Ein literarisches Netzwerk im Norden
Von Oktober bis Januar gastiert die LiteraTour Nord in den Städten Oldenburg, Bremen, Hannover, Lüneburg, Lübeck, Rostock und Osnabrück. Die Lesungen finden in Literaturhäusern und Buchhandlungen statt und werden von Hochschullehrenden moderiert, die die Texte zuvor in begleitenden Seminaren mit Studierenden diskutieren. So entsteht ein lebendiger Austausch zwischen Universität, Literaturbetrieb und Öffentlichkeit.
Die Saison 2025/26 ist dabei in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Erstmals ist die Tour ausschließlich mit Autorinnen besetzt. Mit Nora Gomringer, Dorothee Elmiger, Daniela Dröscher, Katerina Poladjan und Annett Gröschner gehen fünf prägende Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auf Lesereise. Sie begegnen sich auf ihren Routen der LiteraTour gewollt nicht, jedoch verbindet sie die gemeinsame Anstrengung um literarische Relevanz und formale wie inhaltliche Vielfalt.
Die LiteraTour Nord ist zugleich als literarischer Wettbewerb konzipiert. Alle teilnehmenden Autorinnen bewerben sich um den Preis der LiteraTour Nord, der von der VGH Stiftung vergeben und mit 15.000 Euro dotiert wird. Dass sie Teil der Lesereise sind, bedeutet bereits eine erste Auszeichnung: Alle fünf haben ein Auswahlverfahren durchlaufen und sich gegenüber einer großen Jury durchgesetzt.
Dieses erste Gremium besteht aus rund 15 Personen und setzt sich aus den Kooperationspartner:innen der LiteraTour Nord zusammen – Vertreter:innen der norddeutschen Literaturhäuser, Universitäten und Buchhandlungen aller sieben beteiligten Städte. Die finale Entscheidung fällt jedoch erst nach der Tour. Dann kommen die Veranstalter:innen und Moderator:innen zusammen und werden durch das Publikum ergänzt, das an jedem Veranstaltungsort seine Stimme abgibt.
Katerina Poladjan und der Sehnsuchtsort Goldstrand
Ein Beispiel aus der aktuellen Saison war die Lesung von Katerina Poladjan im Theater am Goetheplatz in Bremen, die ihren Roman Goldstrand vorstellte. Poladjan, in Moskau geboren und in Rom sowie Wien aufgewachsen, ist für ihre knappen, dichten Texte bekannt, die historische Zusammenhänge auf engem Raum entfalten. In Goldstrand rückt sie die Geschichte eines Ferienortes an der bulgarischen Schwarzmeerküste in den Mittelpunkt, der in den 1950er Jahren als sozialistisches Zukunftsprojekt geplant wurde.
Die Erzählung folgt dem Filmregisseur Eli, der sich sechzig Jahre nach seinem Erfolg in einer persönlichen und künstlerischen Krise befindet und seine Familiengeschichte rekonstruiert. Dabei führt der Roman durch verschiedene europäische Räume – von Odessa über Konstantinopel und Warna bis nach Rom – und spannt einen Bogen über das gesamte 20. Jahrhundert. Themen wie Sozialismus, Faschismus und Verfolgung werden aufgegriffen, ohne den Text zu überladen. Moderator Axel Dunker, Professor an der Universität Bremen, betonte, wie es Poladjan gelinge, historische Schwere mit erzählerischer Leichtigkeit zu verbinden und beschreibt ihren Roman als „trotzdem leichte Lektüre“.
In der Diskussion sprach die Autorin darüber, dass biografische Bezüge oft ungewollt in ihr Schreiben einflössen, auch wenn sie nicht bewusst autobiografisch arbeite. Goldstrand sei für sie zugleich ein persönlicher „Sehnsuchtsort“ und ein literarischer Raum, in dem Ost und West aufeinandertreffen. Die Lesung machte deutlich, wofür die LiteraTour Nord steht: Literatur als Medium, das individuelle Erfahrungen und große historische Entwicklungen miteinander verknüpft und zur gemeinsamen Reflexion einlädt.
Die Autorinnen Matilda Glinski und Fenja Barwig studieren im 5. Bachelorsemester Kommunikations- und Medienwissenschaft im Profilfach sowie Germanistik im Komplementärfach an der Universität Bremen. Der Artikel entstand im Rahmen des Seminars Textsorten und Formate des Online-Journalismus.

