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Prof. Dr. Thorsten Quandt

Herausforderungen kommunikativen Wandels – Risiken der Online-Nutzung Jugendlicher

1. Medienwandel und Jugend-Alltag

Medienwandel wird von Kindern und Jugendlichen konkret im Alltag gelebt und immer wieder neu ausgehandelt. Dabei werden sie allerdings zum Teil mit Inhalten konfrontiert, die nicht altersgemäß sind – von Gewaltvideos im Web bis hin zu Pornografie, die über WhatsApp geteilt wird. Das führt zu einer hohen Risiko- und Relevanzwahrnehmung in der Gesellschaft, die oftmals auch Anzeichen einer Moral Panic trägt. Denn dass man solchen Inhalten ausgesetzt ist, bedeutet nicht gleichzeitig, dass es eine bestimmte Wirkung gibt – der Schluss von Exposure auf Wirkung wird oft vorschnell getroffen. Die vereinfachende Vorstellung nimmt an, dass insbesondere bei Jugendlichen und Kindern die Nutzung eines Angebots aufgrund niedriger Widerstandskräfte und wenig gefestigter Grundzüge der Persönlichkeit zu quasi automatisch einsetzenden Wirkungen führt. Freilich ist diese Sicht gar nicht so gut belegt, wie man annehmen würde: So ist der Bereich medialer Pornografie bei Weitem nicht so gut erforscht, wie es aufgrund der öffentlichen Ängste und der damit verbundenen Relevanzwahrnehmung zu erwarten wäre. Die Diskussion zu Gewaltwirkungen wiederum läuft seit Jahrzehnten – aber die Ergebnisse sind nicht konklusiv (vgl. Breuer et al. 2015).

Hinzu kommt, dass die alltägliche Mediennutzung Jugendlicher dem Medienwandel oft schneller folgt als die der Erwachsenen – was eine Übertragung von Forschungsergebnissen erschwert. Wir beobachten heutzutage ein ganz anderes Medienportfolio als noch vor wenigen Jahren – und das wirkt sich bei den Jüngeren sehr deutlich aus. Die heutige Elterngeneration ist vor allem mit Zeitung, Radio und Fernsehen als zentralen Medien aufgewachsen, gegebenenfalls gab es auch schon Heimcomputer, wenngleich noch nicht vernetzt. Bei den Jugendlichen sieht das heutzutage anders aus: Smartphones sind eine Ubiquität, es gibt unterschiedlichste Tablet-Devices, Jugendliche nutzen ganz natürlich Computer und Internet, und es gibt eine Vielzahl von Social-Media-Anwendungen, die auch ihren sozialen Alltag bestimmen. Manche dieser Angebote sind schon wieder verschwunden – noch bevor sich die oft langsame Forschung überhaupt mit ihnen intensiv befassen konnte. Nicht nur aus diesem Grunde ist es angezeigt, sich auf die basalen Funktionen und nicht die jeweiligen Anwendungen zu konzentrieren. Es gibt Apps für bestimmte kommunikative Funktionen zwischen Individuen, zum Gruppenaustausch und zur Koordination, zum Verbreiten von Informationen an Dritte und so weiter. Diese Funktionen werden vermutlich nicht verschwinden, da sie grundlegenden sozialen und kommunikativen Bedürfnissen entsprechen – was durchaus verschwinden kann, sind einzelne Angebote und Dienste. Dies muss man sich klar machen, wenn man zum Beispiel soziale Netzwerke (wie Facebook) untersucht – was steht dahinter, um was genau geht es bei dieser Nutzung?

