Politische Ökologien
Forschungsgruppe

Wer wir sind
Die Forschungsgruppe behandelt sozial-ökologische Problemlagen auf unterschiedlichen Ebenen und mit verschiedenen räumlichen Bezügen. Dabei stehen Fragen im Zusammenhang mit dem globalen Wandel im Mittelpunkt. Aktuelle Projekte befassen sich mit dem Erhalt der biologischen Vielfalt, mit den sozialen Funktionen urbaner Grünräume und mit der Anpassung an den Klimawandel insbesondere in Küstengebieten. Unser Verständnis der politischen Ökologie setzt dabei an deren klassischer Formulierung an und verknüpft Fragen der Ökologie und der Ressourcennutzung mit Perspektiven der politischen Ökonomie. Zudem nehmen wir neue Impulse aus den Environmental Humanities und den Science and Technology Studies auf.
Forschungsprojekte
Humboldt Tipping II
Social Ecological Tipping Points of the Northern Humboldt Current Upwelling System, Economic Repercussions and Governance Strategies
09/2023 – 12/2025
Während der ersten Phase von Humboldt-Tipping wurde untersucht, inwiefern verschiedene Herausforderungen (ökologische, gesundheitliche, politische, ökonomische) im Northern Humboldt Upwelling System (HUS) als ein Szenario „verketteter Krisen“ (Biggs et al., 2011) miteinander verwoben sind und interagieren. Dabei beinhaltet der Krisenbegriff ein weit gefasstes Werturteil, demzufolge einige sozial-ökologische Beziehungen gefährdet sind oder sich verschlechtern, was sich mit Kipppunkten (tipping points), "regime shift" oder sozialen Brüchen in Verbindung bringen lässt (Craig, 2016). Krisen können als bedrohlich angesehen werden, zugleich können sie aber auch Möglichkeitsfenster für einen transformativen sozial-ökologischen Wandel sein, der einen Übergang zu mehr Nachhaltigkeit ermöglicht (Loorbach et al., 2017).
Das Krisenszenario wird gegenwärtig (noch) durch die direkten und indirekten Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und die politischen Umbrüche in Peru geprägt. Diese Faktoren haben bestehende Vulnerabilitäten und Spannungen (z.B. zwischen Fischereiflotten) neu konfiguriert, gleichzeitig aber auch transformative Prozesse in Gang gesetzt, die zu Veränderungen des politischen Rahmens und der formellen wie informellen Institutionen führen, mit starken sozialen und ökologischen Auswirkungen.
In der zweiten Phase von Humboldt Tipping wird der Fokus auf Möglichkeiten für gerechte sozial-ökologische Transformationen im Kontext der genannten verketteten Krisen liegen: Wie könnten notwendige Veränderungen und Governance-Optionen für verschiedene Akteure aussehen? Über welche Erfahrungen in diesem Sinne verfügen insbesondere Kleinfischer:innen und Muschelzüchter:innen und wie lassen sich diese weiterentwickeln? Wie lassen sich diese Optionen in global konsistente und regional verankerte HUS-SSP-Szenarien einordnen?
mehrclimateurope2
09/2022 – 02/2027
Im Rahmen der Umsetzung einer europäischen Klimapolitik ist die Bereitstellung und effektive Nutzung von wissenschaftlichem Klimawissen von grundlegender Bedeutung. Auf dem Weg zur Klimaneutralität stellen die sogenannten Klimaservices Informationen zur Entscheidungsfindung, zum Risikomanagement und dem Aufzeigen von Lösungen zur Verfügung. In den letzten Jahren ist ein regelrechter Markt für diese Art der Wissensvermittlung entstanden. Allerdings wissen die unterschiedlichen Entwickler und Anbieter von Klimawissen wenig voneinander, und es fehlt an inter- und transdisziplinärem Wissen genauso wie an einem adäquaten Qualitätsmanagement oder gemeinsamen Standards. Das Projekt climateurope2 tritt an, um diese Standards zu entwickeln, eine Gemeinschaft von Klimaservices zu schaffen und die Akzeptanz derselben zu fördern.
