Berater in Fukushima

Portrait eines Mannes.
©  / Uni BremenProfessor Hajo Zeeb ist einer von vier Professoren der Uni Bremen, die am BIPS forschen.
Autos stehen vor einer Straßenabsperrung.
©  / Uni BremenSicherheitskräfte sperren die Zone um das Kernkraftwerk in Fukushima großräumig ab.

„Ich habe Ehrfurcht vor der Situation“

Wenn Professor Hajo Zeeb von seinem Engagement in Fukushima berichtet, erntet er häufig überraschte Kommentare. Ob er sich denn gar nicht um seine Gesundheit sorge? „Angst habe ich nicht, aber Ehrfurcht vor der Situation“, sagt der Epidemiologe der Universität Bremen und des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS).

Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze im Atomkraftwerk haben den Osten Japans im Frühjahr 2011 erschüttert. Zwei Millionen Menschen leben in der betroffenen Präfektur Fukushima. Die Nagasaki-Universität, wissenschaftlicher Kooperationspartner des BIPS, ist am Gesundheitsmanagement beteiligt. Unter anderem wurde vom japanischen Kabinett eine „Nuclear Disaster Expert Group“ eingesetzt. Zeeb ist unter den 30 internationalen Wissenschaftlern, die ihre japanischen Kollegen kontinuierlich beraten.

In der Stadt messen digitale Anzeigen die aktuelle Radioaktivität

Zweimal war der Bremer Experte bereits vor Ort bei Konferenzen an der Fukushima Medical University. In der Stadt, so schildert Zeeb, messen digitale Anzeigen an zahlreichen Gebäuden die aktuelle Radioaktivität. „Die Werte bei meinem letzten Besuch waren mit 0,2 microSievert pro Stunde nur so hoch wie der Durchschnittswert im Süden Deutschlands“, sagt der Experte. Im Zentrum der Beratungen – die erste war ein halbes Jahr nach dem Unglück – stehe die Frage, welche Schritte mittel- und langfristig nötig sind, um mögliche Gesundheitsfolgen zu erfassen und zu beobachten.

Mit einer umfassenden Befragung analysieren die japanischen Kollegen, was zwei Millionen Menschen der betroffenen Region in den ersten zwei Wochen nach der atomaren Katastrophe im März 2011 konkret gemacht haben. So haben mehr Bewohner als angenommen die 30-Kilometer-Zone freiwillig verlassen. Auf Grundlage der Daten wird die Strahlendosis der Bevölkerung geschätzt.

„Man braucht ein Krebsregister, wie wir es in Bremen haben"

Zeeb hat vor Ort einen Vortrag über seine Langzeitforschung mit Piloten und Flugpersonal gehalten. Sie seien kosmischer Strahlung in vergleichbarer Dosis wie Menschen in Fukushima ausgesetzt. Das Krebsrisiko beim Flugpersonal sei aber nicht signifikant höher als in der normalen Bevölkerung. Das hofft er auch für Japan. „Es ist verständlich, dass die japanischen Wissenschaftler schnelle Ergebnisse haben wollen“, sagt Zeeb. Doch er habe gemeinsam mit den anderen internationalen Experten ein langfristiges Monitoring der Krebsraten empfohlen. „Man braucht dort ein Krebsregister, wie wir es in Bremen haben, das seit 16 Jahren anonymisiert alle Daten zu Krebsneuerkrankungen sammelt und analysiert“, sagt er. „Das regionale Register in Fukushima steckt aber noch in den Anfängen.“

Das mögliche Ansteigen von Schilddrüsenkrebs oder Leukämie sei erst in einem Zeitraum von fünf bis 20 Jahren messbar. Zeeb schätzt, dass die Menschen dort noch ein Jahrhundert mit den Folgen der Katastrophe zu kämpfen haben. Er plädiert für Besonnenheit – und wählt einen überraschenden Vergleich: „Ein CT setzt einen Patienten einer Strahlenbelastung aus, die höher ist als eine Jahresdosis in der Stadt Fukushima.“

Bild eines zweistöckigen Forschungsgebäudes
© Harald Rehling / Uni BremenDas BIPS hat seinen Sitz in der Achterstraße im Technologiepark Universität Bremen.

Über das BIPS

Das BIPS ist eines der ältesten und bedeutendsten Epidemiologie-Institute in Deutschland. Als „Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin" nahm es 1981 seine Arbeit auf und gehörte viele Jahre zur Universität Bremen. Seit Januar 2013 ist das BIPS Vollmitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Die Zusammenarbeit mit der Uni ist nach wie vor sehr eng.

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