Forschung

Portrait einer blonden Frau
© Fotostudio FreistilProfessorin Jutta Günther

"Mehr gemischte Teams in leitenden Positionen"

Gleichstellungsförderung ist seit vielen Jahren ein bedeutendes Thema an der Universität Bremen. Wie bewerten neuberufene Professorinnen die Uni in diesem Bereich? Was sind ihre sonstigen Erfahrungen an anderen wissenschaftlichen Einrichtungen? Jahrbuchredakteurin Meike Mossig sprach mit Professorin Jutta Günther. Die Wirtschaftswissenschaftlerin wurde 2014 im Rahmen des Professorinnenprogramms II des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) an die Uni Bremen berufen. Zuvor war die 47-Jährige in Halle als Abteilungsleiterin und im Vorstand an einem der deutschlandweit sechs großen Leibniz-Institute für Wirtschaftsforschung tätig.

Frau Günther, Sie arbeiten in einem Bereich, in dem es wenige Frauen gibt. Wie ist das für Sie?

Jutta Günther: Leider kenne ich es nicht anders, finde es aber sehr schade und nicht gut. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine gemischte Gruppe aus Männern und Frauen die Zusammenarbeit und Diskussion bereichert. Das gilt auch für Jung und Alt sowie In- und Ausländer.

Muss man als Frau in leitenden wissenschaftlichen Positionen besondere Kompetenzen mitbringen?

Meine Erfahrung ist, dass man sich als Frau sehr behaupten muss in leitenden wissenschaftlichen Positionen. Wenn es hier mehr Frauen gäbe, würde ein ganz anderes Selbstverständnis herrschen. Da ich noch nicht so lange an dieser Uni bin, kann ich zu dieser Einrichtung noch nicht viel sagen. Aber ich bin in meinem Fachbereich Wirtschaftswissenschaft sehr gut aufgenommen worden und die Berufungsverhandlungen waren ehrlich und vertrauensvoll.

Sie waren deutschlandweit und international an mehreren Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen tätig. Wie erleben Sie die Uni Bremen bei der Gleichstellungsförderung?

Die Uni Bremen ist weiter als viele andere Wissenschaftsorte, die ich erlebt habe. Man sieht das zum Beispiel daran, wie sie ihr Zukunftskonzept im Rahmen der Exzellenzinitiative gestaltet hat. Hier ist die Gleichstellungsförderung eine eigene Maßnahme. Ein weiteres Beispiel ist meine Stelle, die im Rahmen des Professorinnenprogramms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) primär für Frauen ausgeschrieben war. Im Fachbereich habe ich viel Unterstützung bekommen, um wissenschaftliche Mitarbeiterinnen einzustellen. Sehr gut sind auch die anderen Maßnahmen der Uni zur Unterstützung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses in Form von Sommerunis, Workshops oder Mentoring-Programmen. Und es gibt einen Frauenförderplan, den man nicht übersehen kann, wenn man hier eingestellt wird. An der Uni Bremen ist man sichtbar bemüht etwas zu verändern.

Welches Rollenverständnis haben Sie bislang in Ihrem Berufsleben erlebt, wenn es zum Beispiel um Familienplanung geht?

Das ist ein problematisches Feld. Oft habe ich es als Abteilungsleiterin erlebt, dass meine Mitarbeiterinnen nach dem ersten Kind um eine Teilzeitstelle baten. Dabei habe ich sie auch immer sehr unterstützt. Die Partner arbeiteten in der Regel in Vollzeit weiter. Viele Frauen bleiben da ein Stück weit auf der Strecke. In dieses Rollenverständnis einzugreifen, finde ich als Institution oder Chefin sehr schwierig, da es die private Entscheidung der Familie ist, wie man die Kinderbetreuung aufteilt. Insgesamt sollten wir aber mehr Verständnis dafür entwickeln, dass Kinderbetreuung nicht nur Frauensache ist, sondern beide Partner betrifft. Auch der Vater kann ein Jahr Elternzeit nehmen, so dass die Frau sich ihrer Habilitation widmen oder sich auf Lehrstühle bewerben kann. So etwas habe ich aber nur sehr selten erlebt. Ein weiteres Beispiel sind meine persönlichen Erfahrungen aus Berufungskommissionen oder Einstellungsverfahren von wissenschaftlichem Personal: Wenn sich Männer mit kleinen Kindern vorstellten, waren familienfreundliche Arbeitszeiten kein Thema. Stellte sich jedoch eine Mutter mit kleinen Kindern vor, kam diese Frage hundertprozentig.

Könnten Sie als Chefin nicht eine Haltung an ihre Mitarbeiterinnen weitergeben, um sie in ihrem Selbstbewusstsein und ihrem Karriereweg zu stärken?

Ich habe viele Gespräche mit meinen Mitarbeiterinnen geführt und finde das auch sehr wichtig. Denn wir Professorinnen und Professoren sind hier besonders in der Verantwortung. Wenn wir uns nicht engagieren, können Gleichstellungsbeauftragte noch so viel tun. Die Wirkung ist geringer.Setzen Sie sich an der Uni Bremen für mehr Frauen im Wissenschaftsbetrieb ein?Auf jeden Fall. Eine Post-Doktorandin habe ich zum Beispiel aus Halle mitgebracht, die hier an der Uni auch eine Nachwuchsgruppe leitet und sich habilitieren will. Sie möchte ich gerne weiter fördern. Wichtig sind mir auch die Studentinnen. Denn wenn wir sie nicht schon fördern, kommen wir nie dort an, dass wir in leitenden Positionen mehr gemischte Teams haben werden.

Was motiviert Sie für Ihre Arbeit als Hochschullehrerin?

Die wissenschaftliche Neugierde. Auch will ich das, woran ich forsche, meinen Studierenden und der interessierten Öffentlichkeit verständlich vermitteln und sie für meine Forschungen begeistern.

Zur Person

Jutta Günther hat über den zweiten Bildungsweg ihre wissenschaftliche Karriere 1994 an der Universität Oldenburg begonnen. Heute ist sie Expertin auf dem Gebiet der Innovations- und Strukturökonomik, insbesondere mit Blick auf Transformationsländer und strukturschwache Regionen. Ihre Schwerpunkte sind u.a. die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands sowie osteuropäischer Staaten wie die Ukraine und Russland.