Mehr als Theorie: Wie der Fachbereich 10 Lehre sichtbar macht
Am Vormittag stand der Fachbereich 10 selbst im Mittelpunkt. In einer offenen Gesprächsrunde tauschten sich Lehrende und Mitglieder des Dekanats über aktuelle Positionen des Fachbereichs aus. Diskutiert wurden Fragen der Sichtbarkeit von Forschung, bestehende und mögliche Kooperationen mit dem Literaturhaus Bremen sowie die Bedeutung mediennaher Vernetzung. Deutlich wurde dabei, dass der Fachbereich seine Rolle nicht nur als Ort wissenschaftlicher Arbeit versteht, sondern auch als aktiver Akteur im kulturellen und gesellschaftlichen Diskurs.
Wie entfaltet sich Mehrsprachigkeit?
Ein zentrales Thema der Diskussionen war die Mehrsprachigkeit in der Lehre. Dr. Anne Gadow betonte den wissenschaftlichen Mehrwert fremdsprachiger Texte, die Perspektivwechsel ermöglichen und den Zugang zu internationaler Forschung erleichtern. Gleichzeitig wurde auf strukturelle Rahmenbedingungen hingewiesen, etwa darauf, dass Prüfungsleistungen und Abschlussarbeiten mit Ausnahme vollständig englischsprachiger Studiengänge weiterhin auf Deutsch verfasst werden müssen. Diese Vorgabe schafft formale Klarheit, begrenzt jedoch die Umsetzung mehrsprachiger Lehrkonzepte in Seminaren. Besonders intensiv wurde der Umgang mit englischsprachigen Originaltexten diskutiert. Mehrere Stimmen hoben hervor, dass Übersetzungen zwar hilfreich seien, jedoch nicht immer die terminologische Präzision und argumentative Tiefe der Originale wiedergeben. Die Arbeit mit Originaltexten vertieft die analytische Genauigkeit der Studierenden und ermöglicht einen direkteren Zugang zu theoretischen Feinheiten.
Eine regionale Perspektive brachte der Beitrag von Dr. Jana Jürgs zur Bedeutung des Niederdeutschen ein. Obwohl diese Sprache im öffentlichen Diskurs des heutigen Bremens kaum noch präsent ist, war sie bis zur Reformation ein zentrales Element der deutschsprachigen Kultur. Als Regionalsprache besitzt sie weiterhin identitätsstiftendes Potenzial und kann, gerade weil sie von jüngeren Generationen kaum verstanden wird, als gemeinsamer Ausgangspunkt wirken. In diesem Sinne wurde Niederdeutsch auch als möglicher, nicht diskriminierender Integrationsfaktor diskutiert, der regionale Identität neu erfahrbar machen kann.
Vielfalt als gelebte Realität
Ein weiterer Schwerpunkt des Vormittags lag auf dem Thema Diversität von Dr. Anna Mattfeldt und Lara Herford. In den Beiträgen wurde deutlich, dass Vielfalt im Fachbereich 10 gelebte Realität ist und Studium wie Lehre prägt. Sprachliche, kulturelle, soziale und biografische Unterschiede stellen dabei keine Ausnahme dar, sondern gehören zum universitären Alltag. Diversität wurde nicht als bloßer Zustand verstanden, sondern als kontinuierliche Aufgabe, die Sensibilität und strukturelle Maßnahmen erfordert. Transparente Seminarorganisation, barrierearme Lehrmaterialien und Hinweise auf Beratungsangebote wurden als wichtige Bausteine genannt, um Chancengleichheit zu fördern und Diskriminierung entgegenzuwirken.
Lehrerbildung von Lego bis Laptop
Im weiteren Verlauf richtete sich der Blick auf die Lehrkräftebildung. In einem Impulsbeitrag thematisierten Dr. Joanna Pfingsthorn und Chiara Gauer die enge Verbindung von fachwissenschaftlichem Wissen und fachdidaktischer Kompetenz. Fachwissen bildet das inhaltliche Fundament des Unterrichts, während fachdidaktisches Wissen beschreibt, wie Inhalte vermittelt, Lernwege gestaltet und typische Missverständnisse aufgegriffen werden können. Beide Bereiche wurden als unterscheidbar, aber untrennbar miteinander verwoben beschrieben. Ohne solide fachliche Grundlagen kann sich keine differenzierte didaktische Kompetenz entwickeln, zugleich wird Fachwissen erst durch geeignete Vermittlungsformen wirksam.
Anschaulich verdeutlicht wurde dieser Zusammenhang durch ein Modell aus farbigen Bausteinen, das Fachwissenschaft, Praxis und Didaktik symbolisierte. Sobald ein Element entfernt wurde, verlor das Modell seine Stabilität. Die Darstellung machte deutlich, dass eine nachhaltige Ausbildung zukünftiger Lehrkräfte nur durch das Zusammenspiel aller Bereiche gelingen kann. Ergänzend wurden forschendes Lernen, Micro-Teaching, schulische Forschungsprojekte sowie digitale Kompetenzen als zentrale Bestandteile moderner Lehrerbildung hervorgehoben.
