Event

Dagmar Herzog (New York): Eugenische Phantasmen. Die lange Vor- und Nachgeschichte der NS-“Euthanasie”-Morde

Organizer: WOC International Guestprofessorship 2026 & Institut für Geschichtswissenschaft
Location: GW2 B 3.009 | U Bremen
Begin: 03.06.2026, 18:00
End: 03.06.2026, 20:00
Kategorie: Vorträge, Einzelveranstaltungen

Was haben die „eugenische“ NS-Zwangssterilisierungskampagne und die hunderttausendfachen „Euthanasie“-Morde mit der Fantasie zu tun, dass die Deutschen ein starkes, schönes – und nicht zuletzt auch kluges – Volk werden würden, und warum dauerte es so weit in die Nachkriegszeit hinein, bis die Verbrechen an Menschen mit Behinderungen als Verbrechen anerkannt wurden? Die Historikerin Dagmar Herzog verortet die Verfolgung und Ermordung von Menschen mit Diagnosen kognitiver Beeinträchtigung und psychiatrischer Krankheit durch die Nazis in einer weitaus längeren Geschichte der Verachtung gegenüber Schutzbedürftigen und dem Versprechen nationaler Größe, das den Aufstieg der Nazis zur politischen Macht mit ermöglichte. Auf der Grundlage einer Fülle seltener Archivbelege untersucht Herzog auch die ambivalente Verstrickung jener Fachleute aus Medizin, kirchlicher Wohltätigkeit und Pädagogik, die in erster Linie für die Bereitstellung von Unterstützung verantwortlich waren. Doch für jede Ära hebt sie auch Gegenstimmen hervor, die einfallsreich und mutig Widerspruch eingelegt haben, und zeichnet die langwierigen Kämpfe um die Etablierung einer Behindertenrechtsbewegung nach, die sich einem revolutionären neuen Menschenbild, der Förderung von Würde und Gerechtigkeit sowie neuartigen Praktiken von Care und Bildung verschrieben hat.


Dagmar Herzog ist Professorin für Geschichte am Graduate Center der City University of New York und U Bremen WOC International Guest Professor 2026.

1991 promovierte sie an der Brown University mit einer Arbeit über Religionspolitik in den 1830er–40er Jahren im vorrevolutionären Baden, war von 1991 bis 2005 zunächst Assistant und später Associate Professor of History an der Michigan State University bevor sie 2005 als Professor of History an das Graduate Center, City University of New York wechselte, wo sie seit 2012 Distinguished Professor of History and Daniel Rose Faculty Scholar ist. Von 1993–94 war sie Andrew W. Mellon Fellow an der Harvard University, von 2002–03 Mitglied der School of Social Science am Institute for Advanced Study in Princeton, und 2013 Visiting Research Scholar am Shelby Cullom Davis Center for Historical Studies an der Princeton University und hatte Gastaufenthalte an der Université Paris II (Panthéon-Assas), der Friedrich Schiller-Universität Jena, der Freien Universität Berlin, der Johns Hopkins University, der Cornell University und dem Institut für Sozialforschung.

Dagmar Herzog forscht seit langem zur Geschichte der Sexualität, Religion und des Holocausts mit besonderem Fokus auf faschistische Körperpolitiken und die Geschichte der Eugenik und den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung in Deutschland und den USA. Sie stellt dabei heraus, wie sich Ideen von Eugenik mit Ideen von Sexualität und Körperlichkeit in einem erotisierten Rassismus verweben und nimmt durch den Nachweis der historischen Kontinuitäten der Eugenik immer wieder auch einen erhellenden Bezug auf die aktuelle politische Situation in Deutschland und den USA mit dem sie unter anderem die Funktionalität des Widerspruchs in den Politiken der extremen Rechten und die Rolle der desorientierten sogenannten Mitte herausarbeitet.

https://www.woc.uni-bremen.de/events/#dagmar-herzog-eugenische-phantasmen