Musik als Kommunikation

Männer und Frauen tanzen und singen.
Singt und tanzt afrikanische Lieder: Der Uni-Chor bei einem Auftritt.
Männer und Frauen singen und spielen auf der Bühne im Orchester.
© Tom Kleiner/Gruppe für Gestaltung (GfG) / Uni BremenOPEN CAMPUS 2013 an der Bremer Uni: Chor und Orchester geben ein Konzert mit dem Uni-Orchester aus Quingdao (China).
Chor auf einer Bühne.
©  / Uni BremenAuftritt in China im Jahr 2013.

„Musik ist unser Mittel zur interkulturellen Kommunikation“

China, Frankreich, Ukraine, Türkei, Namibia, Polen, Italien – die Liste der Konzertreisen von Chor und Orchester der Uni Bremen ist lang. Seit zehn Jahren organisiert die Universitätsmusikdirektorin Dr. Susanne Gläß einen Austausch mit internationalen Partneruniversitäten. Eine logistische Herausforderung, wenn man bedenkt, dass in Chor und Orchester rund 180 Personen mitwirken.

Bei den gegenseitigen Besuchen gibt es nicht nur gemeinsame Proben und Konzerte. Gastgeber und Gäste lernen Lieder voneinander und leben zum Teil unter einem Dach. Dadurch bekommen sie intensive Einblicke in andere Kulturen und erweitern ihr Repertoire mit internationalen Stücken. „Musik ist unser Mittel zur interkulturellen Kommunikation“, sagt Gläß.

„Konzertreisen sind das Highlight“

Im Jahr 2013 war China das Partnerland: Im Sommer reiste das „Orchestra of Chinese Folk Music” der Ocean University in Qingdao nach Bremen. Unter dem Titel „Brahms meets China“ gab es mit dem Chor der Uni gemeinsame Konzerte – zum Beispiel beim OPEN CAMPUS. Im September folgte eine zweiwöchige Konzertreise der Bremer nach China mit sechs Auftritten in Shanghai, Quingdao und Beijing.

Intensive Zeit

„Diese internationalen Konzertreisen sind eine unglaublich intensive Zeit“, sagt die Masterstudentin Nadin Freyhoff, die seit fünf Jahren im Uni-Chor singt. Es wird ausgiebig geprobt und man verbringt viel Zeit miteinander in einer fremden Kultur. Da auch immer Lieder des Gastlandes auf dem Programm stehen, mussten die Bremer sich für China mit dessen Kultur und Sprachen auseinander setzen. Für das chinesische Publikum waren wiederum Stücke, wie Carl Orffs Carmina Burana, neu. „Besonders begeistert war es von unseren afrikanischen Liedern, die wir in Namibia gelernt hatten“, so Gläß.

Chinesen sehr gastfreundlich

Die Bremer staunten wiederum über die große Offenheit der Chinesen. „Sie waren unglaublich gastfreundlich und das Essen war köstlich“, schwärmt Nadin Freyhoff. Drei warme Mahlzeiten am Tag und die Garküchen auf der Straße haben alle sehr genossen. „Diese Konzertreisen sind für mich das Highlight!“, so die 27-Jährige.

Im Sommer 2014 werden Dr. Susanne Gläß und ihr Chor und Orchester wieder Gastgeber sein: denn dann hat sich der Chor der Shanghai University angekündigt.

Susanne Gläß gründete den Uni-Chor 2003

Dr. Susanne Gläß leitet seit 1996 das Uni-Orchester. 2003 gründete sie den Uni-Chor. Eine bunte Mischung ist die Zusammensetzung der beiden Ensembles: In Chor und Orchester singen und spielen Studierende, Alumni und (ehemalige) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Uni Bremen. Das Orchester umfasst rund 80 Mitglieder und der Chor durchschnittlich 100. Seit 2006 kooperiert Dr. Susanne Gläß mit den Bremer Philharmonikern und der Bremer Philharmonischen Gesellschaft. Die Musiker kommen regelmäßig in die Proben und geben den Orchester-Mitgliedern praktische Tipps.

Mehr über Chor und Orchester

Hörproben

© Jörg Landsberg / Uni BremenUniversitätsmusikdirektorin Dr. Susanne Gläß.

„270 Leute sollen perfekt harmonieren“

Ein Interview mit der Universitätsmusikdirektorin Dr. Susanne Gläß. Erschienen im Bremer Uni-Schlüssel (BUS, Nr. 128).

Seit 1996 ist Dr. Susanne Gläß Universitätsmusikdirektorin der Uni Bremen. Anfang 2013 feierte sie mit dem Chor der Universität zehnjähriges Bestehen. Was sich seit 1996 getan hat und wie der Alltag der Universitätsmusikdirektorin aussieht, erfahren Sie in diesem Interview.

Frau Gläß, „Universitätsmusikdirektorin“ – kurz: UMD – ist ein Titel, gegen den „Rektor“ oder „Kanzler“ eher banal klingen. Was macht eine Universitätsmusikdirektorin?

Susanne Gläß: Sie organisiert die Musik für alle Mitglieder der Universität – nicht nur für Musikstudierende, die sind hier ja nur eine kleine Minderheit. Sie leitet Orchester und Chor, organisiert Konzerte im Theatersaal und berät Kolleginnen und Kollegen bei der Gestaltung festlicher Anlässe, von denen es an unserer Uni ja auch immer mehr gibt. Außerdem halte ich ein musikwissenschaftliches Seminar ab, das zu den General Studies gehört. Wenn ich im Wintersemester große Projekte für Orchester und Chor mache – wie 2012/2013 wieder mit „Carmina Burana“ – dann begleite ich das mit dieser Veranstaltung. Das Programm, das wir spielen, wird dann auch inhaltlich reflektiert – unter anderem, indem ich mit den Studierenden ein verständliches Programmheft schreibe, das sich mit dem Inhalt des Werkes befasst. Abgerundet wird das mit einem öffentlichen Einführungsvortrag der Seminarteilnehmenden gemeinsam mit mir im Haus der Wissenschaft wenige Tage vor der Aufführung des Werkes.

