission events of a microcavity laser", Nature, 460 (7252) 245 - U108

Wischmeier L, Voss T, Ruckmann I, Gutowski J, Mofor AC, Bakin A, Waag A (2006). "Dynamics of sur-face-excitonic emission in ZnO nanowires", Phys. Rev. B, 74 (19)

Wittstock A, Zielasek V, Biener J, Friend CM, Baumer M (2010). "Nanoporous Gold Catalysts for Selec-tive Gas-Phase Oxidative Coupling of Methanol at Low Temperature", Science, 327 (5963) 319 - 322

Xia T, Kovochich M, Liong M, Madler L, Gilbert B, Shi HB, Yeh JI, Zink JI, Nel AE (2008). "Comparison of the Mechanism of Toxicity of Zinc Oxide and Cerium Oxide Nanoparticles Based on Dissolution and Oxidative Stress Properties", ACS Nano, 2 (10) 2121 - 2134

Zielasek V, Jurgens B, Schulz C, Biener J, Biener MM, Hamza AV, Baumer M (2006). "Gold catalysts: Nanoporous gold foams", Angew. Chem.-Int. Edit., 45 (48) 8241 - 8244