Im Einzelnen

Literarische Woche Bremen: Ein Forum seit fünf Jahrzehnten

50 Jahre Literarische Woche Bremen: Lesungen, Diskussionen, Musik und der Bremer Literaturpreis 2026 mit Heinz Strunk – ein Festival über Freiheit, Gesellschaft und Menschlichkeit.

Seit 1976 richtet die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung die Verleihung des Bremer Literaturpreis durch die Literarische Woche Bremen aus. Jahr für Jahr steht die Veranstaltungsreihe unter einem neuen thematischen Schwerpunkt. Auf dem Programm stehen Lesungen, Ausstellungen, Filmvorführungen, Gespräche und Musik. Auch für Jugendliche werden eigene Angebote entwickelt. Die Woche versteht sich als Ort der Neugier und des Austauschs. Hier treffen Autor*innen, Publikum und Fachpersonen aufeinander, um über Literatur und gesellschaftliche Fragen zu sprechen.

2026 begeht die Literarische Woche ein besonderes Jubiläum: Vom 23. bis 31. Januar findet sie zum 50. Mal statt. In diesen fünf Jahrzehnten hat sich die Reihe als fester Bestandteil des kulturellen Lebens in Bremen etabliert. Sie bietet nicht nur literarische Entdeckungen, sondern auch Raum für Debatten über aktuelle Entwicklungen. Die Veranstalter*innen betonen seit jeher den Anspruch, Literatur als Mittel der Auseinandersetzung zu begreifen.

Traditionell lesen die Preisträger*innen am Vorabend der Preisverleihung aus ihren aktuellen Werken. So auch in diesem Jahr: Der Hauptpreisträger Heinz Strunk stellt seinen Erzählband „Kein Geld Kein Glück Kein Sprit“ vor, erschienen 2025 im Rowohlt Verlag. Der Förderpreisträger Kaleb Erdmann liest aus seinem Roman „Die Ausweichschule“, der 2025 bei den Ullstein Buchverlagen veröffentlicht wurde. Damit verbindet die Literarische Woche das Festivalprogramm unmittelbar mit der Auszeichnung.

Freiheit, die wir meinen …?

Die 50. Ausgabe steht unter dem Leitgedanken „Freiheit, die wir meinen …?“. Ausgangspunkt ist der bekannte Satz von Jean-Jacques Rousseau: „Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten …“. Das Thema verweist auf eine Frage, die bis heute nichts an Dringlichkeit verloren hat. Freiheit gilt als hohes Gut, doch für viele Menschen bleibt sie unerreichbar.

Im 21. Jahrhundert stellt sich neu die Frage, was Freiheit konkret bedeutet. Geht es um Selbstbestimmung im persönlichen Leben? Um Widerstand gegen Unrecht in Familie und Gesellschaft? Oder um die Fähigkeit, unabhängig zu denken und zu handeln? Die eingeladenen Autor*innen betrachten diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven. In ihren Romanen und Erzählungen schildern sie Spannungen im Alltag und deren Ursachen, welche häufig am Mangel von Freiheit liegen.

Literatur soll also als Mittel genutzt werden, um die Bedeutung von Freiheit zu diskutieren. Die Veranstalter*innen hoffen auf Begegnungen und Gespräche, die zum Nachdenken anregen. 

Seit 50 Jahren zeichnet die Literarische Woche außerdem aus, dass sie Literatur nicht nur präsentiert, sondern in einen größeren Zusammenhang stellt.

Preisträger und Werk: Heinz Strunk ausgezeichnet

Höhepunkt der Woche ist die feierliche Vergabe des 72. Bremer Literaturpreises. Am 26. Januar 2026 wurde Heinz Strunk im Rahmen eines Festaktes in der Oberen Rathaushalle des Bremer Rathauses geehrt. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und zählt zu den ältesten und wichtigsten Auszeichnungen für deutschsprachige Literatur. Er wurde 1954 erstmals verliehen; seit 1977 gibt es zusätzlich einen Förderpreis.

