Im Einzelnen

When the War is Next Door – Alltag im Angesicht der Bedrohung

Swetlana Erpyleva (FSO) widmete sich der Alltagsperspektive jener Menschen in der Ukraine, die in unmittelbarer Nähe zur Front leben und deren Lebensrealität dauerhaft von militärischer Bedrohung geprägt ist. Mariana Podushkina und Anna Devda (FB10, Uni Bremen) berichten für uns vom Vortrag.

Svetlana Erpyleva ist seit 2025 Post-doctoral Researcher am Bremer Forschungszentrum für Osteuropastudien (FSO). Im Rahmen des Kolloquiums zur osteuropäischen Geschichte präsentierte die Forscherin Ergebnisse eines umfangreichen ethnografischen Projekts, das sich mit Wahrnehmungen, Deutungsmustern und Bewältigungsstrategien von Zivilist*innen in einer autoritär regierten Gesellschaft befasst. Dabei ging es weniger um explizite politische Positionierungen als vielmehr um alltägliche Routinen, soziale Normen und emotionale Reaktionen, die das Leben im Schatten eines „nahen, aber oft unausgesprochenen“ Krieges strukturieren.

Der Vortrag machte deutlich, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht nur auf dem Schlachtfeld stattfindet, sondern sich tief in Alltagspraktiken, Gespräche und kollektive Gewöhnungsprozesse einschreibt. Erpylevas Forschung eröffnet damit einen differenzierten Blick auf die sozialen und psychologischen Folgen des Krieges jenseits offizieller Narrative und medialer Berichterstattung.

Was bedeutet es, in einer Grenzregion wie Kursk zu leben?

Im Zentrum des Vortrags standen Interviews und teilnehmende Beobachtungen in der russischen Grenzregion Kursk. Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine im Jahr 2022 ist die Region regelmäßig von Luftalarmen, militärischen Bewegungen und vereinzelten Kampfhandlungen betroffen – auch wenn sie offiziell nicht als Kriegsgebiet gilt.

Erpyleva zeichnete kein dramatisiertes oder heroisierendes Bild des Krieges. Stattdessen beschrieb sie eine ambivalente Alltagsrealität, in der sich viele Bewohner*innen zwischen bewusster Verdrängung, pragmatischer Anpassung und emotionaler Erschöpfung bewegen. Der Krieg wird zur „normalisierten Ausnahme“: Er ist ständig präsent, hör- und spürbar, wird jedoch selten explizit benannt oder politisch reflektiert.

Warum reagieren Menschen oft nicht auf akute Bedrohungen?

Ein zentrales Analyseergebnis betrifft die Macht sozialer Normen im Umgang mit Gefahr. Obwohl viele Menschen instinktiv Schutz suchen würden, reagieren sie häufig nicht auf Bedrohungen wie Luftalarme oder Explosionen – insbesondere dann, wenn auch ihr soziales Umfeld nicht reagiert.

Dieser kollektive Habitus des „Nicht-Reagierens“ überlagert individuelles Sicherheitsbedürfnis und führt zu einer schleichenden Gewöhnung an das Bedrohliche. Erpyleva betonte, dass es sich hierbei nicht um ein spezifisch „russisches“ Phänomen handelt. Vielmehr seien ähnliche Muster aus zahlreichen Konfliktregionen bekannt, in denen soziale Anpassung zu einer zentralen Strategie des Überlebens wird.

Wie wird der Krieg politisch gedeutet – oder bewusst entpolitisiert?

Besonders aufschlussreich waren Erpylevas Beobachtungen zur politischen Wahrnehmung des Krieges. Viele Ereignisse werden lokalisiert und entpolitisiert: Explosionen erscheinen als isolierte Zwischenfälle, militärische Angriffe werden mit Naturkatastrophen verglichen oder als unvorhersehbare Unglücksfälle gedeutet.

Dabei sei nicht mobilisierende, sondern entpolitisierende Propaganda besonders wirksam. Die wiederkehrende Botschaft, dass „alle Politik schmutzig“ sei, fördert Rückzug ins Private und politische Passivität. Der Krieg bleibt so gleichzeitig allgegenwärtig und unsichtbar – präsent im Alltag, aber entzogen einer offenen politischen Auseinandersetzung.

Wie forscht man unter autoritären Bedingungen?

Die Durchführung ethnografischer Forschung in der Region Kursk ist mit erheblichen Risiken verbunden. Obwohl die Region offiziell nicht als Kriegsgebiet gilt, ist die Erhebung politisch sensibler Informationen potenziell gefährlich.

Das Forschungsteam entwickelte daher spezifische methodische Strategien: So wurde die Selbstbezeichnung als „Anthropologin“ als weniger verdächtig wahrgenommen als die als „Soziologin“. Während formelle Interviews offen als Forschung gekennzeichnet waren, fanden informelle Gespräche teilweise verdeckt statt. Eine intensive Vorbereitung auf mögliche Traumatisierungen der Gesprächspartner*innen sowie tägliche Teamreflexionen dienten der ethischen Absicherung und methodischen Anpassung der Feldforschung.

Warum ist diese Forschung auch international relevant?

Der Vortrag regte Diskussionen über die Vergleichbarkeit mit anderen Konfliktregionen an. Qualitative ethnografische Studien wie diese sind selten, ermöglichen jedoch Einblicke in Widersprüche, Ambivalenzen und situative Dynamiken menschlichen Handelns – im Gegensatz zu quantitativen Umfragen, die häufig von stabilen Meinungen ausgehen.

Erpyleva verdeutlichte, dass ihre Forschung über den konkreten Fall hinausweist: Sie liefert grundlegende Erkenntnisse über soziale Normen, Propaganda und kollektive Bewältigungsstrategien in Ausnahmesituationen und trägt damit zu einem tieferen Verständnis menschlichen Handelens unter dauerhafter Bedrohung bei.

Wir, Anna Devda und Mariana Podushkina kamen vor dreieinhalb Jahren aus der Ukraine nach Deutschland und studieren heute Germanistik an der Universität Bremen. Der Krieg ist für uns keine abstrakte Realität, sondern Teil unserer eigenen Geschichte – und genau diese Perspektive prägte unseren Blick auf den öffentlichen Vortrag ‚When the War Is Next Door‘ von Svetlana Erpyleva am Fachbereich Osteuropastudien. Germanistik ist für uns beide das Profilfach, das wir jedoch unterschiedlich ergänzen: Wir kombinieren es entweder mit English-Speaking Cultures (Mariana) oder mit Erziehungs- und Bildungswissenschaften (Anna). Unsere sprachliche Ausrichtung begann bereits in der Ukraine und setzen wir nun in Bremen fort: Wir haben dort bereits Englisch und Deutsch studiert – Mariana im Lehramt, Anna in der Philologie

Schwarz-Weiß-Foto eines kahlen, abgestorbenen Baumes in weiter Landschaft unter dramatischem Himmel – wirkt einsam und still.