Im Einzelnen

Ein Berg, zwei Namen: Dr. Sven Leuckert zum Konflikt indigener und kolonialer Bergnamen

Anhand von Aoraki / Mount Cook und Denali / Mount McKinley ging Sven Leuckert in seinem Vortrag der Frage nach, wie sich das Verhältnis indigener und kolonialer Bergnamen historisch entwickelt hat.

Ein bisher wenig erforschtes Feld der Onomastik 

Die Veranstaltung mit dem Titel „Von Himmelspfaden und Wolkendurchbohrern: Zum Konflikt indigener und kolonialer Bergnamen“ fand im Rahmen eines Online-Kolloquiums der Gesellschaft für Namensforschung e. V. am Dienstag, den 18. November 2025, statt und war für Interessierte unterschiedlicher Universitäten zugänglich, so auch für Studierende der Universität Bremen. Als Referent gab Dr. Sven Leuckert von der Technischen Universität Dresden Einblick in seine aktuelle Forschungsarbeit zu der Lexikologie und Lexikographie des sogenannten Mountaineering English, dem speziellen Sprachregister von Bergsteiger*innen.

Im Zentrum des Vortrags stand die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Bergnamen, den sogenannten Oronymen. Dieser Themenbereich bildet nicht nur einen weiteren wichtigen Schwerpunkt in der linguistischen Forschung von Dr. Sven Leuckert, sondern prägte auch thematisch das Online-Kolloquium. Neben der historischen Entwicklung der Lexikographie und dem speziellen Vokabular sowie den sprachlichen Strukturen innerhalb der Bergsteigercommunities bot Leuckert damit einen vertieften Einblick in ein bislang wenig erforschtes Feld der Onomastik. 

Zum Konflikt indigener und kolonialer Bergnamen 

Unter dem forschungsmethodologischen Zugang der Korpuslinguistik beleuchtete Leuckert in seinem Vortrag die Forschungsfragen, welche Namensvarianten und Schreibweisen für die Berge Aoraki / Mount Cook in Neuseeland und Denali / Mount McKinley in den Vereinigten Staaten von Amerika historisch verwendet wurden und inwiefern die Diskussion über die Benennungspraxis dieser Berge in der neuseeländischen Zeitschrift New Zealand Alpine Journal bisher explizit behandelt wurden.

In seinem Vortrag ging Leuckert zunächst auf die weiterhin aktuelle Debatte um die Benennung und Umbenennung von Bergen ein, wobei er betonte, dass die Verwendung kolonial geprägter Namen bis heute eine kontroverse Praxis darstelle. Im Zentrum der Debatte stehe die Frage, wie eine angemessene Balance zwischen der Anerkennung indigener Traditionen und der Würdigung bergsportlicher Leistungen gefunden werden könne. Anschließend präsentierte Leuckert die Ergebnisse seiner quantitativen Analyse zu den unterschiedlichen Benennungsstrategien für den Aoraki / Mount Cook und den Denali / Mount McKinley in der untersuchten Fachzeitschrift. 

Zentral in der Auswertung war zum einen die Erkenntnis, dass die früher (ausschließliche) Verwendung des Kolonialnamens in der historischen Entwicklung zunehmend von Varianten abgelöst wurde, die auch den indigenen Bergnamen berücksichtigen. Zum anderen zeigte die Analyse, dass die Diskussion über die Namensbenennung der Berge nur unregelmäßig im New Zealand Alpine Journal  und selten explizit aufgegriffen werden. Zur Veranschaulichung und für die Zuhörenden durchaus interessant präsentierte Leuckert verschiedene Textauszüge aus dem New Zealand Alpine Journal. Diese Beispiele zeigten eindrücklich, wie in der Zeitschrift die Namensgebung der Berge diskutiert wird. 

Ein lebhafter Austausch und neue Forschungshorizonte 

Im Anschluss an den ungefähr einstündigen Vortrag blieb ausreichend Zeit für einen regen Austausch unter den Teilnehmenden, in dem die Diskussionsbeiträge direkt an den Inhalt der Veranstaltung anknüpften. Besonders kritisch hinterfragt wurde die Rolle der Autorinnen und Autoren der Zeitschriftenbeiträge sowie deren individuelle Präferenzen bei der Verwendung der Bergnamen. Ebenso diskutierten die Anwesenden, inwiefern der inhaltliche Kontext eines Artikels die Namensnennung beeinflusst und welchen Stellenwert kommerzielle Interessen des Alpintourismus bei Fragen der Bergbenennung oder -umbenennung einnehmen. 

Nachdem der Vortrag geografisch vor allen Dingen Neuseeland und Amerika in den Blick genommen hatte, wurde die geografische Perspektive in der Diskussionsrunde zuletzt ausgeweitet. Insbesondere die Benennungspraxis für die weltweit bekannten und im Bergsport besonders prestigeträchtigen Berge Nepals rückten in den Fokus - eines Landes, das nie kolonialisiert wurde. Welche weiteren Namen tragen beispielsweise die international unter den Namen "Mount Everest", "Lhotse" oder "Annapurna" bekannten Berge und wie hat sich der Umgang mit diesen Oronymen in einer nicht kolonialisierten Nation im Vergleich zu postkolonialen Staaten historisch entwickelt?  

Insgesamt bot der Vortrag von Dr. Sven Leuckert einen kurzen und ausgesprochen aufschlussreichen Einblick und Ausblick auf das Forschungsfeld der Oronyme, das interdisziplinäre Perspektiven eröffnet und weit über die Sprachwissenschaft hinausreicht.

Alea Rose und Lea Bening studieren beide im dritten Semester im Master of Education für das Lehramt an Grundschulen an der Universität Bremen. Der Bericht über den Vortrag entstand im Rahmen eines Seminars zum Thema Onlinejournalismus.
 

 

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