Exzellente Forschung: Interview

Junger Mann sitzt am Tisch
© Harald Rehling / Uni Bremen"Mit unseren 'Creative Units' fördern wir besonders die Geisteswissenschaften."
Mann unterhält sich mit Frau am Tisch
© Harald Rehling / Uni Bremen"Durch die Exzellenzinitiative verspreche ich mir einen Zuwachs an Internationalen Studierenden."
Junger Mann sitzt am Tisch und spricht
"Die Promotion ist der kleinste Baustein der Forschung, der bestmögliche Ergebnisse erzielen sollte."
Junger Mann sitzt am Tisch
© Harald Rehling / Uni Bremen"Für mich ist eine Promotion wie ein Fußballspiel: Wenn man spielt, weiß man nicht, ob man gewinnt. Aber wichtig ist, dass man die Regeln kennt."

„Wir wollen Lehre und Forschung noch stärker zusammenführen“

Seit April 2013 ist der Materialwissenschaftler Professor Kurosch Rezwan neuer Konrektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Bremen. Die Jahrbuchredaktion sprach mit dem 38-jährigen Schweizer iranischer Abstammung: Über die Herausforderungen in diesem Amt im Rahmen der Exzellenzinitiative und welche Bedeutung für ihn die Lehre hat.

Herr Rezwan, zu Beginn Ihres Amtes haben Sie einmal gesagt, dass Sie die Exzellenzinitiative mit Augenmaß meistern und das Zukunftskonzept „Agil und Ambitioniert“ den universitären Bedürfnissen entsprechend realisieren wollen. Inwieweit ist Ihnen das bisher gelungen?

Rezwan: Ein gutes Gespräch auf Augenhöhe mit den entsprechenden Personen zu führen und diese weitestgehend einzubinden heißt für mich, etwas mit Augenmaß zu meistern. Denn mir geht es nicht um Top-Down-Entscheidungen. Die Themen, die wir beim Zukunftskonzept angehen, müssen wir gemeinsam umsetzen. Mir ist eine gewisse demokratische Haltung sehr wichtig. Das kommt sicherlich daher, dass mein Heimatland Schweiz sehr basisdemokratisch ist. An der Universität Bremen erlebe ich eine ähnliche Haltung. Darüber bin ich sehr froh. Gleichzeitig ist es wichtig, dass nach einer gewissen Zeit Entscheidungen getroffen werden, um weiterzukommen. Schön ist, dass wir alle Vorhaben aus dem Zukunftskonzept im Jahr 2013 anstoßen konnten

Zum Beispiel?

Wir haben im Rahmen des Zukunftskonzepts ein Format, das sich Creative Units nennt. Das sind Gruppen von Wissenschaftlern, die gemeinsam neue Forschungsgebiete entwickeln. Das Förderangebot richtet sich an alle Fachbereiche. Diese Gruppen erhalten ein Höchstmaß an Freiräumen zur Entfaltung ihrer wissenschaftlichen Kreativität. Ende 2013 gab es bereits vier Creative Units. Was ich dabei positiv finde: Insbesondere die Geisteswissenschaften werden hier sehr stark gefördert, weil sie uns mit ihren Konzepten überzeugt haben.

Wo gab es Schwierigkeiten?

Ein wichtiges Zugpferd unserer Universität ist das Thema Kooperation. Wir verstehen uns als eine integrierende Plattformüber die man sich in Lehre und Forschung austauschen und vernetzen kann. Dazu gehören ganz besonders die außeruniversitären Institute wie Max-Planck, Leibniz, Alfred-Wegener und Fraunhofer. In unserem Zukunftskonzept ist angedacht, diese Kooperationen zu stärken – etwa mit weiteren Kooperationsprofessuren und Nachwuchsgruppen. Bei letzteren sind wir noch nicht so weit, wie wir sein wollten. Zum Teil gab es Probleme bei den Ausschreibungen oder in der Abstimmung zwischen Uni und den jeweiligen Instituten. Etwas besser sieht es bei den Kooperationsprofessuren aus.

Ein Ziel ist ja auch, die Internationalisierung voranzutreiben, so dass mehr internationale Studierende und Forschende an die Uni Bremen kommen.

Hier muss man bei den Regionen unterscheiden: USA und England sind schwierig, weil diese Länder Institutionen haben, die sehr attraktiv sind. Trotzdem schaffen wir es vereinzelt. Aus Europa und aus Asien ist es uns tatsächlich öfters gelungen, Leute zu gewinnen. Ende 2013 ist gerade ein Kollege aus der Schweiz für eine Professur hergekommen. Was wir auch feststellen, ist, dass die elf Exzellenzuniversitäten in Deutschland für internationale Studierende sehr interessant sind. Deshalb verspreche ich mir für uns einen Zuwachs an Internationalen Studierenden über die nächsten Jahre. Zurzeit haben wir bereits einen bemerkenswerten Anteil von 10 bis 12 Prozent.

