Interview: „Ziel ist es, reflektierte Praktiker auszubilden“

Zwei Frauen im Gespräch
© Harald Rehling / Universität Bremen„Ich wünsche mir, dass man bei den Reformen das Tempo rausnimmt.“ - Professorin Sabine Doff, Wissenschaftliche Direktorin des ZfLB (rechts)
Zwei Frauen im Gespräch
© Harald Rehling / Universität Bremen"Im bundesweiten Vergleich haben wir einen hohen Praxisanteil." - Dr. Regine Komoss, Geschäftsführerin des ZfLB (links)

"Lehrerinnen und Lehrer müssen ein breites Spektrum abdecken"

Die Organisation der Lehrerbildung an deutschen Hochschulen ist komplex. Was sind die besonderen Herausforderungen für die Universität Bremen im reformfreudigen Stadtstaat Bremen? Was ist ihr Markenzeichen? Und welche Wünsche gibt es an die Bildungspolitik? Darüber sprach die Jahrbuchredaktion mit der Wissenschaftlichen Direktorin des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung (ZfLB), Professorin Sabine Doff, und der Geschäftsführerin, Dr. Regine Komoss.

Frau Doff, Frau Komoss, was sollten Lehrerinnen und Lehrer können?

Komoss: Lehrerinnen und Lehrer müssen ein breites Spektrum abdecken: Sie bilden, erziehen, diagnostizieren und beraten. Sie sollten offen sein für Neues und bereit sein, sich und ihre Schule weiterzuentwickeln. Sie haben in ihrem Beruf mit jungen Menschen zu tun und einer komplexen Gesellschaft, die sich ständig verändert.

Doff: Zudem müssen sie sich im Klaren sein, wo ihre Grenzen liegen und zum Beispiel Familien und andere Institutionen gefragt sind. Das erfordert ein hohes Maß an Selbstreflektion. Diese Haltung ist nicht angeboren, man kann sie aber lernen.

Was ist das Markenzeichen der Lehrbildung an der Uni Bremen?

Komoss: Eine Besonderheit ist, dass die Uni Bremen für alle Schulformen ausbildet. Im bundesweiten Vergleich haben wir einen hohen Praxisanteil, der bereits im Bachelor beginnt. Der Umgang mit Heterogenität ist ein wichtiges Studienelement. Die Uni Bremen ist die einzige Hochschule in Deutschland, an der Studierende die Möglichkeit haben, das Lehramt für Grundschule mit dem für Inklusive Pädagogik zu kombinieren und sich doppelt zu qualifizieren.

Doff: Unsere Universität bildet als einzige wissenschaftliche  Einrichtung im Land Bremen Lehrkräfte aus. Sie muss also die Spezifika des Bremischen Schulsystems berücksichtigen, wie Inklusion und die Oberschule als weiterführende Schule für alle. Diese Eins-zu-Eins-Situation gibt es deutschlandweit in dieser Form sonst nicht.

Was sind in Bremen die Herausforderungen in der Lehrerbildung?

Komoss: Alle Bereiche der Lehrerbildung machen großartige Arbeit. Doch das Netzwerk ist komplex und es herrscht zum Teil eine große Fragmentierung. Es ist eine Herausforderung, alle Inhalte aufeinander zu beziehen, so dass sich für unsere Studierenden ein schlüssiges Bild ergibt. Das ist kein spezielles Problem der Uni Bremen. Es existiert deutschlandweit, seitdem die Lehrerbildung von den Pädagogischen Hochschulen an die Universitäten gekommen ist.

Doff: Die Lehrerbildung umfasst zahlreiche Akteure mit zum Teil unterschiedlichen Interessen, die sich untereinander abstimmen müssen – angefangen bei den Studierenden, den Fächern, Fachbereichen, dem ZfLB, der Uni-Leitung, den Schulen bis hin zu den Behörden. Die Abstimmungsprozesse sind vielfältig und nicht leicht zu organisieren.

Komoss: Aber wir sind auf einem guten Weg.

Warum?

Komoss: Zurzeit wird die Lehrerbildung an deutschen Hochschulen durch die Bund-Länder-Initiative „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ gestärkt. Viele Förderprojekte setzen an dem Problem an. Die Initiative unterstützt uns auf dem Weg, ein gemeinsames Leitbild zu entwickeln.

Doff: Wir wollen eine engere Verzahnung der Fachdidaktiken, Fachwissenschaften und Erziehungswissenschaften sowie von Theorie und Praxis erreichen. Unser Ziel ist es, reflektierte Praktiker auszubilden.

Eine Besonderheit der Bremer Bildungspolitik ist ihr Reformeifer. Er führt zu Turbulenzen im Schulsystem. Wie wirkt sich das auf die Lehrerbildung aus?

Doff: Im Jahr 2009 hat der Stadtstaat die Inklusion flächendeckend umgesetzt. Erst mehrere Jahre später diskutieren wir, wie ein entsprechender Studiengang für Lehrkräfte an weiterführenden Schulen aussehen muss. Logisch wäre es, zuerst die Lehrkräfte auszubilden und dann das Schulsystem umzustellen.

Welche Wünsche haben Sie an die Bildungspolitik?

Doff: Ich würde mir wünschen, dass man bei den Reformen das Tempo rausnimmt und den Dialog miteinander vertieft. Lehrkräfte und Akteure in der Lehrerbildung haben oft den Eindruck, den Reformen nur noch hinterherzulaufen. Alle Beteiligten sollten Reformprozesse gemeinsam vorbereiten und durchführen. Analog sollten die Wirkungen einer Reform ausgewertet werden, bevor die nächste Runde an Neuerungen kommt.

Komoss: Stichwort Inklusion: Wir haben viele Forschungsprojekte, bei denen fächerübergreifend die Wirksamkeit neuer Unterrichtsformen entwickelt und evaluiert wird. Wie gestalte ich eine Lernumgebung für alle Schülerinnen und Schüler? Dieses Wissen ist für Schulen extrem wichtig. Es entsteht jedoch nicht von heute auf morgen, sondern braucht Zeit. Gleiches gilt für die Entwicklung und Evaluation neuer Studiengänge.

Doff: Wir haben in Bremen sehr engagierte und kooperationsbereite Schulen. Gleiches gilt für die anderen Akteure der Lehrerbildung. Die Wege zwischen Schulen, Universität und den anderen Akteuren sind kürzer als in anderen Bundesländern. Das sollten wir in der Lehrerbildung mehr nutzen.