Aufschlussreich sind aktuelle Daten zur Medienbeschäftigung Jugendlicher, zeigen sie doch auch, was diese medial umtreibt. Die JIM-Studie 2014 vermittelt hier einen guten Eindruck (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2014: 12): Die Medienbeschäftigung Jugendlicher im Alter von 12 bis 19 Jahren ist bestimmt von neuen Angeboten, die im traditionellen Medienportfolio der Vorgänger-Generation so nicht vorkommen. Internet ist Basis des Alltags – 81 Prozent nutzen es täglich, weitere 13 Prozent zumindest wöchentlich (ebd.). Man bewegt sich hier in Regionen der Volldiffusion, bei der man die Merkmale der Internet-Nutzer in ihrer Allgemeinheit gar nicht erfassen kann. Spezifisch definiert sind wohl nur noch die wenigen Nicht-Nutzer, die sich aktiv gegen eine solche Grundbedingung des jugendlichen Seins entscheiden. Auch die Handy-Nutzung bewegt sich in einem ähnlichen Bereich. Fernsehen und Radio werden ebenfalls noch häufig genutzt. Die Tageszeitungsnutzung hingegen ist marginal und rangiert bei der täglichen Nutzung unter zehn Prozent – und bei anderen gedruckten Medien sieht das durchaus ähnlich aus. Allerdings muss man hier vorsichtig sein: Das ist in Teilen ein unfairer Vergleich, weil zum Beispiel Magazine keine Medien der täglichen Nutzung sind – die Zuwendungs- und Nutzungsfrequenz ist eine ganz andere. Dennoch indizieren die Daten eine massive Veränderung der Nutzung – sie verläuft über andere Endgeräte, ist auch ganz anders aufgestellt und figuriert, als das vor wenigen Jahren noch bei vorherigen Jugend-Generationen der Fall war.

Tatsächlich sind die Veränderungen so rasant, dass selbst die vorgeblich neuen Medien bereits wieder im Wandel begriffen sind (weswegen der relative Begriff Neue Medien auch wenig brauchbar ist und nur in der Abgrenzung zum traditionellen, lange Jahrzehnte stabilen Medienportfolio angemessen scheint). Deutlich wird dies bei der Internetnutzung – die bei Jugendlichen eben auch nicht mehr so verläuft wie bei der Elterngeneration. Tatsächlich zeigen die JIM-Daten, dass noch 2012 bei 96 Prozent der Befragten die Internetnutzung über den Computer verlief, bei rund 50 Prozent über Smartphones (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2014: 24). Inzwischen wird das Internet häufiger über Smartphones genutzt (86 versus 82 Prozent). Internet ist damit nicht nur alltäglich, sondern tatsächlich in die Alltagssituation eingebunden: In Pausen auf dem Schulhof, an der Bushaltestelle, vor dem Sport, in der U-Bahn, dem Café, der Disco – überall kann ein Zugang hergestellt werden (was durchaus zweiseitig zu verstehen ist).

Diese permanente Vernetztheit führt zu großen Herausforderungen (Vorderer et al. 2015). Kinder und Jugendliche sind Early Adopter solcher Technologien und Nutzungsformen. Elterliche und schulische Kontrolle fehlt oft, weil die Eltern und Lehrer (noch) gar nicht zu den Nutzern gehören und keine entsprechende Kompetenz besitzen (oder diese gar nicht aufbauen wollen). Mangelnde Kompetenz ist dabei vielgestaltig: Oft fehlen technische Fähigkeiten und Kenntnisse von Innovationen im Umfeld der Jugendlichen und Kinder, aber auch soziale Kompetenzen (und Bedürfnisse) zur Nutzung (zum Beispiel bei Sozialen Netzwerken). Die Jugendlichen sind damit vor allem auf technologischer Ebene die medialen Experten. Gleichzeitig haben sie natürlich nur wenig Erfahrungen mit potenziellen sozialen Risiken, allein schon deswegen, weil sie weniger Lebenserfahrung haben. Sie besitzen mitunter ganz andere Vorstellungen davon, was authentische Kommunikation ist, was vertrauenswürdig ist und was nicht vertrauenswürdig ist.

Die Entwicklung in einem somit wenig vorbestimmten medialen Raum führt dazu, dass Jugendliche und Kinder eigene Nutzungsmuster und soziale Regeln entwickeln für diese Technologien, weitestgehend ohne elterliche oder pädagogische Einwirkung. Es bleibt beispielsweise dem Zugriff von Eltern und Lehrern meist verborgen, was in schulischen WhatsApp-Gruppen verhandelt wird – und vielfach fehlt das genuine Interesse daran. Deutlich wird dies auch in anderen neuen Medienbereichen: beispielsweise wenn Kinder- und Jugendliche für ihr Alter unangemessene Videospiele nutzen, zwar durchaus mit Kenntnis der Eltern, aber ohne dass es bei diesen ein echtes Bewusstsein über die tatsächlichen Inhalte, Darstellungsweisen und Mechaniken gäbe (da Zeit und Interesse an dem Hobby der Kinder fehlt). Dies kann im Effekt dazu führen, dass eine Abschottung jugendlicher Nutzergruppen vom familiären Umfeld bei gleichzeitig hoher Vulnerabilität in Bezug auf Manipulation und Missbrauch von außen stattfindet. Denn es gibt andere Gruppierungen, die sich sehr wohl dafür interessieren, was Kinder und Jugendliche mit neuen Medien tun. Allerdings sind dies Gruppierungen, deren Einfluss im Kinder- und Jugendzimmer nicht wünschenswert ist.

