Kooperationen in der Stadt

Mann und Frau vor einer Tafel.
© Tom Kleiner / Universität BremenSeit Jahren ein gutes Team: Schauspieler und Regisseur Peter Lüchinger und die Historikerin Eva Schöck-Quinteros.
Bühne mit Menschen, Tischen und weißen Papierblättern auf dem Boden.
© Menke / bremer shakespeare companyDas Bühnenbild für „Prunk und Pleite“ bei der Premiere der bremer shakespeare company im Theater am Leibnizplatz
Gruppe von Männern und Frauen und einem Holztisch.
© Menke / bremer shakespeare companyDie Schauspieler von links: Erik Roßbander, Peter Lüchinger, Petra-Janina Schultz, Michael Meyer und Markus Seuß.

Eine „Ja-Geschichte ohne Vertrag“

Eindringen in eine fremde Welt, um das Hier und Heute besser zu verstehen. Die Historikerin Eva Schöck-Quinteros und der Schauspieler Peter Lüchinger bringen in einer einzigartigen Kooperation Akten zum Sprechen. Aus der Zusammenarbeit zwischen der Universität Bremen und der „bremer shakespeare company“ entstehen szenische Lesungen. Bei Bremerinnen und Bremern sind sie wegen ihres Lokalkolorits und der elektrisierenden Wirkung dokumentierter Geschichte äußerst beliebt. Als die beiden Protagonisten über ihre Kooperation nachdenken, wird deutlich: Es brauchte diese zwei besonderen Menschen, um „Aus den Akten auf die Bühne“ so erfolgreich zu machen. „Es ist eine Ja-Geschichte“, sagt Lüchinger. „Und ganz ohne Vertrag“, wundert sich die Historikerin im Nachhinein. Stattdessen Ausdauer, Fleiß, Neugier und Vertrauen.

Die Kooperation hat im Januar 2007 begonnen. „Mit einem legendären Telefonat.“ Dr. Eva Schöck-Quinteros muss schmunzeln. „Ich mit meinem schwäbischem Akzent und am anderen Ende Peter Lüchinger mit seinem schweizerischen. Das war schon komisch.“ Sie sagte ihm, dass Akten auf die Bühne müssten. Deren Sprache dürfe nicht modernisiert werden, Kommentierung sei unnötig, die Dokumente sprechen für sich. Ziel sei es, für Themen der Gegenwart den Vergangenheitsbezug zu finden.

Zwei Semester forschendes Studieren

„Prunk und Pleite einer Bremer Unternehmerdynastie – der Fall Lahusen“ war 2015 bereits das achte Projekt der Kooperation zwischen dem Theater am Leibnizplatz und dem Institut für Geschichtswissenschaft. Der enorme Aufstieg und jähe Fall der Nordwolle-Unternehmer mit dem Gerichtsprozess gegen die Wollkönige als Kernstück wurde ein grandioser Theatererfolg. Die Aufführungen waren ausverkauft, zusätzliche Termine mussten auf den Spielplan gesetzt werden. Was am Ende schlüssig und packend über die Bühne geht, hat eine lange Vorgeschichte. Studierende leisten die wissenschaftliche Arbeit, Schauspieler setzen die Geschichte um. „Dass wir jedes Jahr eine neue Lesung produzieren, ist eine Herausforderung“, sagt Eva Schöck-Quinteros. Über mindestens zwei Semester läuft das Projekt des forschenden Studierens. Während der Suche in den Archiven gibt es aufregende Momente. So bekam sie eine SMS aus dem Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde. „Die haben hier die Anklageschrift!“ jubelte eine Studentin elektronisch. Auf das Sammeln und Jagen folgt das Durchdringen und Sortieren. Nicht selten werden aus Teilaspekten der Geschichte Themen für Masterarbeiten. „Ihr schreibt etwas, worüber noch niemand geschrieben hat“, motiviert Schöck-Quinteros ihr Team. Zu allen Lesungen entstehen umfangreiche Dokumentationen in Buchform. Sie freut sich, dass die Bremer Titel seit einigen Jahren in „H-Soz-Kult“, der Mailingliste für Historiker weltweit, besprochen werden. Studierende können bei ihren Bewerbungen schon eigene Veröffentlichungen vorweisen.

Zwei Stunden Lesung sind nur 40 Seiten

Auch wenn nur die wichtigsten Aspekte der Story berücksichtigt werden, ein paar hundert, manchmal tausend Seiten kommen da schon zusammen. Die nimmt Peter Lüchinger als Regisseur der szenischen Lesung in Empfang. „Schneiden, kürzen und montieren“, das sei sein Geschäft, sagt Eva Schöck-Quinteros. Und es ist kein leichtes. „Die Prozessakten sind spannend wie ein Krimi“, gab Lüchinger Rückmeldung zum Fall Lahusen. Doch er muss sich von vielem trennen. Zwei Stunden szenische Lesung, das sind 40 Seiten, mehr nicht.

Bundesweit Aufmerksamkeit

„Aus den Akten auf die Bühne“ ist zu einem genialen Wurf geworden, der bundesweit große Aufmerksamkeit erfährt. Die Historikerin und der Schauspieler sind auf Workshops und Tagungen gefragt. Andere Unis wollen das erfolgreiche Format übernehmen. 2015 hat die bremische Vertretung bei der EU das Team bereits zum zweiten Mal nach Brüssel zu einer Lesung vor hochrangigen Gästen eingeladen. 2016 sollen sie wieder kommen. Und der brisante „vom-Opfer-zum-Täter-Stoff“ über Margarete Ries, eine Frau, die im KZ Auschwitz zum Kapo gemacht wurde, hat 2015 einen Förderpreis errungen. Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) ermöglicht es, dass die bremer shakespeare company die Lesung zusammen mit Workshops nun in Schulen anbieten kann. Eine Koordinierungsstelle für eine Mitarbeiterin am Institut für Geschichtswissenschaft wird von der Stiftung „die schwelle“, dem Bremer Lidice-Haus, der Sparkasse und der Uni-Stiftung gemeinsam bezahlt. Es gibt viel zu tun. Das Interesse an den Schulen in Bremen und umzu ist groß. So wächst aus der gelungenen Kooperation ein Netzwerk weiterer Verbindungen.

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Der Video-Trailer zum 7. Projekt aus dem Jahr 2014: "Eine Stadt im Krieg - Bremen 1914-1918".

Kooperation mit der Stadtgesellschaft

An der Universität Bremen werden in Lehre und Forschung Praxisinhalte aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft aufgegriffen. Sie kooperiert mit Kindergärten, Schulen, Museen, öffentlichen Institutionen, Unternehmen und Vereinen und bietet ein breites Spektrum von Leistungen für die Bevölkerung an. Das sind neben den Theateraufführungen zum Beispiel Vorträge und Ausstellungen im Haus der Wissenschaft, sportliche Angebote und Förderunterricht für Schülerinnen und Schüler durch Lehramtsstudierende.

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