Heinz Strunk erhält die Auszeichnung für seinen Erzählband „Kein Geld Kein Glück Kein Sprit“. Die Jury würdigt darin seine schonungslose Erkundung der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens. In der Begründung heißt es, Strunk dringe mit einem oft grotesken Humor vom Alltäglichen bis zum existenziellen Elend seiner Figuren vor. In deren Abgründen werde zugleich etwas zutiefst Menschliches sichtbar.

Bremens Kultursenator und Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte hob in seinem Grußwort die Bedeutung engagierter Literatur hervor. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Herausforderungen sei es wichtig, dass Schriftsteller*innen der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Er dankte den beiden Preisträgern sowie allen Beteiligten, die zum Gelingen der Preisverleihung beitragen.

Auch Jurymitglied Richard Kämmerlings fand deutliche Worte. Er beschrieb er Strunk als einen Autor, der seine Figuren mit großer sprachlicher Genauigkeit freilegt. Er sprach von einer düsteren Grundüberzeugung, die in den neuen Erzählungen mitschwinge, und zog einen Vergleich zu Thomas Bernhard. Strunk arbeite mit präzisen sprachlichen Mitteln und lege das Innere seiner Figuren offen, bis nur noch ihre nackte Verletzlichkeit bleibe.

(Heinz Strunk, 1962 in Bevensen geboren, ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Musiker und Schauspieler. Seit seinem Debütroman „Fleisch ist mein Gemüse“ hat er vierzehn weitere Bücher veröffentlicht. Sein Roman „Der goldene Handschuh“ stand monatelang auf der Bestsellerliste; die Verfilmung durch Fatih Akin lief im Wettbewerb der Berlinale. 2016 wurde Strunk mit dem Wilhelm Raabe Literaturpreis geehrt. Seine Romane „Es ist immer so schön mit dir“ und „Ein Sommer in Niendorf“ waren für den Deutschen Buchpreis nominiert.)

Der ausgezeichnete Band „Kein Geld Kein Glück Kein Sprit“ versammelt kurze Geschichten, die Tragik und Komik eng miteinander verbinden. Die Kritik widerspricht dem Vorurteil, Kurzgeschichten seien langweilig. Er entwirft eine Welt, die zugleich fremd und vertraut wirkt. Er erzählt von seltsamen Krankheiten, beunruhigenden Ereignissen in einer Vorortsiedlung, zerrütteten Familien und gescheiterten Beziehungen. Haushaltsroboter verfolgen andächtig ein Puppenspiel, eine Frau gerät bei einem harmlosen Eingriff an den falschen Schönheitschirurgen, und in einem Luxusresort auf Gran Canaria liefern sich Rentnerpaare in der Nebensaison erbitterte Auseinandersetzungen am Fischbuffet.

Diese Szenen wirken nah an der Wirklichkeit. Hinter dem Humor liegt oft Schmerz. Gerade darin erkenne die Jury die literarische Qualität des Bandes: im Blick auf das Scheitern und in der Fähigkeit, selbst im Schlimmen noch Menschlichkeit sichtbar zu machen.

Mit der Auszeichnung von Heinz Strunk und der Jubiläumsausgabe der Literarischen Woche Bremen verbindet sich somit ein doppeltes Zeichen: für die anhaltende Bedeutung der Literatur – und für die Frage nach der Freiheit, die uns im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben bewegt.

Eske Böttcher ist Studentin an der Universität Bremen im 5. Bachelorsemester für Germanistik und Kommunikations- und Medienwissenschaft. Der Beitrag ist im Kontext eines Seminars zu "Textsorten und Formaten des Online-Journalismus" entstanden. 

Bürgermeister Andreas Bovenschulte begrüßt die Gäste der 72. Bremer Literaturpreis-Verleihung in der Bremer Rathaushalle