In der Wissenschaft gibt es diverse Versuche, solche Risiken und Probleme zu differenzieren. Freilich existiert keine abgeschlossene, klare Systematik – tatsächlich gibt es sehr viele Erscheinungsformen von dem, was man als Risky Online Behavior bezeichnet, vom Cybermobbing über Sexting, Cyberstalking bis Cyberhate. Diese Formen sind zum Teil sehr unterschiedlich, was ihre Abläufe und die Qualitäten des riskanten Verhaltens angeht. Zu differenzieren ist Risikoverhalten zudem von pathologischen Nutzungsformen, die unter Begriffen wie Internet Addiction oder Social Media Addiction oder Games Addiction verhandelt werden. Risikoverhalten und Sucht sind jedoch sehr unterschiedliche Dinge – gerade die exzessive Nutzung bis hin zu dem, was man unter pathologischer Nutzung oder dem Addiction-Begriff versteht, verweist auch auf bestimmte Persönlichkeitsstrukturen und -störungen (Griffiths et al. 2015).

Risky Online Behavior kann jedoch bei einem großen Teil ansonsten nicht auffälliger Nutzer auftreten. Die Anteile der davon betroffenen Nutzer unterscheiden sich dementsprechend deutlich: Bezüglich suchtartiger Computer- und Videospielenutzung gibt es zwar differierende Schätzungen, doch liegen die meisten unter einem bis sechs Prozent (ebd. sowie Festl et al. 2013). Einige Formen des Risky Online Behavior betreffen hingegen 30 bis 50 Prozent der Jugendlichen im Alltag (vgl. zum Beispiel Modecki et al. 2014). Erschreckend ist dabei, dass einige dieser häufig auftretenden Formen wissenschaftlich nur unbefriedigend erforscht sind: Zwar existieren inzwischen viele Studien zum Cybermobbing, doch andere Bereiche (wie z. B. Cyberhate) sind nur selten Gegenstand empirischer Forschung, zum Teil existieren nur anekdotische (Presse-)Berichte.

Zwei der Risiko-Formen (Cyberbullying/Cybermobbing und Cyberhate) werden im Folgenden ausführlicher beschrieben – auch weil sie aktuell als besonders virulent angesehen werden können und den Alltag vieler Jugendlicher und Kinder direkt betreffen.

2. Cybermobbing im Schulalltag

Cybermobbing (engl.: cyberbullying) ist in den letzten Jahren vermehrt zum Thema der Wissenschaft geworden, und wird auch aufgrund einiger tragischer Fälle in der Öffentlichkeit diskutiert. In Deutschland hat beispielsweise der Suizid des Jugendlichen Keanu Joel Horn nach einer Facebook-Mobbing-Attacke im Jahr 2009 für Aufmerksamkeit gesorgt – auch weil dessen Mutter an Fernseh-Talkshows teilgenommen hat, um Cybermobbing als Problem öffentlich zu thematisieren. Gesellschaftlich ist Cybermobbing seither auf der Agenda und wird in Presseberichten immer wieder angesprochen. Zudem existieren diverse Angebote wie zum Beispiel Klick-Safe, die versuchen, Jugendlichen über einen sicheren Umgang mit dem Internet aufzuklären und ihnen Hilfsmöglichkeiten für Problemsituationen an die Hand zu geben.

