Im Einzelnen

Mehrsprachigkeit: Ein Spannungsfeld von Identität, Zeit und Raum

Im Themenjahr "Mehrsprachigkeit" 2025 beleuchtete die Ringvorlesung "Grenzen erfahren – verschieben – überschreiten" das Spannungsfeld der Mehrsprachigkeit. Vorgestellt wird der Beitrag von Katja Baginski, der zugleich die Zusammenarbeit des FB10 mit dem FB12 aufzeigt.

Das Themenjahr "Mehrsprachigkeit" 2025 - Die Ringvorlesung im WiSe 25/26

Mehrsprachigkeit rückte im Jahr 2025 in den Mittelpunkt des Interesses des Fachbereichs 10 (Sprach- und Literaturwissenschaften) der Universität Bremen. Das Themenjahr 2025 umfasste das Wintersemester 24/25, das Sommersemester 2025 sowie das Wintersemester 25/26. In diesem Zeitraum wurde eine Vielzahl von Lehrveranstaltungen für die Studierenden angeboten, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema Mehrsprachigkeit auseinandersetzen konnten. 

Im Vordergrund des vielfältigen Angebots stand die Ringvorlesung "Grenzen erfahren – verschieben – überschreiten – … : Zur Dynamik von Mehrsprachigkeit im Spannungsfeld von Identität, Zeit und Raum". Die Ringvorlesung beschäftigte sich mit der Frage, wie Mehrsprachigkeit in einer zunehmend vernetzten Welt gelebt wird und welche Bedeutung Sprache für Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Teilhabe hat. Im Folgenden wird der Vortrag von Katja Baginski näher vorgestellt.

Der didaktische Ansatz RAuM – Bildungsanschlüsse durch Ressourcenorientierung

Am 13. Januar 2026 stellte Katja Baginski in der Ringvorlesung den im Rahmen ihrer Dissertation entwickelten zweitsprachendidaktischen Ansatz RAuM vor, der Mehrsprachigkeit im Bildungskontext als wichtige Ressource annimmt. Das Akronym RAuM steht für "Ressourcenorientierter Anschlussunterricht für unbegleitete jugendliche Migrant*innen mit Fluchterfahrung".

Ausgangspunkt des Vortrags war die Bildungssituation von neuzugewanderten Jugendlichen, deren Fach- und (unterrichts-)sprachlichen Kenntnisse aus ihren Herkunftsschulen im deutschen Bildungssystem zumeist weder als solche wahrgenommen noch systematisch didaktisch als Ressource aufgegriffen werden. Dieses Dilemma lässt sich mit einem Satz klar zusammenfassen: Die Jugendlichen sind beim Besuch von Bildungsangeboten fachlich unterfordert und zugleich sprachlich überfordert.

Im vorgestellten RAuM-Ansatz wird Unterricht so gestaltet, dass vorhandenes Wissen und bereits erworbene Kompetenzen aus den Herkunftsschulen gezielt aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Sprachen, in denen die Jugendlichen bereits lesen, schreiben und fachlich arbeiten können, bezeichnet Baginski als Herkunftsunterrichtssprachen.

Im weiteren Verlauf des Vortrags stellte Frau Baginski sieben Prinzipien des RAuM-Ansatzes vor. Das Prinzip der Ressourcenorientierung und des reziproken Lernens beschreibt eine Haltung, bei der Lehrende die vorhandenen Fähigkeiten, Erfahrungen und z. B. mehrsprachige Hintergründe der Lernenden kennenlernen und diese aktiv in den Unterricht einbeziehen. Auf der strukturellen Ebene erläuterte sie die Prinzipien Flexibilität und Teamarbeit. Flexibilität stellt die Freiheit dar, Zeiten, Räume, Methoden und Inhalte situationsbedingt anpassen zu können. Dazu zählt zum Beispiel das Neu-Zusammenstellen von Lerngruppen. Dagegen beschreibt die Teamarbeit die gemeinsame Vorbereitung, Reflexion und Durchführung des Unterrichts in z.B. Zweierteams, wobei in denen mindestens eine studentische Lehrkraft eine Sprache studiert.

Didaktisch zentral ist die enge Verknüpfung des Deutsch- und Fachunterrichts, wobei Baginski anhand konkreter Beispiele aus der Praxis zeigte, wie die Mehrsprachigkeit im Unterricht produktiv eingesetzt werden kann. Dazu zählt der Einsatz von Paralleltexten in verschiedenen Sprachen sowie das Führen mehrsprachiger Wortlisten. Die Anerkennung der vorhandenen Erfahrungen und Kompetenzen zugewanderter Schüler*innen soll die Selbstwirksamkeit stärken sowie die Motivation und das Zugehörigkeitsgefühl dieser erhöhen. 

Abschließend betonte Baginski, dass der RAuM-Ansatz Anforderungen an Lehrende, Lernende und Lehramtsstudierende stellt, die interdisziplinär auf diesen anspruchsvollen Ansatz vorzubereiten sind.

Die LehrLernwerkstatt der Universität Bremen

Katja Baginski ist pädagogische Leiterin der LehrLernwerkstatt (LLW) Fach, Sprache, Migration der Universität Bremen. Die wissenschaftliche Leitung dieses Praxisangebots für Lehramtsstudierende liegt bei Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu (FB12) und Prof. Dr. Andrea Daase (FB10). Die LLW wurde 2006 mit dem Ziel eingerichtet, Lehramtsstudierende durch spezifische Seminare und begleitete Unterrichtspraxis bereits während des Studiums für den Unterricht in sprachlich heterogenen Lerngruppen zu sensibilisieren und gleichzeitig Schüler*innen mit Einwanderungsgeschichte in den Räumen der Universität auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen. Studentische Förderlehrkräfte werden in einem spezifischen Vertiefungsseminar des Moduls "Umgang mit Heterogenität in der Schule" auf ihre Tätigkeit vorbereitet und durch wöchentliche Werkstatttreffen angeleitet und begleitet. Unterstützt durch Fachdidaktiker*innen der Universität wird Unterrichtsmaterial entwickelt, das mehrsprachigkeitsorientiert an die sprachlichen und (bildungs-) biografischen Voraussetzungen der Lernenden anknüpft. 

Mehrsprachigkeit wird im Rahmen der LLW ausdrücklich als Ressource verstanden und genutzt, um neue Aufgabenformate zu entwickeln und fachliche sowie sprachliche Inhalte zu vermitteln. Das Angebot setzt dabei nicht nur auf die Aneignung schulrelevanter Sprachregister in der Zweitsprache Deutsch, sondern auch auf das Vermitteln von Fachinhalten. 

Dilan Aktas studiert Lehramt für Gymnasien und Oberschulen mit den Fächern Deutsch und Biologie. Sie ist seit 2021 als Förderlehrkraft in der LehrLernwerkstatt Fach, Sprache, Migration tätig und unterrichte dort die Fächer Deutsch und Biologie. Zusätzlich arbeite sie im Schülerlabor des Fachbereichs 2.

 

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