Nachteilsausgleich bei Legasthenie und Dyskalkulie

Nachteilsausgleich bei nachgewiesener Legasthenie/Dyskalkulie

 

Was ist Legasthenie/ Dyskalkulie?

Die „Lese-Rechtschreibstörung“ (Legasthenie) und die „Rechenschwäche“ (Dyskalkulie) sind Lernstörungen, die auf neurobiologische Hirn-Funktionsstörungen zurückgeführt werden können. 

Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass bei Legasthenikern eine Störung der auditiven Wahrnehmung vorliegt: lautliche Elemente der Sprache können nicht unterschieden und auch nicht im Gedächtnis gespeichert werden. Auch die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit von Geschriebenem ist gestört. In der Folge kommt es zu einer Speicherschwäche für schriftsprachliches Material.

Die Dyskalkulie ist eine mit der Legasthenie vergleichbare Funktionsstörung des Lernens, die sich auf das Erfassen, die Gedächtnisverarbeitung und Wiedergabe von Rechenoperationen erstreckt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO bewertet in ihrem ICD 10 (International  Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) Legasthenie und Dyskalkulie als  „ Störungen, bei denen die normalen Muster des Fertigkeitserwerbs von frühen Entwicklungsstadien an gestört sind. Dies ist nicht einfach Folge eines Mangels an Gelegenheit zu Lernen ; es ist auch nicht allein eine Folge einer Intelligenzminderung oder irgendeiner erworbenen Hirnschädigung oder – krankheit aufzufassen .“ Die ICD ist eine international verbindliche Richtlinie für die Klassifizierung von Krankheiten.  Somit sind Legasthenie und Dyskalkulie eindeutig als gesundheitliche Beeinträchtigung einzustufen.

 

Studium und Legasthenie/Dyskalkulie?

In der Datenerhebung zur Situation der Studierenden mit Behinderung und chronischer Krankheit „beeinträchtigt studieren“ des Deutschen Studentenwerkes 2011 gaben 7,1% der Befragten an, durch Legasthenie/Dyskalkulie in ihrem Studium beeinträchtigt zu sein.

Menschen mit Legasthenie/Dyskalkulie haben zwar Schwierigkeiten mit dem Aufnehmen oder/und Verfassen von Texten bzw. dem Verständnis von Rechenoperationen, dies steht aber in keinem Zusammenhang mit ihren intellektuellen Fähigkeiten.
Anders gesagt: Studierende mit Lernstörungen sind weder faul noch dumm.
Legastheniker sind in nicht seltenen Fällen sogar gleichzeitig hochbegabt (z.B. Albert Einstein, Stephen Hawkins, Johannes Gutenberg, Pablo Picasso u.a.).

Generell benötigen Studierende mit Lernstörungen erheblich mehr Zeit, um Texte zu lesen, Informationen zu verarbeiten, bzw. Rechenoperationen zu erfassen.  Bei Studierenden mit Legasthenie ist auch das Verfassen eigener Texte sehr zeitaufwändig und mühsam und bedarf oft der Unterstützung durch ein Rechtschreibprogramm oder korrigierende Mitstudierende.



 

Recht auf Nachteilsausgleich

Studierende mit einer Beeinträchtigung haben laut Hochschulrahmengesetz und Bremischem Hochschulgesetz  einen Rechtsanspruch auf angemessenen Nachteilsausgleich. „Macht die Kandidatin/der Kandidat glaubhaft, dass sie/er wegen länger andauernder oder ständiger Krankheit oder Behinderung nicht in der Lage ist, Prüfungen ganz oder teilweise in der vorgesehenen Form abzulegen, kann dies durch entsprechende Verlängerung der Arbeitszeit oder eine andere Gestaltung des Prüfungsverfahrens ausgeglichen werden“ (AT BPO § 14).

Der Nachteilsausgleich bei Studien- und Prüfungsleistungen bezieht sich auf die Form der zu erbringenden Leistung, die Qualitätsansprüche werden davon nicht berührt. Es geht also nicht darum, Prüfungen  zu vereinfachen, sondern um die Änderung von Rahmenbedingungen.

Mögliche Formen des Nachteilsausgleiches

Ein Nachteilsausgleich ist immer eine fallspezifische Lösung, weil er jeweils individuelle Einschränkungen ausgleichen soll. Es ist also stets im Einzelfall zu überlegen, wie sich die Legasthenie/Dyskalkulie auf den Studienverlauf auswirkt und wie diese Beeinträchtigung kompensiert werden kann.

Grundsätzlich sind bei Legasthenie folgende Arten des Nachteilsausgleichs denkbar:

  • Nichtberücksichtigung von Rechtschreibfehlern/Rechenfehlern bei Hausaufgaben/Klausuren
  • Schreibzeitverlängerung bei Klausuren
  • Nutzung eines Notebooks mit Rechtschreibprüfungsprogramm in Klausuren
  • Mündliche Prüfung/ Referat an Stelle von Hausarbeit, Klausur o.ä.
  • Verlängerung der Bearbeitungszeit bei Hausarbeiten, Protokollen, Übungsaufgaben etc.

 

Antragstellung

  1. In einem formlosen Antrag beschreibt die/der Studierende, wie sich die Legasthenie/Dyskalkulie konkret auf das Erbringen von Studien- oder Prüfungsleistungen auswirkt und macht Vorschläge, wie ein geeigneter Nachteilsausgleich aussehen könnte.
  2. Dem Antrag ist eine Bescheinigung eines Lerninstitutes für Legasthenie/ Dyskalkulie oder eines Facharztes für Psychiatrie beizulegen. Der zu Grunde liegende diagnostische Test soll  in der Regel nicht älter als fünf Jahre sein. Für Studierende an Hochschulen im Lande Bremen wird dieser Test auch von der Psychologisch Therapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerkes (ptb) kostenlos durchgeführt.
  3. Der Antrag wird beim zuständigen Prüfungsamt eingereicht.
  4. Dieses leitet ihn weiter an den Prüfungsausschuss.
  5. Der Prüfungsausschuss entscheidet zeitnah und versendet einen schriftlichen Bescheid.

Der Antrag auf Nachteilsausgleich muss rechtzeitig vor der Prüfung gestellt werden.

Da es sich bei Legasthenie/Dyskalkulie um eine dauerhafte Beeinträchtigung handelt, kann ein Antrag für mehrere Studien- oder Prüfungsleistungen gleichzeitig gestellt werden, um den Verwaltungsaufwand möglichst gering zu halten.

 

Datenschutz

Der Antrag auf Nachteilsausgleich wird vom Prüfungsamt und dem Prüfungsausschuss vertraulich behandelt. Die Entscheidung über diesen Antrag wird in schriftlicher Form erteilt. Der gewährte Nachteilsausgleich findet im Abschlusszeugnis keine Erwähnung.

 

Lesenswert/ Quellen

http://www.kjp.med.uni-muenchen.de/forschung/legasthenie/ueberblick.php Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilian-Universität München
http://www.bvl-legasthenie.de/  Bundesverband Legasthenie/Dyskalkulie
http://www.sueddeutsche.de/wissen/nachgefragt-wie-wird-man-mit-legasthenie-professor-1.621466-2 Interview mit Prof. Tiemo Grimm, Legastheniker und Professor an der Universität Würzburg
http://www.icd-code.de/ Diagnoseklassifizierungssystem der Weltgesundheitsorganisation

 

Wenn Sie noch Fragen zum Thema „Studieren mit Legasthenie/Dyskalkulie“ haben, wenden Sie sich an:

KIS Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung