Im Einzelnen

Grenzüberschreitung als Alleinstellungsmerkmal unter den deutschen Literaturfestivals

Was macht die globale° als Literaturfestival so einzigartig? Wir sprachen mit Myriam Macé, der neuen Koordinatorin der Veranstaltungsreihe junge globale°.

Das globale°-Festival für grenzüberschreitende Literatur ist ein politisches Festival, welches sich vor allem mit zeitgenössischer Literatur befasst. Im Kern beschäftigt es sich mit der Welt, in welcher wir gerade leben. Und wie der Name des Festivals es vermuten lässt, fokussiert es sich hier nicht nur auf deutschsprachige Literatur, sondern wird durch die Einflüsse internationaler Autor*innen geprägt. Das Literaturfestival wurde vom globale e.V. 2007 ins Leben gerufen. Programmatisch räsoniert es mit dem Prix de la Porte Dorée für ein fiktionales Werk oder einen literarischen Bericht, der sich mit Themen wie Exil, Migration, mehrfacher Identität oder Migrationsbiografien befasst, der jährlich durch das Musée de l'histoire de l'immigration in Paris vergeben wird. Dieses ist neben weiteren deutschen Kulturinstitutionen, wie der Weserburg Museum für moderne Kunst, dem Übersee-Museum Bremen oder der Stadtbibliothek, als auch Bildungseinrichtungen, wie die Universität Bremen ein Partner der globale°. Seit 2008 gibt es zudem die junge globale°. Ihre Aufgabe ist es, einem jungen Publikum durch zielgruppengerechte Programmpunkte einen eigenen Zugang zur globale° zu ermöglichen. Darüber hinaus nimmt es sich die junge globale° zur Aufgabe, auch außerhalb des Literaturfestivals junge Menschen für Literatur in all ihren Facetten zu begeistern. Seit 2022 finden in Kooperation mit der Universität Bremen die sogenannten Literaturlabore – kurz: LitLabs – als erste geisteswissenschaftliche Schullabore an der Universität Bremen statt.

Wer ist die neue Koordinatorin der jungen globale°?

Im Gespräch mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Myriam Macé selbst, welche im September 2025 die Koordination der jungen globale° von der scheidenden Dr. Ina Schenker übernahm, berichtete sie von ihrer Person. Macé ist Mitglied der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Karen Struve und schreibt zurzeit ihre Dissertation über weibliche Selbstdarstellungen in autobiografischen „Bandes Dessinées“ (französischsprachige Comics). Zuvor studierte sie Kunst und Französisch auf Lehramt an der Uni Bremen und kehrte im Anschluss an ihr Referendariat und eine erste Anstellung als Lehrerin in die Wissenschaft zurück. Während für Dr. Schenker die junge globale° ein Teil ihres Arbeitsfeldes im Transferbereich war, ist es für Macé keine Aufgabe innerhalb ihres Univertrags, sondern wird von ihr freiberuflich ausgeübt. Sie fungiert in einer Art Doppelfunktion, in welcher die Koordination der jungen globale° und der LitLabs und die Forschung an der Universität Bremen getrennte Arbeitsbereiche darstellen.

Was macht die globale° so besonders?

Laut Macé sei gerade die Thematik der Grenzüberschreitung das Alleinstellungsmerkmal unter den deutschen Literaturfestivals. Ursprünglich bestand die inhaltliche Grenzüberschreitung des Programms darin, Autor*innen mit Migrationshintergrund einzuladen, ganz nach dem französischen Vorbild des Prix de la Porte Dorée. Bis heute hat sich der Begriff erweitert und schließt nun, zusätzlich zu den geografischen, auch sprachliche, ideologische und fiktionale Grenzüberschreitungen mit ein. Dies biete, laut Macé, besonders Menschen mit anderen Muttersprachen, Kulturen, Sexualitäten und Sozialisierungen die Möglichkeit, sich in der literarischen Auswahl des Festivals wiederzufinden. In den Lesungen der globale° werden fremdsprachige Werke nicht einfach ins Deutsche übersetzt. Die Autor*innen lesen Ihre Texte in der Regel in der Originalsprache und werden im Gespräch durch Simultanübersetzungen unterstützt. Damit stehe das Festival für die Wertschätzung von Mehrsprachigkeit und kultureller Vielfalt ein. Die 36 aufgelisteten Autor*innen stammen aus aller Welt und ihre Werke sind unter anderem in Sprachen wie Englisch, Italienisch, Türkisch, Tschechisch und Französisch geschrieben worden. Neben den herkömmlichen „Wasserglas Lesungen“ biete das Programm der globale° ganz unterschiedliche Veranstaltungsformate an, in welchen die Grenzen herkömmlicher Lesungen, laut Macé, gesprengt werden. So fand in diesem Jahr eine Lesung zum Spiegel-Bestseller aus dem Jahre 2025 von dem Autor Jaroslav Rudiš „Gebrauchsanweisung für Bier“ mit Dr. Urania Milevski in der Union Brauerei statt und anstelle von Wassergläsern wurden hier die Bierkrüge geschwungen. Noch ein anderes Konzept bot die Veranstaltung zum Roman „Kommando Ajax“ (2024) von der Autorin Cemile Sahin. Diese wurde als szenische Lesung mit Schauspielen adoptiert, während die Autorin die Erzählinstanz übernahm. So entwickelte sich die Lesung schnell zu einem Livehörspiel. Ebenfalls erwähnte Macé die multimediale Lesung des Werkes „Frau im Mond“ (2025) von Pierre Jarawan, in welcher die Lesesequenzen von einer eindrucksvollen Diashow begleitet wurden. Das Programm der globale° variiert jedoch nicht nur in der Art der Lesungsformate, sondern auch in der Auswahl der Autor*innen. Neben großen Namen wie David Safier wählen die Organisator*innen auch junge Autor*innen mit ihren Debütwerken in das Programm. So bekam, unter anderem auch der junge Autor Éric Chacour die Chance, seinen in Kanada erfolgreichen Roman „Ce que je sais de toi “ (deutsche Übersetzung „Was ich von dir weiss“ , 2023) in Bremen zu präsentieren.

