2014

Tag des Gedenkens 2014: Welche Rolle spielte die Mathematik im NS-Staat?

Von Beginn an war die Mathematik von der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik stark betroffen. Massenentlassungen so genannter „Nichtarier“ und politisch Andersdenkender führten zum Exodus eines Drittels der habilitierten Mathematiker. Der Kriegsbeginn erwies sich dann als Zäsur für die Mathematik im NS-Wissenschaftssystem, da er die Instrumentalisierung der mathematischen Forschung und der Beteiligung von Mathematikern an der Kriegsforschung einläutete.

Vortrag: "Die Selbstmoilisierung und Instrumentalisierung der Angewandten Mathematik im NS-Staat"

In seinem Vortrag legt Ulf Hashagen anhand von Fallbeispielen dar, wie sich unter dem Anpassungsdruck des Nationalsozialismus und der Anpassungsbereitschaft der Wissenschaftler an das „Dritte Reich“ das mathematische Wissenschaftssystem in Deutschland grundlegend veränderte. Paradoxerweise erwiesen sich gerade die nach ihrem Selbstverständnis „unpolitischen“ Mathematiker durch ihre Forschungsbeiträge im Bereich der Angewandten Mathematik äußerst nützlich für die Kriegsforschung und für die Stabilität des NS-Regimes. Eine Folge war, dass auch Mathematiker, die sich in erster Linie ihrem Fachdenken verpflichtet fühlten, ihre Expertise für die Militärforschung des „Dritten Reiches“ zur Verfügung stellten und im Gegenzug Ressourcen des NS-Staates für ihre eigenen Forschungen erhielten. Einige führende Mathematiker und Physiker wurden durch ihre Arbeit in der Kriegsforschung in Vorhaben der SS verwickelt. Einige von ihnen setzten auch ausländische Wissenschaftlerkollegen als „Zwangsarbeiter für die mathematische Kriegsforschung“ ein.

Der Referent

Dr. Ulf Hashagen ist Leiter des Forschungsinstituts für Technik- und Wissenschaftsgeschichte am Deutschen Museum. Außerdem lehrt er als Privatdozent für Wissenschafts- und Technikgeschichte an der LMU München. Er forscht vor allem zur Geschichte der Mathematik und Informatik im 19. und 20. Jahrhundert, aber auch zur Entwicklung des deutschen Wissenschaftssystems.

Weitere Veranstaltungen zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus:

  • Ebenfalls am 27. Januar wurde um 13 Uhr eine Ausstellungseröffnung im Foyer des MZH der Uni Bremen zum Thema „Die jüdische Berufsschule Masada in Darmstadt, 1947-48“. Die Schule bildete 45 Überlebende aus Deportationslagern als Tischler, Schlosser oder Schreiner für Aufbauarbeiten in Israel aus. Die Ausstellung wurde bis zum 7. Februar 2014 gezeigt. Den Eröffnungsvortrag hielt Professorin Heidi Schelhowe, Konrektorin für Lehre und Studium an der Uni Bremen.

  • Eine weitere Ausstellung zeigte die Staats- und Universitätsbibliothek in Kooperation mit der KulturAmbulanz Bremen vom 17. Januar bis 3. März 2014: „entwertet, ausgegrenzt, getötet – Medizinverbrechen an Kindern im Nationalsozialismus“. Die Ausstellung beschäftigte sich mit den Verbrechen an Bremer Kindern und thematisiert „Euthanasie“. Begleitend fand ein Zeitzeugengespräch mit betroffenen Bremer Angehörigen statt.

  • Ein weiteres Zeitzeugengespräch: Die Auschwitz-Überlebende Aleksandra Borisowa aus Belarus berichtete in Bremen über ihre Erinnerungen. Aleksandra Borisowa wurde als Siebenjährige zusammen mit ihren Eltern zuerst in das Lager Majdanek und später nach Auschwitz gebracht. Sie wird im Rahmen des internationalen Holocaust-Gedenktages in Schulen und an der Universität Bremen ihre Geschichte erzählen.

  • Auch die Forschungsstelle Osteuropa an der Uni Bremen beteiligt sich mit zwei Veranstaltungen: Zum einen eine Buchvorstellung mit Live-Klezmer-Musik: Das Werk „Klezmer‘s Afterlife“ untersucht die faszinierende Musikszene des Klezmer in Zentraleuropa. Die Veranstaltung verbandt ein moderiertes Gespräch mit der Autorin Magdalena Waligórska und ein Live-Konzert der bremischen Gruppe Klezgoyim. Die Veranstaltung fand mit Unterstützung der Hollweg Stiftung statt.
    Zum anderen zeigte die Forschungsstelle Osteuropa zusammen mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. im Kino City 46 (Birkenstr. 1) den Film “Der zerbrochene Klang“. Zum Inhalt: Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten und musizierten jüdische und Roma-Musikerfamilien in Bessarabien gemeinsam. So entstand eine einzigartige Musikkultur, die durch den 2. Weltkrieg zerstört wurde. 70 Jahre später begeben sich 14 international bekannte Musiker aus aller Welt auf eine Reise in die Vergangenheit.