Zum Hauptinhalt springen

Ein Foto als programmatisches Zitat

Für den "stern" im Mensa-See: v.l.Rektor Hans-Josef Steinberg, Konrektor Gerhard Stuby, Kanzler Hans Heinrich Maaß (weiter hinten), Dienstleister Günter Schattauer, Student Helmut Zachau und Konrektor Stefan von Aufschnaiter.

Als die Unileitung einmal baden ging

Das Posieren im Wasser darf aus klimatischen, hygienischen und ästhetischen Gründen als mutig bezeichnet werden – auch wenn der angestrebte Effekt, zu bebildern, daß die Unileitung nichts zu verbergen habe, nicht ganz erreicht wurde: Der „stern“, ganz „bürgerliche Lum-penpresse“, überschrieb wenig originell seine Reportage in Nr. 27/1975 mit der Zeile: „Geht die rote Uni baden?“ – offenbar ein Entschluß in letzter Minute, wird der Beitrag im Inhaltsverzeichnis noch als „Ende der ‚Arbeiteruniversität‘?“ angekündigt. Doch die Journalisten hatten nicht mit der List des Historikers und damaligen Rektors Hans-Josef Steinberg gerechnet. Denn das für den „stern“ so originelle Motiv war ein Zitat – und ein hochpotisches dazu: In nämlicher Pose waren die Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Gustav Noske von der „Berliner Illustrierten Zeitung“, der Stammutter von „stern“ & Co, im Sommer 1919 beder Eröffnung eines Erholungsheims für Kinder in Haffkrug an der Ostsee abgelichtet wordenwobei die spielenden Kinder wegretouchiert und mit der Unterzeile „Ebert und Noske in der Sommerfrische“ der Eindruck eines Schnappschusses erweckt wurde. Der eigentliche Skandal aber war die „Verletzung der Würde des Amtes des Reichspräsidenten“. In immer neuen Wendungewurde in der rechten Presse Ebert als Parvenü beschimpft, dessen Mangel an Etikette nur Ausdruck mangelnder Kultur und Eignung für das höchste Amt der Weimarer Republik sei. Statt staatstragender Bekleidung, im damaligen Deutschland natürlich am be
vulgo „voller Wichs“, die wenn auch geräumige Badehose – Skandal! Und selbst ohne vorliegende soziologische Untersuchung kann davon ausgegangen werden, daß auch 1975 nicht wenige Bremer Bürger Schlips und Kragen als textile Mindestausstattung für eine Magnifizenz hielten – und ebenso, daß der „stern“ gegen ein kleines Skandälchen nichts einzuwenden gehabt hätte. Der damaligen Unileitung aber gebührt das Verdienst, die These „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“radikal, evident historisch bewußt und in persönlichem Einsatz widerlegt zu haben – ein Bremer Modell eben.


in: BUS Nr. 66, Januar 2002

Till Schelz-Brandenburg