Unter Fremdenlisten versteht man regelmäßig geführte Verzeichnisse, mit deren Hilfe die vorübergehende Anwesenheit nicht ortsansässiger Personen sowie die Mobilität Einheimischer dokumentiert wurde. Im vorliegenden Fall handelt es sich um die zwischen 1762 und 1802 wöchentlich im Regensburgischen Diarium veröffentlichten Fremdenlisten der Reichsstadt Regensburg. Diese wurden von Torschreibern an den Stadttoren auf Anweisung der städtischen Obrigkeiten angefertigt, um die Mobilitätsströme in und durch die Stadt zu kontrollieren und zu dokumentieren. Erfasst wurden dabei unter anderem Namen, soziale Zugehörigkeiten, Herkunftsorte, Reisegruppen sowie genutzte Fortbewegungsarten. Heute dienen Fremdenlisten als wichtige Quellen in der historischen Mobilitätsforschung. So können sie bspw. für die Rekonstruktion von Bewegungsmustern, Migrationsverläufen und sozialen Netzwerken verwendet werden.
Mit der Vergabe dieses DSC Seed Grants wird die Weiterentwicklung eines KI-gestützten Workflows zur Extraktion von Mobilitätsdaten aus frühneuzeitlichen Fremdenlisten unterstützt. Die Listen des Anzeigenblatts Regensburgisches Diarium umfassen ca. 500.000 verzeichnete Mobilitätsereignisse. In Bezug auf Umfang, Dichte und Diversität stellen die Quellen eine außergewöhnliche Datengrundlage für den deutschsprachigen Raum dar.
Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Fremdenlisten anderer Städte, welche ausschließlich hochrangige Reisende dokumentieren, bilden die Regensburgischen Fremdenlisten die gesamte Breite der mobilen Bevölkerung ab. Dadurch ermöglicht die strukturierte Erfassung der Quellen unter anderem einzigartige Einblicke in die Bewegungsmuster von bisher marginalisierten, bzw. als immobil konzeptualisierten mobilen Personen. Dazu zählen bspw. (allein) reisende Frauen unterschiedlichen Standes, wie z.B. Jüdinnen, Kauffrauen oder (Schwarze) Dienstbotinnen.
Die KI-gestützte Auswertung historischer, textbasierter Massenquellen befindet sich in den Geschichtswissenschaften noch in der Anfangsphase. Folglich trägt das Projekt ebenfalls zur Etablierung einer reproduzierbaren, datenwissenschaftlichen Methode bei, die auch auf weitere Quellenbestände der Geschichts- und Kulturwissenschaften übertragbar ist. Somit unterstützt das Vorhaben ebenfalls die Stärkung datenbasierter Forschung in den Geisteswissenschaften. Darüber hinaus sollen die im Rahmen des Projekts gesammelten, strukturierten Forschungsdaten gemäß den FAIR-Prinzipien frei zugänglich gemacht werden.
Förderempfängerin:
Dr. Sarah Lentz (FB 08 – Sozialwissenschaften)
Förderzeitraum:
01. April - 31. September 2026
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Fragen beantwortet:
Dr. Lena Steinmann
DSC Koordinatorin
Tel. +49 (421) 218 - 63941
E-Mail: lena.steinmannprotect me ?!uni-bremenprotect me ?!.de


