22.11.2016
Autor/in: Karla Götz
Mitteilung Nr.: 16004

Kennen Sie schon ... das Wandbild im Foyer des GW2 ?

Hinschauen lohnt sich: Bei intensiver Betrachtung werden beim Wandbild im GW2 versteckte Symbole sichtbar.

Jimmi D. Paesler hat in Bremen zahlreiche Wandbilder geschaffen. Heute arbeitet er in der Bildhauerwerkstatt an der JVA Oslebshausen für den Verein „Mauern öffnen“.

Ein echter Hingucker ist das Wohn- und Atelierhaus von Jimmi D. Paesler in der Wulwesstraße im Viertel. Das raffinierte Spiel mit Dimensionen ist seine Spezialität. Die Erker sind gemalt.

„Wir waren ganz schön prophetisch“, sagt Jimmi D. Paesler nachdenklich, als er nach langen Jahren wieder vor dem Wandbild im Erdgeschoss des GW2 steht. Er hat es einige Jahrzehnte lang nicht gesehen und ist über den guten Zustand der Acrylmalerei überrascht.

Bis in die 90er-Jahre war der Bremer Maler Lehrbeauftragter im Studiengang Kunstpädagogik der Universität Bremen. Mit einer Gruppe von Studierenden hat er vier Semester lang die Konzeption für das Bild erstellt, das 1981 fertig wurde. Stichwort: „Kunst im öffentlichen Raum“. Thema war die Studiensituation an der Universität aus Sicht der Studierenden. Bei intensiver Betrachtung werden auch heute noch der allegorische Charakter und zeitbezogene versteckte Symbole sichtbar.

Große Umbrüche darstellen

Paesler, inzwischen 73-jährig, mit Schiebermütze, Ohrstecker und Schalk in den Augen, gibt sich auch heute noch kämpferisch. „Wir wollten die bevorstehenden großen Umbrüche darstellen“, sagt er. „Die Ökonomisierung des Studiums. Die unklare berufliche Zukunft. Die Verunsicherung von Studenten. Wir haben das vorweggenommen. Die Geisteswissenschaften wurden reduziert, das läuft ja immer noch auf Hochtouren.“ Und es sei eine Zeit gewesen, in der die Digitalisierung gerade anfing. Folgerichtig gründet eine der Säulen, die die zentrale Treppe des Aufstiegs säumen, auf Computerteilen. „Ja, die sahen damals so mächtig aus“, lacht er. Während Paesler das sechs mal zehn Meter große Wandbild erklärt, posen wie zur Bestätigung der neuen Zeiten hinter ihm im Foyer vor ein paar Plakatwänden Studierende für Selfies.

Graue Männer schauen ins Bild

Mühelos kann der ehemalige Lehrbeauftragte die porträtierten Personen in der rötlich gemalten Arbeitsgruppe mit Namen nennen. Die Zweite von rechts ist Ulrike. Sie hatte die Idee, ein Bildzitat zu wählen. Die grauen huttragenden Männer im Vordergrund, die mit dem Rücken zum Betrachter stehen, sind dem berühmten Bild von Richard Oelze „Die Erwartung“ nachempfunden. Oelze, der in Worpswede lebte, schuf das surrealistische Motiv 1935. Die grauen Männer im GW2 schauen nun gemeinsam mit dem Betrachter durch einen plastisch wirkenden Rahmen in das eigentliche Bild hinein. Sie sehen strauchelnde Studenten, die den politischen Kampf aufgeben. Dafür steht das rote Transparent, das die Treppe hinabrutscht. Die ungewisse Zukunft in der gesellschaftlichen Realität wird durch einen Lichtspalt hinter einer schweren Panzertür verdeutlicht.

Marx als Invalide und die Wissenschaft als Hermaphrodit

„Haben Sie den invaliden Marx gesehen?“, kichert Paesler und weist darauf hin, dass der auf seiner Gesamtausgabe steht, „die blauen Bücher“. Die geballten Fäuste, die die nächste Säule halten, sollten eine Parodie auf die K-Gruppen (maoistisch und kommunistisch orientierte Gruppen in der Studentenbewegung) sein. Das Pendant zu Marx ist auf der rechten Bildseite zu sehen. Die Säulenheilige ist ein Hermaphrodit mit den Gesichtszügen von Woody Allen, einem Geldschein in der Hand und einer Banderole mit der Aufschrift. „Freiheit der Wissenschaft“. Die Käuflichkeit der Wissenschaft wollten die Studierenden damit aufs Korn nehmen. Es waren wilde Zeiten damals. Paesler hat mit dem harten Kern der Gruppe so manches Wochenendseminar veranstaltet. Einmal auch in einem Bauernhof in Dötlingen. „Da wurde Alkohol getrunken“. Er lacht. Und es soll „tolle Anekdoten“ geben. „Der rechts oben, der sich von der Mauer stürzen will, weil er den Übergang in die freie Wirtschaft nicht hinkriegt, das ist Victor Ströver“, sagt Paesler. Sein ehemaliger Student hat heute ein Webdesign-Unternehmen in einer Villa in Schwachhausen. Es ist also doch besser gelaufen, als erwartet.

Wunsch: Eine Beschriftung des Bildes

„Der zweite von links in der Arbeitsgruppe, das war ich. Ja, ich hatte so lange Haare damals“. Jimmi Paesler freut sich, als er hört, dass Campusführungen immer auch die Wandbilddeutung einbeziehen. Er hat nur einen dringlichen Wunsch. „Es sollte eine Tafel angebracht werden, mit den Namen der Schöpfer darauf.“