Allerdings trägt die Debatte oft auch Züge einer Moral Panic. Tatsächlich gibt es – glücklicherweise – weltweit nur wenige bekannte Suizide, die direkt auf Cybermobbing zurückgeführt werden können. Insofern zielen diverse sensationalistische Medienberichte am eigentlichen Problem vorbei – denn die Wirkmechanismen und Folgen sind im Alltag der meisten Jugendlichen ganz andere. Das verstellt mitunter auch den Blick für grundsätzliche Probleme in der Breite. Im Schnitt, so das Ergebnis einer Metastudie von Modecki et al. (2014), haben etwa 16 Prozent der jungen Menschen Erfahrungen mit Cybermobbing als Täter, 15 Prozent als Opfer. Es sind also durchaus erhebliche Anteile der Jugendlichen direkt betroffen.

Forschungsansätze und Studien zu Cyber-mobbing gibt es inzwischen recht viele (vgl. Festl/ Quandt 2013, Festl et al. 2015). Diese durchaus differenzierte Literatur liefert verschiedene Erklärungsmöglichkeiten für das Phänomen: So wird auf einer Individualebene beispielsweise klassische Soziodemographie als Erklärung herangezogen – bestimmte Kombinationen von Alter und Geschlecht scheinen das Täter- und Opferrisiko zu erhören. Zudem gibt es auch individuelle Historien traditionellen Mobbings, die das Mobbing-Verhalten im Netz erklären können. Einige Forscher machen auch die soziale Positionierung verantwortlich – Zentralität in sozialen Netzwerken oder soziale Präferenzen können offenbar das Mobbing-Verhalten beeinflussen, und es gibt Erklärungen auf der Klassenebene (zum Beispiel generelle Haltung zu Cybermobbing, Mobbing-Atmosphäre).

Diese Erklärungen auf Individual- und Gruppen/Sozial-Ebene wurden bislang nur ansatzweise zusammengeführt. In einem andernorts ausführlicher dokumentierten und inzwischen abgeschlossenen DFG-Projekt wurden diese zwei Sichtweisen verbunden und im Rahmen eines holistischen Ansatzes zusammengeführt: Berücksichtigt wurden individuelle, Klassen- und sozialstrukturelle Faktoren (vgl. Festl/Quandt 2014).

Die Daten hierzu wurden im Rahmen von Befragungen an 33 Schulen über drei Wellen durchgeführt, beginnend mit Klasse 7 (Durchschnittsalter: 14 Jahre). In mehr als 300 Klassen wurde mit Hilfe einer klassischen Paper-and-Pencil-Befragung vor Ort das Medien- und (Cyber-)Mobbing-Verhalten von rund 5500 Schülern (zu T1) erhoben. Erstellt wurden nicht nur individuelle (psychologische) Profile; es wurden auch Freundschaftsnetzwerke und die Sozialstruktur erforscht. So konnten Klassen- und Schulnetzwerke nachgezeichnet werden.

In solchen Netzwerken können aufgrund der speziellen Erhebungsmethode Täter, Opfer und die Mischkategorie der Täter-Opfer identifiziert werden (vgl. Festl/Quandt 2013, 2014). Ein Ergebnis dieser Analysen war, dass die Täter sozial integrierte Personen sind, also nicht die Außenseiter, wie man das vorher zum Teil geglaubt hatte. Man kann annehmen, dass es sich um Personen handelt, die ihre Position in der Sozialstruktur nutzen, um Einfluss auf andere auszuüben und letztlich diese Position weiter zu stärken.
Bestätigt haben sich die Angaben aus der Literatur bezüglich der Virulenz des Problems: Ein großer Teil der Schüler hat Cybermobbing-Erfahrungen. Beleidigende Nachrichten haben beispielsweise schon 14 Prozent der Befragten geschrieben und acht Prozent private Nachrichten von anderen weitergeleitet (Festl & Quandt 2014). Andererseits finden Dinge, die öffentlich immer wieder thematisiert werden, kaum statt: Das Hochladen peinlicher Fotos und Videos betrifft nur wenige Prozent der Jugendlichen – und damit deutlich weniger, als man dies durch die Debatte in den Medien vermuten könnte.