In dem Arbeitspaket „Policy support for climate”, das von artec geleitet wird, geht es darum, das Angebot vorhandener Klimaservices mit der Wahrnehmung und den Bedürfnissen vor Ort abzugleichen, die Grenzen der Standardisierung auszuloten und das Angebot an und das Selbstverständnis von Klimaservices entsprechend zu erweitern. Das Arbeitspaket ist sozialwissenschaftlich und ethnologisch ausgerichtet. Im Zentrum steht eine Eruierung des ortsbezogenen Bedarfs an Klimawissen mit Hilfe von „narratives of change“. Ziel ist es, Vertrauen zu schaffen und wertebezogenes Klimahandeln zu ermöglichen.
mehrREWRITE
Rewilding and Restoration of Intertidal Sediment Ecosystems for Carbon Sequestration, Climate Adaptation and Biodiversity Support
10/2023 – 09/2028
Das HORIZON EU-Projekt REWRITE untersucht, wie die Wiederherstellung und das Wildnismanagement von gezeitenabhängigen Sedimentökosystemen zur Kohlenstoffbindung, Anpassung an den Klimawandel und Unterstützung der Biodiversität beitragen können. Wissenschaftler:innen aus Nautr-, Sozial- und Geisteswissenschaften untersuchen Salzwiesen, Seegraswiesen und Wattflächen in 10 Demonstrationsgebieten in Europa sowie den USA und Kanada. Diese Ökosysteme spielen eine wichtige Rolle bei der Reduzierung des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre, indem sie Kohlenstoff speichern. Durch die Wiederherstellung und den Schutz dieser Lebensräume werden sie auch besser in der Lage sein, sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen und gleichzeitig wichtige Lebensräume für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten bereitzustellen. Gemeinsam mit der Universität Twente leitet die Universität Bremen das Arbeitspaket 3 „Neues Wissen über gezeitenabhängige Feuchtgebiete schaffen, das Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften verbindet“, mit der Aufgabe, die Narrative des Wandels in allen Untersuchungsgebieten zu dokumentieren.
mehrBiodiverse Cities
Accelerating Action for BIODIVERSity Enhancement in CITIES to Benefit Nature and People
10/2022 – 09/2026
Als stark urbanisiertes Gebiet ist die Nordsee-Region unmittelbar in den regionalen Verlust von Biodiversität verstrickt. Trotz zunehmender politischer Aufmerksamkeit wird der Erhalt der Biodiversität in städtischen Räumen oft übersehen oder als nachrangig betrachtet. Zwar führen Städte so genannte „naturbasierte Lösungen” (NBS) ein, um die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern. Jedoch ist der Erhalt der Biodiversität dabei selten ein gleichwertiges Ziel. Zudem wurden in der Vergangenheit auch die sozialen Implikationen nicht hinreichend beachtet, die eine Neubewertung und Ausweitung von „grüner Infrastruktur” in Städten mit sich bringt.
Im Rahmen von Biodiverse Cities sollen NBS in 5 Pilotstädten – darunter Bremen – exemplarisch entwickelt werden. Durch innovative Methoden wie räumliches Experimentieren und soziales Design werden die lokalen Bevölkerungen in das Projekt eingebunden, mit dem Ziel einer weitgehenden Beteiligung bis hin zu einer Koproduktion einzelner Maßnahmen. Um Biodiversitätskriterien in die Stadtplanung, Stadtentwicklung und Investitionen zu integrieren, will das Projekt damit über übliche Praktiken hinausgehen. Die Langfristigkeit der Ergebnisse soll durch das gleichzeitige Einwirken auf lokale Politiken gemeinsam mit regionalen und nationalen Regierungen gewährleistet werden – im Bremer Fall die senatorische Behörde für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau (SKUMS). Das Teilprojekt in Bremen konzentriert sich auf den dicht besiedelten und kulturell vielfältigen Stadtteil Gröpelingen und wird in Zusammenarbeit mit der Forschungswerkstadt Gröpelingen des Instituts für Ethnologie und Kulturwissenschaften (IfEK) durchgeführt.