“Der Tag der Lehre schließt eine Lücke”
Dr. Jana Jürgs betonte die zentrale Bedeutung des Tags der Lehre für das universitäre Leben. Während es zahlreiche Formate zum Austausch über Forschung gebe, habe es oft an an vergleichbaren Räumen für Diskussionen über Lehre gefehlt. Der Tag der Lehre will diese Lücke schließen und Kolleginnen und Kollegen zusammenbringen, um über Lehrpraxis und didaktische Ansätze zu sprechen. Zum Vormittag des Dies Academicus erklärte Frau Dr. Jürgs, sie gehe bewusst ohne feste Erwartungen in die Veranstaltung. Bei offenen Formaten sei es ihr wichtig, Entwicklungen sich entfalten zu lassen und auf entstehende Dynamiken zu reagieren. Das Ergebnis habe ihrem Erwartungshorizont entsprochen. Besonders hob sie das Potenzial des Niederdeutschen hervor. Da die Sprache von jüngeren Generationen kaum noch verstanden werde, stehen alle Teilnehmenden vor derselben Ausgangslage – unabhängig von ihrer Herkunft.
Gute Lehre zahlt sich aus
Den Abschluss des Tages bildete die universitätsweite Verleihung des Berninghausenpreises. Eröffnet wurde die Veranstaltung durch einen Vortrag von Prof. Dr. Felicitas Macgilchrist von der Universität Oldenburg, die aktuelle Transformationsprozesse in der Hochschullehre skizzierte. Sie sprach über die zunehmende Bedeutung von Fernstudienformaten, digitale Lehrmöglichkeiten und die Notwendigkeit flexibler Studienstrukturen, die den unterschiedlichen Lebensrealitäten der Studierenden gerecht werden. Auch Prof. Dr. Jutta Berninghausen, Vertreterin der Stifterfamilie, war unter den Gästen. In ihrer Ansprache erinnerte sie daran, dass gute Lehre Engagement, Kreativität und Ausdauer erfordere und dass Lehrende, die diese Qualitäten leben, maßgeblich zum Erfolg der Universität beitrügen. Der seit 1991 verliehene Preis würdigt genau dieses besondere Engagement in der Lehre. Professorin Maren Petersen, Konrektorin für Lehre und Studium, gratulierte den Preisträgerinnen und Preisträgern herzlich und betonte, dass gute Lehre nachhaltig wirke, Studierende präge und das akademische Miteinander an der Universität Bremen bereichere.
In der Kategorie „Gute Lehre" wurde die Sprachwissenschaftlerin Dr. Barbara Aehnlich aus dem Fachbereich 10 ausgezeichnet. Die Jury würdigte ihr klar strukturiertes und praxisnahes Lehrkonzept, das über einzelne Veranstaltungen hinausgreife und langfristig angelegt sei. Die Laudatio hielt Dr. Hauke Kuhlmann. Studierende hoben hervor, sie „entwickle ihre Seminare und Prüfungen stets weiter und schaffe ein angenehmes Seminarklima, indem ein gemeinsames Lernen zentral sei". Zudem widme sie sich mit der historischen Sprachwissenschaft einem Themenbereich, der im schulischen Kontext häufig unterrepräsentiert sei, und entwickle gemeinsam mit Studierenden Unterrichtssequenzen für die schulische Praxis. Den Studierendenpreis erhielten Prof. Dr. Julia Stern und Dr. Ulrike Flader. Eine Sonderwürdigung ging an Prof. Dr. Mihail Vrekousis. Die Laudationes machten deutlich, wie vielfältig exzellente Lehre an der Universität Bremen gestaltet wird und welchen nachhaltigen Einfluss engagierte Lehrende auf Studienverläufe und Lernprozesse haben. Der Abend klang in einer offenen und festlichen Atmosphäre aus. Bei Musik, Gesprächen und persönlichen Glückwünschen würde der Tag der Lehre 2025 als das sichtbar, was er sein soll: ein Ort des Austauschs, der Anerkennung und der gemeinsamen Weiterentwicklung von Lehre.
Kateryna Ivko und Gela Japaridze studieren im vierten Bachelorsemester Germanistik im Profilfach an der Universität Bremen. Ihre Komplementärfächer unterscheiden sich: Kateryna studiert Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Gela Kommunikations- und Medienwissenschaft. Der vorliegende Artikel entstand im Rahmen eines Seminars bei Herrn Dr. Rothenhöfer mit dem Titel „Textsorten und Formate des Online-Journalismus“. Die Idee, einen Beitrag über den Tag der Lehre zu verfassen, entwickelte sich daraus, dass dieser Tag als bedeutend und bereichernd für den Fachbereich 10 sowie die Universität erscheint. Es ist ein zentraler Moment, an dem über Lehre gesprochen und diskutiert wird. Ein besonderes Highlight war für uns Frau Dr. Aehnlich, die sofort unser Interesse weckte und als eine wichtige Stimme des Fachbereichs 10 wahrgenommen wurde.