Als Sie 1996 an die Universität Bremen kamen – was haben Sie da vorgefunden?

Ein kleines, engagiertes Orchester mit 32 Leuten, das seine Ursprünge sogar schon vor der Universitätsgründung hatte. Da spielten damals sehr viele Menschen mit, die schon keine Studierenden mehr waren, aus Verbundenheit zum langjährigen Leiter Klaus Mävers aber dabeigeblieben waren.

Und was ist daraus geworden?

Heute haben wir gut dreimal so viele Mitglieder im Orchester der Universität. Sehr geholfen hat dabei zuletzt die seit 2006 bestehende Kooperation mit den Bremer Philharmonikern und der Bremer Philharmonischen Gesellschaft. Einmal pro Semester kommen seither drei bis vier Mitglieder der Philharmoniker, die dann den verschiedenen Stimmgruppen – Streichinstrumente, Holz- und Blechblasinstrumente, Klavier – aus der Praxis eines großen Orchesters praktische Ratschläge zum besseren Zusammenspiel geben. Wie bekommt man das zum Beispiel hin, dass ein Pizzicato – also das Zupfen der Saiten mit der Hand – wirklich gemeinsam gelingt? Und dann kommt ja noch das Zusammenspiel mit dem Chor hinzu. Bei der Aufführung der Carmina Burana im Januar werden insgesamt 270 Leute zusammen auf der Bühne sein, die perfekt miteinander harmonieren sollen.

Stichwort Chor der Universität Bremen: Der wurde vor zehn Jahren gegründet. Auch damals spielte die Carmina Burana eine wichtige Rolle.

Ich hatte seinerzeit mal Lust, etwas mit einem Chor zu machen – eben die Carmina Burana von Carl Orff. Ich hatte auch schon einen Chor an der Hand, aber das ist dann plötzlich geplatzt. Ich stand also da mit einem Orchester, das schon alles einstudiert hatte, aber ohne Chor! Deshalb haben wir einen Aufruf an der Uni gemacht und kurzfristig einen eigenen Chor gegründet. Dass der so ein Erfolg wird, war da gar nicht abzusehen. Innerhalb von zwei Wochen meldeten sich 150 Leute! Und nachdem die Carmina Burana gelaufen waren, waren die Chormitglieder alle so begeistert, dass viele dabei geblieben sind – zumindest so lange, wie sie an der Uni Bremen waren.

Die Fluktuation ist bei einem Uni-Chor naturgemäß hoch. Sind Sie so was wie die Trainerin, die immer wieder neue Spielerinnen und Spieler in die Mannschaft integrieren muss?

In gewisser Weise schon. Natürlich sind Chöre und Orchester, die ständig zusammenarbeiten, wesentlich eingespielter. Das ist dann halt die Herausforderung für mich. Ich mache das aber durchaus gerne, jedes Jahr neue Leute zu integrieren. Das bedeutet allerdings immer einen großen Kraftaufwand. Die Leute melden sich alle einzeln an und müssen alle einzeln von mir eingestuft werden. Ich muss mehr als 200 Menschen kennen – und muss wissen, was sie können. Das ist zeitaufwendig.

Gibt es für Sie eigentlich, so wie beim Wein, gute und schlechte Jahrgänge?

So generell kann ich das nicht sagen. Aber es gibt immer wieder Überraschungen, positive wie negative. Eine positive ist in diesem Semester zum Beispiel, dass wir 15 Bratschen haben. Es gab Zeiten, da hatten wir nur vier. Aber 15 – das ergibt einen ganz anderen Klang. Großartig. Dafür haben wir im Moment nur zwei Kontrabässe. Sehr schade. Sieben oder acht, das wäre toll.

Schicken Sie auch mal Interessierte weg, weil es nicht reicht? Nach dem Motto „geh nach Haus' und üb' erst mal“?

So nicht, das ist nicht meine Art. Aber ich habe manchmal für einige Plätze – zum Beispiel regelmäßig bei den Querflöten – mehr Anfragen, als Plätze zur Verfügung stehen. Dann nehme ich natürlich die, die am besten spielen.

Und warum werden  jetzt nach zehn Jahren noch einmal die Carmina Burana aufgeführt?

Es ist einfach ein tolles Stück. Es macht dem Orchester Spaß, es zu spielen, dem Chor Spaß, es zu singen, dem Publikum Spaß, es zu hören. Zum 10. Geburtstag des Chors passt das Werk hervorragend.

Der Erfolg gibt Ihnen Recht: Immer wieder sind die Konzerte von Orchester und Chor der Universität – auch in großen Sälen wie der Bremer Glocke – ausverkauft ....

... was uns natürlich immer ehrt und ein Beleg dafür ist, dass wir offenbar schöne Aufführungen machen. Denn auch bei uns ist das Geld immer knapp. Neben Drittmitteln, die ich bei beispielsweise bei Stiftungen einwerbe, sind auch die Eintrittsgelder eine wichtige finanzielle Basis für uns. Die Carmina Burana findet da natürlich mehr Widerhall beim Publikum als beispielsweise Meredith Monk.