SFB "Staatlichkeit im Wandel"

Grafik einer Weltkarte
© StockphotoIn mehr als 30 Industriestaaten haben die Bremer Sozialwissenschaftler weltweit Studien für ihre Forschungen durchgeführt. Entstanden sind über 1.000 Artikel und mehr als 100 Bücher.
Mann hält einen Vortrag.
© privatDer Sprecher des SFB „Staatlichkeit im Wandel“, Professor Stephan Leibfried, gehörte zum Gründungsteam. 2014 hat er für seine Forschungen den Schader-Preis erhalten.

Ein komplexes Forschungsfeld

Hat sich der demokratische Rechts- und Wohlfahrtsstaat seit den 1970er Jahren weltweit unter dem Druck von Globalisierung und Liberalisierung verändert? Und wenn ja, wie? Welche Auswirkungen hatte dies auf den Alltag der Bürgerinnen und Bürger, die Wirtschaft, Politik, Sicherheit, das soziale Leben, Bildung, Umwelt oder Menschenrechte? Mit diesen komplexen Fragen hat sich der Sonderforschungsbereich (SFB) 597 „Staatlichkeit im Wandel" zwölf Jahre lang beschäftigt. Dabei handelte es sich um eine Kooperation der Universität Bremen, der Jacobs University Bremen und Universität Oldenburg. Ende 2014 ist die Förderzeit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) abgelaufen. Das Gesamtfördervolumen betrug rund 25 Millionen Euro.

Rund 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie 300 Studierende aus den Politik-, Soziologie-, Rechts-, Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaften haben in dem SFB seit 2003 promoviert, habilitiert oder ihre Studienabschlussarbeiten verfasst. Mit seinen Grundlagenforschungen zum zentralen sozialwissenschaftlichen Thema „Staat“ sorgte der SFB für unerwartete Ergebnisse und eine differenzierte Betrachtung öffentlich diskutierter Probleme.

Gegen den Trend

Ein Blick zurück: Als der SFB 2003 seine Arbeit aufnahm, herrschte allgemein die Auffassung, dass der Staat unter dem Druck von Globalisierung und Liberalisierung zerfalle. Nach der ersten vierjährigen Förderphase zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Der klassische Nationalstaat hatte sich zwar bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts verändert, indem er sich zum Beispiel aus Dienstleistungsbereichen – wie Post, Telekommunikation und Elektrizität – zurückzog. Doch dass Staaten etwa durch die Machtzunahme multinationaler Konzerne zerfielen, stimmte nicht. „Unsere Ergebnisse gingen damals komplett gegen den Trend“, sagt der Sprecher des SFB, Professor Stephan Leibfried. „Wir hatten mit unseren Forschungen gezeigt, dass das Thema vielschichtiger war als gedacht.“

Bedeutung von PISA untersucht

Diese Komplexität des weltweiten staatlichen Wandels untersuchten die Forschenden dann ab 2007 in mehreren Bereichen. Beispiel Bildungspolitik: In Deutschland gab es 2001 den sogenannten PISA-Schock: Als die ersten Ergebnisse der internationalen Schulleistungsuntersuchung in den OECD-Staaten (Organisation for Economic Co-operation and Development), veröffentlicht wurden, war Deutschland auf den hinteren Plätzen – PISA steht für Program for International Student Assessment. Doch warum gab es PISA überhaupt? Wie wirkte die Studie sich auf die untersuchten Länder aus? Und wie haben die verschiedenen Akteure, wie Ministerien oder Lehrerverbände, reagiert? Zu diesen Fragen führten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des SFB mehrere Jahre lang ländervergleichende Studien durch. „Bis zur PISA-Studie konnte man in einigen OECD-Staaten eine nationale Stagnation im Bildungsbereich beobachten“, sagt die Professorin Kerstin Martens. Diese Stagnation wollte man mit PISA aufbrechen, war sich jedoch über die Konsequenzen nicht bewusst, welche Diskussionen und Umwälzungen dies in den einzelnen Ländern mit sich bringen würde. „In Deutschland gab es nach dem ersten Schock immense Reformanstrengungen“, sagt Dennis Niemann. „Die Umsetzung war jedoch in jedem Bundesland anders.“ Im Rahmen seiner Promotion hat er deutschlandweit die entsprechenden Akteure befragt und die Bundesländer Bayern sowie Nordrhein-Westfalen untersucht. In der Schweiz versuchte man hingegen, das Schulsystem landesweit einheitlich zu reformieren. „In den USA hat man erst auf die Ergebnisse reagiert, als China im Jahr 2009 besonders gut abgeschnitten hatte“, so Kerstin Martens.

Wissenschaftler entwickeln Lernmaterialien für Schulen

Wie man das Thema „Staatlichkeit im Wandel“ in Schulen vermitteln kann, hat eine Arbeitsgruppe von Professor Andreas Klee im Rahmen des SFB untersucht und Unterrichtsmaterialien für Oberstufenschüler entwickelt. Sie sollen Mitte 2015 veröffentlicht werden. Abgeschlossen wurde der SFB im Oktober 2014 mit einem Festkolloquium im Bremer Rathaus.

Weitere Informationen zu den einzelnen Themen und Publikationen des Sonderforschungsbereichs gibt es unter hier.