Kritiker sagen, dass bei der Exzellenzinitiative die Lehre zu kurz kommt. Wie stehen Sie dazu?

Forschung und Lehre ist für mich ein zentrales Thema. Ich kann zu keinem Thema eine Vorlesung halten, zu dem ich nicht forsche. Bei dem Zukunftskonzept haben wir von Beginn an die Schwierigkeit gehabt, dass die Forschung im Rahmen der bundesweit vorgegebenen Ausschreibung Schlagseite hatte. Von Seiten der Studierenden gab es Proteste, was ich nachvollziehen kann. 2013 haben wir versucht herauszuarbeiten, welche positiven Effekte diese Forschungsprojekte auf die Lehre haben. In den nächsten Jahren wird das noch deutlicher, denn die Erfolgsgeschichten fangen ja erst an.

Welche positiven Effekte gibt es denn für die Lehre?

Im Rahmen der Forschungsprojekte promovieren Nachwuchswissenschaftler Für ihre Wissenschaft benötigen sie Studierende, die in den Projekten mitarbeiten. Das ist „Forschendes Lernen“ und eine Spezialität unserer Universität. Je mehr Forschungsprojekte wir haben, desto öfter haben unsere Studierenden die Möglichkeit, neben Vorlesungen in solchen Vorhaben mitzuarbeiten. Für uns Forschende ist dieser Effekt  selbstverständlich. Aber wir müssen ihn stärker kommunizieren. Meine Kollegin Professorin Heidi Schelhowe, Konrektorin für Lehre und Studium, und ich sind sehr darauf bedacht, Lehre und Forschung in Zukunft noch stärker zusammenzuführen.

Machen wir eine Zeitreise: Wie hat sich die Uni Bremen im Laufe Ihrer ersten Amtszeit bis 2015 im Bereich Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs verändert?

Ich habe das Amt in der Absicht angetreten, es für mindestens fünf Jahre zu machen. Denn ich glaube nicht, dass in nur zwei Jahren so viele Veränderungen bereits wirken und sichtbar werden können. Die Förderformate der Exzellenzinitiative sind dann drei Jahre gelaufen. Dieser Zeitraum ist in der Forschung eine magische Grenze. Denn erst nach drei Jahren ist ein Forschungsprojekt zu einem wertvollen Keim gewachsen, mit dem man weiterarbeiten kann. 2015 wäre der Zeitpunkt für eine Zwischenanalyse. Dann können wir gegebenenfalls nachjustieren und die Kolleginnen und Kollegen nachhaltig für die Zukunft unterstützen, wenn die Finanzierung 2017 ausläuft.

Welche Themen gibt es neben der Exzellenzinitiative noch?

Das eine wichtige Thema ist die Systemakkreditierung, die von meiner Kollegin Heidi Schelhowe vorangebracht wird.  Bis 2015 sollten wir die Zeit nutzen, um unsere Studiengänge selbst  evaluieren zu können und nicht mehr externe Gutachter diese Aufgabe übernehmen. Das andere wichtige Thema ist die Qualitätssicherung der Promotion: dieser Begriff klingt zunächst langweilig, ist aber im Wissenschaftsalltag ein sehr fundamentales Thema. Denn auch die Wissenschaftspolitik hat hierzu viele Fragen an uns, die wir beantworten müssen.

Können Sie das erläutern?

Für mich ist die Promotion der kleinste Baustein der Forschung, der bestmögliche Ergebnisse erzielen sollte. Denn wenn ich unsere gesamte Forschung als Puzzle betrachte, kann das Ganze nur mindestens so gut sein wie seine Einzelteile. Deshalb ist es wichtig, dass wir sicherstellen und uns fragen, ob wir bei der Promotionsbetreuung inhaltlich-fachlich, aber auch im Miteinander richtig umgehen mit den Promovierenden. Das herauszufinden und gemeinsame Regeln zu erarbeiten, ist komplex. Denn die Fachkulturen sind sehr unterschiedlich in unseren zwölf Fachbereichen. Genauso verschieden sind die Ansichten, was eine gute Promotionsbetreuung ist und die fachliche Bewertung der Arbeiten. Für mich ist eine Promotion wie ein Fußballspiel: Wenn man spielt, weiß man nicht, ob man gewinnt. Aber wichtig ist, dass man die Regeln kennt. Sie müssen klar sein. Die Promovierenden müssen wissen, nach welchen Kriterien sie den Status erreichen, promotionswürdig zu sein. Hier sind wir mit den Fachbereichen im intensiven Gespräch, um eine Liste von zentralen Fragen zu klären.