Was wünscht sich Myriam Macé für die globale° 2026?

Im Nachklapp der diesjährigen globale° formuliert Myriam Macé einen spezifischen Wunsch für die kommende Ausgabe in 2026: Trotz einer positiven Entwicklung hinsichtlich eines generationenübergreifenden Publikums wünsche sie sich unter den Besucher*innen mehr Studierende. Macé frage sich deshalb: Wie bekommt man Studierende zur globale°, die mit der jungen globale° nicht nur Bremer Schüler*innen sondern auch Studierende adressiert?

Welche Angebote der (jungen) globalen° gibt es für Studierende und Dozierende?

Um so wenig junge Menschen wie möglich durch soziale Ungleichheiten von Veranstaltungen auszuschließen, werden jedes Jahr u.a. in Kooperation mit dem EuropaPunktBremen, der Stadtbibliothek Bremen, diversen Buchhandlungen, der Weserburg Museum für moderne Kunst und der Arbeitnehmerkammer Bremen kostenlose Angebote ermöglicht. Auch wenn nicht für das gesamte Programm umsetzbar, sei dies ein großer Vorteil gegenüber anderen Literaturfestivals, so Macé. Dabei unterstütze die globale° Student*innen, in dem sie gezielt literarische Veranstaltungen für ein junges Publikum organisiert. Zudem finden im Rahmen des Festivals sowie im laufenden Jahr Workshops der jungen globale° in Kooperation mit der Universität (LitLabs) statt. Diese eigenen sich nicht zuletzt für Studierende des Fachbereichs 10 – nicht nur aber auch der Germanistik – zur Findung der eigenen Berufsperspektive. So organisierte die junge globale° 2024 z.B. Workshops zur Arbeit im Verlagswesen und als Übersetzer*in sowie ein binationales, zweisprachiges Projekt zu kreativem Schreiben mit der Université Sorbonne Nouvelle. Darüber hinaus bietet das globale°-Festival jedes Jahr drei bis vier vergütete Praktikumsplätze an. Im Rahmen dieser können Studierende das Festival im Voraus mit planen und dann hautnah begleiten. Denn zu den Aufgaben der Praktikant*innen gehöre u.a. das Bespielen der Social-Media-Kanäle mit Kurzberichten zu den Veranstaltungen und das direkte Betreuen der Autor*innen im Vorhinein. Dies ermögliche, laut Macé, spannende Backstage-Einblicke in die Planung und Organisation des Festivals. Für diejenigen, die sich eher für die Publikumsperspektive der globale° begeistern, bieten unter anderem Prof. Dr. phil. Karen Struve und Daniel Schmidt regelmäßig Seminare an, welche die globale° begleiten. Auch für Lehramtsstudierende im Praxissemester und Referendar*innen bietet die junge globale° laut Macé eine großartige Option zur Gestaltung des zukünftigen Unterrichts. Denn sie sei immer offen für Anfragen von Lehrer*innen zu bestimmten literarischen, globalen und grenzüberschreitenden Themen und der Organisation von mehrtägigen Workshops mit thematisch passenden Autor*innen. Das Angebot beziehe sich dabei nicht nur auf den Deutschunterricht. Auch andere sprachliche, künstlerische und gesellschaftswissenschaftliche Unterrichtsfächer können über das Thema der Grenzüberschreitung mit der jungen globale° zusammenarbeiten und von diesem Angebot profitieren. Hierbei ist Macé besonders wichtig, dass vor allem Schreibwerkstätten explizit losgelöst von schulischem Leistungsdruck stattfinden und Kreativität und Mehrsprachigkeit der Schüler*innen fördern wollen.

Die Koordinatorin Myriam Macé appelliert abschließend an alle Studierenden und Lehrenden der Universität Bremen und Bremer Schulen: „Solltet ihr Ideen oder Wünsche für Aktionen haben, dann meldet euch gern bei der jungen globale°. Wir können Kontakte zu Autor*innen herstellen und auch finanzielle (Teil-)Förderungen bereitstellen. Die Kontaktdaten findet ihr auf folgender Internetseite: https://www.uni-bremen.de/fb-10/studium/romanistik/franzoesische-literaturwissenschaft/litlab-das-literaturlabor-des-fb10.“

Pascal Kostiw studiert im 4. Bachelorsemester Germanistik und Kulturwissenschaften an der Universität Bremen. Der Beitrag entstand in einem Seminar zum Thema Onlinejournalismus. Die Idee, sich mit der jungen globalen° auseinanderzusetzen kam im Kursgespräch auf.

Das Bild zeigt eine schulische Lesung des Werkes "Auf dem Tigerpfad" mit dem Autor Jakob Graf und der Moderatorin Myriam Macé im Innenraum der Übersee - Museums . Im Vordergrund sitzen viele Schüler:innen, die den Vortrag verfolgen.