Herausforderungen im Lehrerberuf

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Sehen Sie ein Interview von der Telekomstiftung mit Professorin Dagmar Bönig (li.) und Professorin Natascha Korff von der Uni Bremen.
Fünf Frauen sitzen in einem Raum auf Stühlen
© Harald Rehling / Universität Bremen„Das Rüstzeug für inklusiven Unterricht erhalten Studierende im Studium.“ - Die Professorinnen Natascha Korff und Dagmar Bönig während eines Seminars (3. und 4. v. l.)

„Wir wollen bei unseren Studierenden ein Bewusstsein für Heterogenität schaffen“

Die Anforderungen an den Lehrerberuf sind hoch. Eine große Herausforderung ist zum Beispiel der Umgang mit der Vielfalt in Schulen – der Heterogenität. Menschen unterscheiden sich nicht nur auf Grund ihres Geschlechts, ihrer sozialen Herkunft oder Religion, sondern auch auf Grund ihrer individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse. Wie bereitet die Universität Bremen ihre Lehramtsstudierenden darauf vor? Wie unterstützt sie Schulen und ihre Lehrkräfte? Ein kleiner Streifzug durch die Fachbereiche zeigt: Wer an der Uni Bremen Lehramt studiert, befasst sich ab dem ersten Semester mit diesem Thema. Das Engagement der Lehrenden ist groß.

Fachdidaktiker und Erziehungswissenschaftler spielen sich die Bälle zu

Es ist Dienstag, 12.15 Uhr: Im Hörsaal des GW1-Gebäudes beginnt die Ringvorlesung „Umgang mit Heterogenität in Schulen“. Sie gehört zu einem Modul, das für alle Lehramtsstudierenden Pflicht ist. Neben der Vorlesung, bei der sich inhaltlich Fachdidaktiker und Erziehungswissenschaftler die Bälle zuspielen, gibt es über das gesamte Studium hinweg vertiefende, praxisorientierte Seminare zu mehreren Schwerpunkten, wie interkulturelles Lernen, Inklusive Pädagogik und Deutsch als Zweitsprache. An diesem Dienstag ist inklusiver Mathematikunterricht das Thema. Die Professorin für Inklusive Didaktik, Natascha Korff, und ihre Kollegin für Mathematikdidaktik, Dagmar Bönig, vermitteln den Studierenden wissenschaftliche Grundlagen zur Bedeutung von Inklusion in Schulen. Sie geben Einblicke, welche Möglichkeiten es gibt, Matheunterricht für alle zu machen.

„Wie soll ich mit solchen Kindern umgehen?“

Als es um Fallbeispiele geht, wie man etwa geistig beeinträchtigte Kinder in den Unterricht mit einbezieht, meldet sich eine Studentin: „Ich studiere keine Inklusive Pädagogik“, sagt sie. „Wie soll ich wissen, wie ich mit diesen Kindern umgehen soll?“ Solche Reaktionen kennen die Lehrenden. Sie sind normal, wenn man wenig Erfahrung mit inklusivem Unterricht hat. Korff nimmt sich Zeit für die Fragen der jungen Frau. Ja, inklusiver Unterricht sei eine Herausforderung, aber machbar. „Zunächst einmal, in dem Sie sich als Lehrerin gut mit ihrem Fach und grundlegenden pädagogischen Fragen auskennen“, sagt Korff der Studentin. Das Rüstzeug erhalte sie im Laufe ihrer Lehrerausbildung. Teamarbeit helfe, den Unterricht gemeinsam weiterzuentwickeln und an die jeweiligen spezifischen Gruppen anzupassen. Mit entsprechendem Fachpersonal könne man von Fall zu Fall Lösungen entwickeln.