Andere Aspekte werden von Jugendlichen als wesentlich größeres Problem angesehen – beispielsweise der Ausschluss aus einer sozialen Gruppe. Mitunter kann das Aussperren aus einer WhatsApp-Gruppe sozial destruktiver erlebt werden als das Posten eines peinlichen Fotos, insbesondere wenn die gesamte Kommunikation der Peer-Group über diese Gruppe erfolgt (zumal die imaginierte Kommunikation in der Gruppe während der eigenen Abwesenheit als besonders destruktiv erlebt wird). Insgesamt haben 33 Prozent der Befragten im letzten Jahr Cybermobbing-Erfahrungen gemacht haben, als Täter, Opfer oder eben auch als beides gleichzeitig (Festl/Quandt 2014). Denn meistens sind die Jugendlichen nicht einfach nur Täter oder Opfer. Oft kommt es zu Kaskaden, das heißt, das Opfer wird selbst zum Täter, dann wieder zum Opfer und so fort.

Die weiteren Detailanalysen der Studie (vgl. Festl et al. 2015) förderten darüber hinaus Inter-essantes zu Tage. Eine Analyse der Risiken erbrachte Erklärungen auf der individuellen und der sozialstrukturellen Ebene ebenso wie auf der der Schulklasse. Jedoch waren die Individualfaktoren wesentlich einflussreicher als die strukturellen. Einige nennenswerte Effekte gab es zudem auf der Klassenebene. Das ist insofern relevant, als sich daraus Anhaltspunkte für die Prävention und Intervention in den Schulen ableiten lassen. Hier kann Forschung direkt für den Schulalltag nutzbringend sein, indem sie Hinweise auf produktive Veränderungsmöglichkeiten liefert. Allerdings zeigt die Studie an dieser Stelle auch eigene Limitationen – und damit künftige Wege der Forschung – auf: Denn wenn die größeren Einflussfaktoren auf der Individualebene zu vermuten sind, muss die Forschung früher ansetzen – nicht erst bei den 14-jährigen, sondern gegebenenfalls schon im Alter früher Prägung der Persönlichkeit.

3. Jugendliche als Zielgruppe von Online-Propaganda und Hasskommunikation

Cyberhate ist vom eben diskutierten Cybermobbing zu unterscheiden, auch wenn es öfters damit verwechselt oder in Verbindung gebracht wird – weil beides mit Beleidigungen und Diffamierung über das Internet zu tun hat. Aktuell ist das Thema in der öffentlichen Debatte präsent, insbesondere im Zusammenhang mit extremistischer Kommunikation über das Internet. Diese ist vielfach strategisch angelegt, von Gruppen, die im Hintergrund agieren und ihre Hasskommunikation zumeist gar nicht an Individuen adressieren, sondern ganze Bevölkerungsgruppen (selbst wenn sich die Kommunikation an Einzelne richtet). Insofern handelt es sich um einen anderen Typus von Kommunikation als das Cybermobbing – Cyberhate ist geplant beziehungsweise orchestriert, mit Zielen, die über die eigentliche Hasskommunikation hinausgehen. Die Ursprünge von Cyberhate gehen mindestens in die 1990er Jahre zurück: beispielsweise auf Webseiten der White Supremacists in den USA (Quandt/Festl 2016).

Versuche, die Öffentlichkeit über Formen der Hasskommunikation zu beeinflussen, gab es also schon vor (mindestens) zwei Jahrzehnten, wenngleich das Spektrum heute breiter ist: Es geht von Webseiten über Forenposts und Blogs bis hin zu Tweets oder YouTube-Videos. In den Strukturen haben interessanterweise auch andere Extremisten – unabhängig von der Ideologie – die Formen der Hasskommunikation rechter und rassistischer Gruppen in den USA imitiert. Hierfür gibt es vielfältige Beispiele – ob es nun fremdenfeindliche Seiten zum Beispiel der PEGIDA-Bewegung sind oder jene des islamistischen Extremismus. Um einem Monitoring beziehungsweise einer Filterung durch Forenbetreiber zu entgehen oder den Rahmen der jeweiligen Gesetze einzuhalten, wird zum Teil mit Sprachcodes gearbeitet (beispielsweise in Deutschland, um dem Vorwurf der Volksverhetzung zu entgehen). Die Grenzüberschreitungen in der Kommunikation sind klar geplant. Die Orchestrierung verläuft mitunter so, dass Akteure zusammenarbeiten – beispielsweise gehen einzelne Akteure in Foren journalistischer Anbieter (wie Spiegel Online), posten dort Nachrichten, und diese werden dann von anderen Akteuren der eigenen Gruppierung unter Deckidentitäten gestützt. Zwar filtern inzwischen viele (journalistische) Anbieter aufgrund diverser rechtlicher Verstöße von Nutzern und klaren Indizien für strategisches Handeln ihre Diskussionsforen, doch dringen propagandistische Hasskommunikatoren mit ihren Botschaften qua Masse oftmals durch.

