Im Einzelnen

„Von der Ausnahme zur Selbstverständlichkeit? Wegbereiterinnen an der Uni Bremen“: Eine Reportage

Anlässlich der Ausstellung "Versäumte Bilder in Bremen: Wissenschaftlerinnen und Pionierinnen sichtbar machen" kamen am 2. Juni Frauke Meyer, Jutta Günther und Sigrid Dauks zusammen, um im Rahmen einer Public Lecture über besondere Wissenschaftlerinnen an der Universität Bremen zu sprechen.

BesucherInnen, die das Forum am Domshof betreten, werden von Frauen empfangen, deren einstmals verwehrte Anerkennung für ihre wissenschaftlichen Leistungen hier einen Platz findet. Sie wurden mithilfe von künstlicher Intelligenz durch die Wissenschaftsfotografin Gesinde Born visualisiert und erzählen hier ihre Geschichten. 

Die Ausstellung eröffnet zwei Themenfelder, die am 2. Juni 2026 von Jutta Günther, Frauke Meyer und Sigrid Dauks von der Universität Bremen in einer Open Lecture aufgegriffen werden. Zum einen decken sie auf, welche Frauen an der Universität Bremen als Wegbereiterinnen gewirkt haben und zum anderen wird die Frage diskutiert, welche Rolle künstliche Intelligenz insgesamt und insbesondere bei Gleichstellungsprozessen einnimmt.

„Wir brauchen auch Frauen, die noch leben!“ …

… So leitet Prof. Dr. phil. Sabine Doff von der Ausstellung über zur Vorstellung von den Frauen, die nun auf der Bühne ihre Plätze einnehmen. Es ist ein Zusammenkommen von „Ersten“: Jutta Günther als erste Rektorin, Frauke Meyer als erste Kanzlerin und Sigrid Dauks als erste Leiterin des Archivs der Universität Bremen. Durch das Gespräch moderieren Conny Ladenthin und Marica Tomiak.

Flowerpower und Lehrermangel

Die erste Frage der Moderation versetzt die Gesprächsteilnehmerinnen gedanklich in die 70er Jahre. Sie assoziieren Flower-Power, großblumige Tapeten und denken an ihre Kindheit auf dem Lande. Doch auch eine andere Seite des Zeitgeists wird angesprochen. Frauen wären laut des damaligen BGB dafür verantwortlich gewesen, den Haushalt zu führen. Sie waren berechtigt zu arbeiten, ließe sich dies mit ihren Pflichten vereinbaren. 

Die Uni Bremen wurde in dieser Zeit gegründet. Sigrid Dauks nimmt das Publikum an dieser Stelle mit in die Vergangenheit bis hin zur Universitätsgründung. Wichtige Thematiken waren zu Gründungszeiten der Ausbau des Schulwesens und der vorherrschende Lehrermangel, die Rolle der Wissenschaft und die Demokratisierung der Hochschulen. Die Bremer Uni trat als Reformuniversität auf den Plan und das „Bremer Modell“ war in einigen Punkten seiner Zeit voraus. 

Wegbereiterinnen der Uni Bremen: Heide Gerstenberger und Helga Gallas

Vor diesem Hintergrund wird Heide Gerstenberger von Frauke Meyer portraitiert. Sie war Mitglied des Gründungsrates und leitete diesen zeitweise. Darauffolgend leistete sie als Professorin an der Uni Bremen wichtige hochschulpolitische Arbeit. 

Jutta Günther stellt ihr als zweite Wegbereiterin Helga Gallas an die Seite, die 1993 als erste Frau an der Universität Bremen in das Amt der Konrektorin gewählt wurde. Sie studierte Germanistik, Publizistik und Politikwissenschaften. An der Uni Bremen wirkte sie mit bei der Erarbeitung des Feldes der Literaturwissenschaftlichen Theorie und Methodik. 

Wie steht es um die Gleichsstellungsarbeit an der Uni Bremen?

Sigrid Dauks öffnet für alle Anwesenden das Wissen des Archivs und stellt dar, dass die Universität Bremen in Sachen Gleichstellung seit jeher eine gewisse Vorreiterrolle innehatte. Zum einen im Bereich der Gender Studies, zum anderen aber auch in der Arbeit für Chancengleichheit und gegen Diskriminierung. So war die Universität Bremen mit der Eröffnung der Arbeitsstelle gegen sexuelle Diskriminierung und Gewalt am Ausbildungs- und Erwerbsarbeitsplatz (ADE) 1993 eine der (wieder einmal) ersten. 

Von der Ausnahme zur Selbstverständlichkeit?

Frauke Meyer betont nach diesen Ausführungen, dass trotzdem, oder gerade aufgrund dessen, was an der Uni Bremen schon geleistet wurde, immer wieder überprüft werden muss, an welcher Stelle neue Diskriminierungsaspekte auftauchen, mit denen es sich zu beschäftigen gilt. Schließlich sei keine Institution diskriminierungsfrei.

Und auch ein Rückblick auf die Gespräche zeigt dem aufmerksamen Zuhörer: Dort, wo so viele Frauen „die Ersten“ sind, kann von Selbstverständlichkeit vielleicht noch nicht allzu sicher gesprochen werden. Auch Frauke Meyer berichtet von einer offensichtlichen Nicht-Selbstverständlichkeit im ersten Innehaben ihrer Position, mit der sie gar nicht gerechnet hatte. Aber auch von dem Rückhalt aus ihrem Kollegium, als sie sich um die Stelle bewarb. Für die an einem Mittwoch stattfindende Fragerunde zur Bewerbung, schenkten die KollegInnen ihr ein T-Shirt mit der Aufschrift „On wednesdays we smash the patriarchy“.

Ein neuer Akteur wirft Chancen und Risiken auf: KI im Gleichstellungsprozess

Zum Ende der Veranstaltung wird das Thema KI mit dem Publikum diskutiert. Dabei werden vor allem die Risiken in unterschiedlichen Zusammenhängen von den Zuhörenden angesprochen. Bedenken werden geäußert im Hinblick auf sehr geringe Frauenquoten beim Entstehen der KI-Modelle und deren Datenspeisung. Schließlich arbeitet die KI mit dem, was ihr zur Verfügung gestellt wird. Auch das Verwenden der KI in Einstellungsverfahren wird kritisch hinterfragt. Denn die KI richtet sich nach Mustern, und sieht das Muster keine Frauen in Führungspositionen vor, wird ein KI-Modell nicht in der Lage sein, einen reflektierten Umgang mit den vorliegenden Daten zu pflegen. 

Mut zur Lücke: Wegbereiterinnen heute!

Ein letzter Beitrag aus dem Publikum rundet den Abend ab. Er ist an die Frauen auf der Bühne gerichtet, die auf die Frage hin, ob sie sich selbst als Wegbereiterinnen sähen, eher zurückhaltend geantwortet hatten. Jeder Mann hätte an dieser Stelle die Daumen unter die Hosenträger gehakt und mit einem herzlichen „Ja“, geantwortet, heißt es. Und genau das bräuchten wir und das könnten Jutta Günther und Frauke Meyer mit Fug und Recht von sich behaupten. 

5 Personen sitzen auf einer Bühne im Gespräch. Im Hintergrund ist auf einem Bildschirm eine Statistik zu der Geschlechterverteilung der ProfessorInnen der Universität Bremen zu sehen.