In der Praxis mangelt es an Fachkräften und Wissen

Das Problem: In Bremen und anderen Bundesländern mit inklusiver Beschulung mangelt es an Fachkräften und Wissen – vor allem in den weiterführenden Schulen. „Schulsysteme in anderen Ländern, wie zum Beispiel Skandinavien und Kanada, sind weiter“, sagt Dr. Christoph Fantini. An den Schulstrukturen kann die Universität wenig ändern. Da ist die Politik gefragt. „Unsere Aufgabe ist es, bei den Studierenden ein Bewusstsein für Heterogenität zu schaffen und Handlungskompetenzen zu vermitteln.“ Fantini ist im Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung des Fachbereichs Erziehungswissenschaften zurzeit verantwortlich für das Modul „Umgang mit Heterogenität in Schulen“. Es findet deutschlandweit Beachtung, da es in dieser Form einmalig ist.

„Sie rannten offene Türen ein“

Als in Bremen im Jahr 2009 die inklusive Beschulung eingeführt wurde, so dass alle Kinder eine reguläre Schule besuchen dürfen, kam der Auftrag von der Bildungsbehörde, entsprechende Studiengänge an der Uni Bremen einzurichten. „Sie rannten bei uns offene Türen ein“, so Fantini. Denn das Bewusstsein für eine Schule für alle, gibt es hier schon lange. So konnte man schon vor 2009 Grundschullehramt in Kombination mit Inklusiver Pädagogik studieren.

Enge Verbindung von Theorie und Praxis

Für bereits praktizierende Lehrerinnen und Lehrer bietet die Akademie für Weiterbildung der Uni Bremen den Weiterbildenden Masterstudiengang „Inklusive Pädagogik“. Konzipiert wurde er vom gleichnamigen Fachgebiet. Hier werden wissenschaftliche Theorien mit intensiver Praxis verbunden. „Ich finde, dass Inklusion eine sehr gute Sache ist“, sagt Linda Stibal, Deutschlehrerin an der Oberschule Findorff. „Wir haben sie früh eingeführt, es war schon manchmal recht chaotisch, und ich habe meist intuitiv reagiert.“ Mit dem neuen Hintergrundwissen fühle sie sich wesentlich sicherer. „Ich habe einen differenzierten Blick für die Schülerinnen und Schüler bekommen“, ergänzt Nadja Hörnle von der Grundschule Oslebshauser Heerstraße. Beide haben den Master belegt.

Anforderungen an inklusive Schule wird thematisiert

Zum inhaltlichen Angebot des Weiterbildenden Masters gehören unter anderem Diagnostik, Prävention und Intervention. Auch die Anforderungen an eine inklusive Schule werden thematisiert, wie etwa Kooperation und Teamarbeit oder die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit. Die Studierenden untersuchen theoretisch die gesamte Bandbreite der Heterogenität. Sie reicht von kognitiver-, sozialer- und emotionaler Entwicklung über Lernen und Sprache bis hin zu Schulabstinenz sowie den Umgang mit Hochbegabten. Ein weiterer grundständiger Studiengang „Inklusive Pädagogik“ für weiterführende Schulen ist in Arbeit.

Schulen profitieren von Zusammenarbeit

Auch in den einzelnen Fachdidaktiken – ob Geistes-, Natur- oder Sozialwissenschaften – gibt es zahlreiche fächerübergreifende Projekte, in denen sich Studierende mit dem Thema Heterogenität auseinandersetzen. Die Dozentinnen und Dozenten vermitteln ihnen nicht nur theoretische Grundlagen. Sie erarbeiten mit ihnen Handlungskompetenzen, didaktische Konzepte und Diagnoseverfahren. Diese setzen die Studierenden in ihren Praktika während der Semesterferien oder im Rahmen von semesterbegleitenden Praxisseminaren in Schulen um. Nicht zuletzt profitieren auch die Schulen von den Impulsen aus der Uni. „Für mich ist diese Zusammenarbeit ein großer Gewinn“, sagt eine Lehrerin der Bremer Oberschule Kurt-Schumacher-Allee in der Vahr. Sie kooperiert mit der Romanistikdidaktikerin Barbara Roviró. Mit Bachelorstudierenden hat sie in einer 6. Klasse speziellen Förderunterricht für Spanisch erarbeitet und durchgeführt.