Alltagssprache als Forschungsgegenstand
Der Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) ist ein langfristig angelegtes sprachwissenschaftliches Projekt zur Erforschung regionaler Variation im gegenwärtigen Deutsch. Im Mittelpunkt steht nicht die klassische Dialektsprache, sondern das, was Menschen im Alltag tatsächlich sagen also umgangssprachliche Wörter, Wendungen und Formen. Damit schließt der Atlas eine wichtige Lücke zwischen Dialektforschung und Standardsprachenbeschreibung.
Die Datenerhebung erfolgt über Online-Befragungen, an denen Teilnehmende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum mitwirken können. Die Antworten werden anschließend statistisch ausgewertet und perspektivisch auf interaktiven Karten visualisiert. Auf diese Weise wird sichtbar, welche Varianten regional dominieren, wo Übergangszonen liegen und wie groß die sprachliche Vielfalt selbst bei scheinbar einfachen Alltagsbegriffen ist. Die in diesem Feature dargestellten Informationen beruhen auf einem E-Mail-Austausch mit Prof. Dr. Stephan Elspaß und prof. Dr. Robert Möller (Universität Salzburg / Université de Liège) sowie auf Inhalten und Karten des Projekts Atlas zur Alltagssprache (https://www.atlas-alltagssprache.de).
Bremen im Atlas: Wenig lokal, aber aufschlussreich
Wer die Karten des Atlas erneut betrachtet, stellt fest: Eindeutig bremenspezifische Varianten sind selten. Dieses Ergebnis ist nicht überraschend. Gerade größere Städte zeigen häufig sprachliche Nivellierung, da sie von Mobilität, Zuzug und medialer Vereinheitlichung geprägt sind. Regionale Besonderheiten werden dadurch abgeschwächt oder gehen in größere regionale Muster über.
Eine der wenigen Ausnahmen findet sich auf einer inzwischen rund zwanzig Jahre alten Karte aus Runde 2 (Frage 11). Dort wurde gefragt: „Wie nennen Sie beim Fangenspiel den sicheren Ort?“ Aus Bremen und Oldenburg wurde hier die Bezeichnung „Lu“ genannt. Auf der Karte erscheint dafür allerdings kein eigener Punkt, da andere Varianten in den jeweiligen Regionen häufiger belegt waren. Dennoch ist dieser Befund bemerkenswert, da er zeigt, dass auch in Bremen vereinzelt lokale Ausdrücke existieren, sie treten nur nicht dominant genug auf, um kartografisch hervorzustechen.
Typisch nord(west)deutsch: Bremen im regionalen Kontext
Deutlich stärker als lokale Einzelphänomene sind im Atlas nord- und nordwestdeutsche Muster zu erkennen. Viele der in Bremen gebräuchlichen Varianten finden sich auch in Niedersachsen, Hamburg oder Teilen Westfalens. Dazu gehören unter anderem Wortschatzvarianten mit niederdeutschem Hintergrund sowie bestimmte Funktionswörter und Redewendungen.
Für die Sprachwissenschaft ist dies besonders interessant, weil sich hier großräumige Zusammenhänge zeigen: Bremen erscheint weniger als isolierter Sprachraum, sondern als Teil eines überregionalen norddeutschen Kontinuums. Der Atlas macht diese Zusammenhänge sichtbar und erlaubt es, urbane Sprachräume wie Bremen in einen größeren geografischen und historischen Rahmen einzuordnen.
Mitmachen erwünscht: Die laufende Runde 14
Aktuell befindet sich der Atlas zur deutschen Alltagssprache in Runde 14, die noch bis etwa Januar/Februar 2026 läuft. Damit bietet sich gerade jetzt die Gelegenheit, durch eigene Teilnahme zur Datengrundlage beizutragen. Erfahrungsgemäß nutzen viele Menschen die Zeit über die Feiertage und den Jahreswechsel, um sich an den Befragungen zu beteiligen.
Ein besonderer Reiz des Projekts liegt darin, dass die Ergebnisse nur wenige Wochen nach Abschluss einer Runde veröffentlicht werden. Teilnehmende können zeitnah sehen, wie ihre Antworten im regionalen Vergleich eingeordnet werden und welche sprachlichen Muster sich neu abzeichnen.
Der Atlas zur Alltagssprache zeigt eindrucksvoll, wie vielfältig und zugleich systematisch der alltägliche Sprachgebrauch im Deutschen ist. Auch wenn Bremen nur wenige eindeutig lokale Varianten aufweist, ist die Region ein wichtiger Bestandteil des norddeutschen Sprachraums. Jede Teilnahme erweitert die Datengrundlage und trägt dazu bei, Sprache als lebendiges kulturelles Phänomen weiter zu erforschen. Runde 14 bietet dafür jetzt eine ideale Gelegenheit.

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Clara Forquignon studiert im 3. Mastersemester Berufliche Bildung Pflegewissenschaft/Germanistik an der Universität Bremen. Das Feature entstand in einem Seminar zum Thema Onlinejournalismus. Die Idee, für die Teilnahme an der 14. Fragerunde des Atlas zur deutschen Alltagssprache zu werben, entwickelte sich in einem Fachdidaktikseminar zum Thema Sprachvarietäten im Deutschunterricht.