Die argumentativen Muster wiederholen sich dabei: Die Gegner werden als Lügner, Fälscher, Verderbte gebrandmarkt, man selbst stellt sich als bedrohtes Opfer dieser Gegner dar. Die Kenntnis dieser Bedrohungssituation wird auf überlegenes oder göttliches Wissen zurückgeführt, mit dem die Lügen der Gegner aufgedeckt werden. Der exklusive Zugang zu einer Wahrheit begründet gleichsam diese Bedrohung. Das führt zu einer schlichten binären Logik: Sie gegen uns. Aus der Unterdrückung bei gleichzeitiger moralischer Überlegenheit wird das Recht abgeleitet, extreme Maßnahmen zu ergreifen, die ideologisch als legitimiert angesehen werden.

Solche Cyberhate-Kommunikationen, die explizit (männliche) Jugendliche und junge Erwachsene als intendiertes Publikum mitdenken, sind vor allem auch Identifikationsangebote. Jugendliche in einer persönlichen Orientierungsphase suchen nach Möglichkeiten der Abgrenzung und Selbstfindung – und dies bieten solche Gruppen: Abgrenzung nach außen, aber Bindung nach innen. Sowohl bei rechten wie bei religiösen Extremisten geht es eben auch darum, Jugendliche einzubinden und kommunikative Angebote zu machen: Sie liefern Aussagen dazu, wer die Jugendlichen sind, beziehungsweise wer sie sein könnten, und sie zeigen ihnen Chancen und Optionen auf.

In der aktuellen Diskussion wird dies gar nicht so stark diskutiert: Es wird darüber geredet, dass hier manipuliert wird, ohne zu realisieren, was schon vorher im Argen lag. Denn das eigentliche Problem ist, dass sich einige Jugendliche offensichtlich lieber solchen Angeboten zuwenden als Alternativen. Das hat sicher etwas mit Perspektivlosigkeit zu tun und mit fehlender Einbindung, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen müsste. An genau dieser Stelle kann man aber auch die Strategien der Extremisten durchbrechen, indem man bessere Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene macht und klare Perspektiven aufzeigt, die für diese Gruppe attraktiv sind.

4. Problemlösungen für die Herausforderungen im Medienalltag Jugendlicher

Die Herausforderungen im Medienalltag Jugendlicher sind mannigfaltig – hier wurden nur zwei der Problembereiche angesprochen. Der Vielfalt der Problemlagen muss man mit spezifischen Maßnahmen begegnen. Dabei ist nicht immer die intuitiv naheliegende Lösung die richtige.

In den Problemfeldern jugendlichen Medienalltags kann beispielsweise eine Erhöhung der technischen Kompetenzen helfen – allerdings nicht unbedingt bei den Schülern, sondern vor allem bei Lehrern und Eltern (denen die Schüler oft die Kenntnis der Technologien und Medienangebote voraushaben). Bei den Jugendlichen selbst sind eine inhaltliche und soziale Medienkompetenz zu fördern, da technische Kompetenz dort vorhanden ist und sogar als Risikofaktor beispielsweise zu Cybermobbing beitragen kann (vgl. Festl et al. 2015, Festl/Quandt 2013). Insofern darf der Ruf nach Medienkompetenz nicht falsch als Ruf nach technologischer Kompetenz verstanden werden, da sonst die Probleme sogar noch verstärkt werden könnten.

Durch eine Verbesserung des Verständnisses und des Zugangs zu jugendlichen Medienwelten können sich verselbstständigende Kommunikationsstrukturen aufgebrochen werden. Eine frühzeitige Hinwendung ist hier angezeigt, bevor es zu einer Schließung der jugendlichen Medienwelten vor den Einblicken Erwachsener kommt (die – und das gehört hier auch erwähnt – in der Pubertät entwicklungsbedingt durchaus normal ist). Aufklärung zu Risiken, Prävention und Interventionsmöglichkeiten müssen ebenso frühzeitig erfolgen, damit Jugendliche auf  absehbare Herausforderungen vorbereitet sind. Zudem sind Anlaufstellen für Missbrauchsprobleme notwendig, die an Schulen nur bedingt existieren.

