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Kindliche Metaethik: Wer hat Recht, wenn zwei sich über moralische Fragen streiten?

Wenn zwischen zwei Personen moralischer Dissens herrscht – etwa darüber, ob es in Ordnung ist, jemandem an den Haaren zu ziehen – dann kann die eine Person denken, dass es richtig ist so zu handeln, während die andere Person überzeugt ist, dass es falsch ist, diese Handlung zu tätigen. Wenn wir dann selbst über die "Wahrheit" dieser moralischen Urteile beider Personen nachdenken, dann gehen wir in ein metaethisches Urteil über. Die beiden geläufigsten Arten des metaethischen Urteils sind die objektivistische Haltung (d.h. nur eine Person hat Recht) und eine relativistische Haltung (d.h. beide Personen können Recht haben).

In einer Studie, die letzthin im Journal of Experimental Child Psychology angenommen wurde, untersuchten wir das sich entwickelnde metaethische Urteil von Kindern im Kontext von moralischem Dissens zwischen zwei Handpuppen, die entgegengesetzte moralische Urteile fällten. Eine Handpuppe war immer ein Mitglied der Eigengruppe, das ein typisches moralisches Urteil fällte (z. B. dass es falsch sei, jemandem an den Haaren zu ziehen), während die andere Puppe entweder ein anderes Gruppenmitglied oder ein Außerirdischer (mit anderen Vorlieben und kulturellem Hintergrund) war, das/der ein atypisches moralisches Urteile fällte (z. B., dass es in Ordnung sei, jemandem an den Haaren zu ziehen). Wir haben gefunden, dass 9-Jährige, aber nicht jüngere Kinder, eher glaubten, dass zwei Personen Recht haben können (eine relativistische Haltung), wenn ein Eigengruppenmitglied und ein Außerirdischer verschiedener Meinung waren, als wenn die zweite Person ebenfalls aus der Eigengruppe stammte. Dieser kontextrelative, gesteigerte moralische Relativismus wurde jedoch nicht in einem Vergleichskontext gefunden, in dem sich die Personen uneins über die Möglichkeit unterschiedlicher physikalischer Gesetze waren. Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass, obwohl Kinder typischerweise einen moralischen Objektivismus vertreten, sie im frühen Schulalter beginnen, von ihrem Objektivismus durch kulturrelativistische metaethische Urteile ein Stück weit abzurücken.

Schmidt, M. F. H., González-Cabrera, I., & Tomasello, M. (2017). Children’s developing metaethical judgments. Journal of Experimental Child Psychology, 164, 163-177.