mehrVAG
Violence, Age, and Gender
10/2022 – fortlaufend
Das im Rahmen der Worlds of Contradiction (WoC) im Mai 2020 gegründete interdisziplinäre Forschungs-Lab nähert sich der Thematik „Violence, Age and Gender“ aus rechts- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven. Ziel ist es, nationales und internationales Wissen über Vorkommen und Ursachen geschlechts- und altersspezifischer Gewalt und Belästigung im öffentlichen, institutionellen sowie privaten Raum interdisziplinär zusammenzuführen, um daraus weiterführende Forschungsfragen abzuleiten. Ausgangspunkt dafür ist das aktuelle Übereinkommen 190 über die Beseitigung von Gewalt und Belästigung in der Arbeitswelt der internationalen Arbeitsorganisation (ILO).
Gewalt strukturell, interaktionell und individuell zu erleben heißt, in und mit Widersprüchen zu leben; gesellschaftliche sowie individuelle Entwicklungschancen werden dadurch nachhaltig beeinträchtigt. Das Lab knüpft an die an der Universität Bremen seit den 1980er Jahren etablierte Rechts-, Gender- und Arbeitsforschung an und verfolgt mit interdisziplinären Sichtweisen auf das Thema Gewalt einen Theorie-Praxis-Transfer.
In 2020 unterstützt eine Workshopreihe die Entwicklung interdisziplinärer Perspektiven auf Gewalt und Belästigung. Für 2021 sind verschiedene Vorträge und Workshops mit europäisch und international anerkannten Jurist*innen und zu Gewalt forschenden Sozialforscher:innen in Vorbereitung. Eine Konferenz mit ca. 100 Teilnehmende ist für Anfang Dezember 2021 mit der Evangelischen Akademie Loccum in Planung, die anschließende Veröffentlichung eines Sammelbandes für 2022 ebenfalls.
mehrAbramowski, Ruth, Meyerhuber, Sylke & Rust, Ursula (Eds.) (2025). Gewaltfrei arbeiten und leben – Interdisziplinäre Perspektiven, Theorien, empirische Erkenntnisse und Handlungsoptionen. Nomos Verlag.
Doolittle Llanos, S., Garteizgogeascoa, M., & Gonzales, I. E. (2025). A Gendered Blue Economy? Critical Perspectives Through Women’s Participation in Peru. Ocean and Society, 2.
Flitner, M. (2024). Environmental Justice. In Belina, B., M. Naumann & A. Strüver (Eds.): Handbuch Kritische Stadtgeographie (pp. 393-397). Münster: Westfälisches Dampfboot (6., erweiterte Neuauflage)
Krauß, W. (2023). Slowing down climate services: climate change as a matter of concern. Sustainablitiy 2023, 15(8), 6458; https://doi.org/10.3390/su15086458
Flitner, M. (2023). Geosociality: Moral Ecologies and Responsible Practices. In Zapf, N., T. Millesi & M. Coy (Eds.): Kulturen im Anthropozän (pp. 59-74). München: oekom Verlag. DOI: 10.14512/9783987262074
Kluger, L. C., Garteizgogeascoa, M., Gonzales, I. E., Odar, L. A., Flitner, M., & Damonte, G. (2023). An analysis of the early impacts of COVID-19 on Peruvian fisheries and mariculture. ICES Journal of Marine Science, fsad140. DOI: 10.1093/icesjms/fsad140
Mann, T., Serwa, A., Rovere, A., ... Flitner, M. & H. Westphal (2023). Multi-decadal shoreline changes in Eastern Ghana—natural dynamics versus human interventions. Geo-Marine Letters, 43(4), 17-30.
Flitner, M. & Gesing, F. (2021). Mehr als eine Natur: Aspekte der Umweltgerechtigkeit in Neuseeland. Geographische Rundschau 6, 34-39.
Leitung
Kontakt
Universität Bremen
artec Forschungszentrum Nachhaltigkeit
Gebäude ECO 5 (Eingang A)
Am Fallturm 1
28359 Bremen
Tel. +49 (0) 421 / 218-618 44 oder 218-618 00 (Sekretariat)
Fax +49 (0) 421 / 218-98618 44
E-Mail: flitnerprotect me ?!uni-bremenprotect me ?!.de

