Transnationales Wirtschaftsrecht

Porträt eines lächelnden Mannes.
©  / Uni BremenIst Inhaber der Lichtenberg-Professur für transnationales Wirtschaftsrecht: Professor Moritz Renner

„Wir versuchen, das Chaos aus Rechtsvorschriften zu ordnen“

Mit der Neugründung des Instituts für Handelsrecht im Fachbereich Rechtswissenschaft widmet sich die Universität einem Forschungsfeld, in dem es noch viele offene Fragen gibt. Einer der drei Leiter des Instituts ist Moritz Renner, Inhaber der Lichtenberg-Professur für transnationales Wirtschaftsrecht. Die Jahrbuchredaktion sprach mit dem 32-Jährigen über globale Herausforderungen, die Bremer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jetzt unter juristischem Blickwinkel untersuchen.

Woran arbeiten Sie gerade, Herr Professor Renner?

Renner: Ich schreibe eine größere Kommentierung zum Bank- und Kreditrecht, das werden wohl am Ende so 300 Seiten sein. Kommentare sind die wichtigste Literaturgattung der Juristen, weil sie die Rechtsprechung bei der Auslegung der Gesetze anleiten. Schwierige Auslegungsfragen stellen sich etwa dann, wenn Regelungen national verschieden sind oder eine Bank eine Tochter in einem anderen Land hat. Welche Regeln sind hier überhaupt anwendbar? Welche Einflussmöglichkeiten haben die Nationalstaaten und die Europäische Union auf diesem Gebiet überhaupt noch?

Was ist das Neue an dieser Herangehensweise?

Transnationales Recht taucht in Forschung und Lehre kaum auf. Neben dem nationalen Recht gibt es zwar das Völkerrecht und das Europarecht, aber transnationale Konzerne sind von diesen Rechtsordnungen nicht mehr ohne weiteres zu erfassen. Das zentrale Problem ist, dass die internationalen Märkte eigene Regeln schaffen und zum Beispiel private Schiedsgerichte bei Streitigkeiten bemühen. Können die Unternehmen ihr Recht frei wählen oder wird immer das Recht des Sitzstaates angewandt? Das sind Fragen, die ich besonders in Bezug auf Banken untersuchen möchte. Grenzüberschreitende Kreditverträge und die daraus entstehenden engen Bindungen zwischen Bank und Kreditnehmer, wie sind die juristisch geregelt? In welchem Maße darf die Unternehmensstrategie des Kreditnehmers von der Bank beeinflusst werden? Wie reagieren transnationale Bankkonzerne auf die Regulierungsunterschiede zwischen USA und EU? Zu dieser Frage werde ich ein halbes Jahr in den USA forschen. Außerdem kooperiere ich mit Wissenschaftlern auf beiden Seiten des Atlantiks.

Wie kommen Sie an die Daten?

Wenn ein Unternehmen börsennotiert ist, dann muss es seine Bilanzen weitgehend offenlegen.  Unternehmen in den USA müssen außerdem noch darüber informieren, welche wichtigen Kreditverträge sie mit Banken und anderen Kreditgebern geschlossen haben.

In Ihrem Team transnationales Wirtschaftsrecht forschen weitere Doktoranden. Welche Themen haben sie gewählt?

Zum Beispiel das Agieren eines deutsch-französischen Konzerns in der Baubranche oder Kreditverträge in der Projektfinanzierung von Anlagen und medizinischen Geräten. Auch die großen Rückversicherer, die global arbeiten, werden wir wissenschaftlich untersuchen.

Welche Forschungsziele verfolgen Sie?

Wir wollen erforschen, welche vernünftigen „Metaregeln“ die Nationalstaaten in der Zukunft anwenden können, um das Chaos aus privaten und öffentlichen, nationalen und internationalen Rechtsvorschriften zu ordnen. Gemeint sind damit Lösungen ähnlich dem Auswirkungsprinzip im Kartellrecht, wo Staaten auch außerhalb ihres Gebietes juristisch eingreifen dürfen, wenn Inlandsinteressen betroffen sind. Wir wollen zum Beispiel herausfinden, ob solch ein Modell auch auf andere juristische Bereiche übertragen werden kann.