Schließlich ist auch zu überlegen, ob und wann interveniert werden muss. Beim Problem des Cyberhate gibt es ein weites Spektrum, von Counterspeech bis hin zu Sperrungen und Löschungen. Hier gilt es aber vorsichtig zu agieren: Counterspeech funktioniert oft nicht, weil das in der Logik der Akteure eingepreist ist – eine Gegenreaktion ist mitunter gewollt und folgt dem Eskalationskalkül der Extremisten. Aber auch Löschungen sind ein zweischneidiges Schwert, denn die temporäre Eindämmung von Hasskommunikation kann als Anlass für Zensur-Vorwürfe und weitere Hasskommunikation dienen. Ganz klar ist auch: Dem Extremismus begegnet man nicht mit Härte und weiterem Extremismus. Denn dies ist genau das Ziel von Extremisten: Ein zentrifugales Auseinanderdriften der Gesellschaft, ihre zunehmende Fragmentierung und Zersetzung in extreme, oppositionelle Gruppierungen. Gestärkt werden müssen hingegen die Mitte und zentripetale Kräfte.

Hier ist freilich dringend mehr Forschung zu Ursachen, Nutzungsmustern und Auswirkungen angezeigt, um adäquate Lösungen zu den Herausforderungen der alltäglichen Mediennutzung Jfaugendlicher zu finden. Die hier angedeuteten Schritte können nur Teil wesentlich umfassenderer Bemühungen sein, denen sich die Wissenschaft in den nächsten Jahren zu widmen hat.

Weiterführende Literatur

  • Breuer, Johannes/Vogelsang, Jens/Quandt, Thorsten/Festl, Ruth (2015): Violent video games and physical aggression: Evidence for a selection effect among adolescents. In: Psychology of Popular Media Culture Nr. 4 (4), S. 305–328. Doi:10.1037/ppm0000035
  • Festl, Ruth/Quandt, Thorsten (2013): Social Relations and Cyberbullying: The Influence of Individual and Structural Attributes on Victimization and Perpetration via the Internet. In: Human Communication Research Nr. 39 (1), S. 101–126. Doi:10.1111/j.1468-2958.2012.01442.x
  • Festl, Ruth/Quandt, Thorsten (2014): Cyberbullying at schools: A longitudinal research project. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung Nr. 1-2014, S. 109–114.
  • Festl, Ruth/Scharkow, Michael/Quandt, Thorsten (2013): Problematic computer game use among adolescents, younger and older adults. In: Addiction Nr. 108 (3), S. 592–599. Doi:10.1111/add.12016
  • Festl, Ruth/Scharkow, Michael/Quandt, Thorsten (2015): The individual or the group. A multilevel analysis of cyberbullying in school classes. In:Human Communication Research Nr. 41 (4), S. 535–556. Doi:10.1111/hcre.12056
  • Griffiths, Mark D./van Rooij, Antonius J./Kardefelt-Winther, Daniel/Starcevic, Vladan/Király, Orsolya et al. (2015): Working towards an international consensus on criteria for assessing internet gaming disorder: a critical commentary on Petry et al. (2014). In: Addiction Nr.111 (1), S. 167–175. Doi:10.1111/add.13057
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (Hg.) (2014): JIM-Studie 2013. Jugend, Information, (Multi-)Media – Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart.
  • Modecki, Kathryn L./Minchin, Jeannie/Harbaugh, Allen G./Guerra, Nancy G./Runions, Kevin C. (2014): Bullying Prevalence Across Contexts: A Metaanalysis Measuring Cyber and Traditional Bullying. In: Journal of Adolescent Health Nr. 55 (5), S. 602–611. Doi: 10.1016/j.jadohealth.2014.06.007
  • Quandt, Thorsten/Festl, Ruth (2016, forthcoming): Cyberhate. In: Rössler, Patrick (Hg.): The international encyclopedia of media effects. Malden, Oxford, Chichester.
  • Vorderer, Peter (2015): Der mediatisierte Lebenswandel – Permanently online, pemanently connected. In: Publizistik Nr. 60 (3), S. 259–276. Doi:10.1007/s11616-015-0239-3
Aktualisiert von: Sascha Giard