Im Einzelnen

Zwischen Paradies und Bedrohung: Erzählte Inseln in der Vormoderne

Die diesjährige Vortragsreihe des IMFF, „Inseln als Orte der Begegnung in der Vormoderne“, ist in das gleichnamige Seminar eingebettet und umfasst drei Vorträge. Der Vortrag von PD Dr. Sonja Kerth behandelt erzählte Inseln im Meer.

Zur Vortragsreihe des IMFF 

Seit mehreren Jahren bietet das IMFF spannende Vorträge für Angehörige und Interessierte der Universität Bremen an. Das IMFF ist im Fachbereich 10 angesiedelt und innerhalb des Instituts arbeiten Mitarbeitende aus verschiedenen Fachbereichen interdisziplinär zusammen. Die Vorträge beinhalten Themenschwerpunkte vor dem 16. Jahrhundert, die vom IMFF nach Interesse ausgewählt werden. Dabei versuchen die Mitglieder des IMFF, vielfältige und abwechslungsreiche Themenschwerpunkte für die Vortragsreihen festzulegen. In der Vergangenheit wurden bereits Vortragsreihen zu den Themen „Unterwegs nach Amerika” und „Begegnungen mit dem Fremden” angeboten.

Die diesjährige Vortragsreihe „Inseln als Orte der Begegnung in der Vormoderne“ ist in das gleichnamige Seminar eingebettet und umfasst drei Vorträge. Der Vortrag von Frau PD Dr. Kerth behandelt erzählte Inseln im Meer. 

Wieso der Themenschwerpunkt „erzählte Inseln im Meer”?

Das Interesse von Sonja Kerth für erzählte Inseln im Meer steht in Verbindung mit dem Forschungsfeld der Blue Humanities. In diesem Zusammenhang erreichte sie ein Call for Papers aus England, woraufhin sie an einer Tagung dort teilnahm. Die Blue Humanities analysieren verschiedene Ausprägungen von Wasser als historische, kulturelle und ökologische Kontaktzonen. In historischer Hinsicht lässt sich festhalten, dass Wasser schon immer als Reise-, Flucht- und Transportweg diente und Raum für unterschiedliche Lebensräume bot. Vor diesem Hintergrund rücken Inseln als von Wasser umschlossene Landmassen besonders in den Fokus.

Inseln sind mehr als geographische Orte

Ein tropisches Urlaubsparadies, die Schönheit der Abgeschiedenheit. Das wird mit Inseln heutzutage verknüpft. Doch das war nicht immer so. In ihrem Vortrag erläutert Frau PD Dr. Kerth drei Perspektiven literarischer Werke auf Inseln. Dafür stellt sie drei Werke aus unterschiedlichen Jahrhunderten vor und zeigt die verschiedenen Betrachtungsweisen von Inseln im Meer auf. 

‚Erec‘ von Hartmann von Aue 

Die erste vorgestellte literarische Perspektive bezieht sich auf das um 1180 entstandene Werk „Erec” von Hartmann von Aue. In diesem Werk wird die Geschichte des jungen Ritters Erec erzählt. Er verliebt sich in eine junge Frau und vernachlässigt daraufhin seine höfischen Verpflichtungen. Diese Versäumnisse beschämen Erec sehr, weshalb er sich entscheidet, seine Ehre durch Abenteuererlebnisse wiederherzustellen. Bei einem dieser Abenteuer gelangt er mit der jungen Frau Enite zur Burg Brandigan, die durch Wasser geschützt ist und über einen paradiesischen Baumgarten verfügt. Das Wasser umgibt die Burg und den Baumgarten. Das Wasser am Fuße der Burg wird dabei als rauschender Fluss beschrieben, der durch eine Schlucht in die Tiefe stürzt. Wenn man in die Schlucht blickt, hat man das Gefühl, in die Hölle zu schauen. Trotzdem entscheidet sich Erec, in die Burg und den Baumgarten zu reiten. Dort kämpft er mit dem dort lebenden Ritter und besiegt ihn. Anschließend verlässt er die Burg und setzt seine Abenteuerreise fort.   

‘Utopia’ von Thomas Morus 

Die zweite vorgestellte literarische Perspektive auf erzählte Inseln ist "Utopia" von Thomas Morus aus dem Jahr 1516. In dem Werk erreicht ein portugiesischer Protagonist die fantastische Insel Utopia. Utopia ist eine zeitlose Insel, die von einer menschlichen Gemeinschaft besiedelt ist. Die Besonderheit dieser Gemeinschaft ist die prinzipielle Gleichheit aller Menschen. Die Insel ist vor dem Einfluss anderer geschützt, allerdings interagieren die Utopier mit anderen Nationen, indem sie Kolonialismus betreiben und Menschen versklaven. Utopia wurde künstlich erschaffen, um die dort lebende Gemeinschaft zu isolieren und eine perfekte Ordnung zu schaffen. Somit ist Utopia ein Staatsexperiment und dient als Gegenstück zum alten England. 

‘Insel des vorigen Tages’ von Umberto Eco 

Bei dem dritten Werk handelt es sich um Umberto Ecos „Die Insel des vorigen Tages“ aus dem Jahr 1995. Die Geschichte spielt im Jahr 1643 und handelt von Roberto, der in Amsterdam an Bord eines Schiffes geht. Das Schiff kentert und Roberto treibt zum gestrandeten Schiff „Daphne“. Dort trifft er den deutschen Forscher Caspar Wanderdrossel. In der Nähe der Daphne befindet sich eine Insel. Auf dieser ist es gestern! Dies erklärt sich dadurch, dass zwischen dem Schiff und der Insel der 180. Längengrad verläuft. Es handelt sich also um die Insel des vorigen Tages. Caspar stellt sich die Insel als einen paradiesischen Ort vor, an dem sich alle Reichtümer der Erde befinden. Er schreibt: „[…] Als wären auf jener Insel alle Formen des Lebens nicht von einem Baumeister oder Bildhauer gestaltet worden, sondern von einem Goldschmied […]“ (S. 302f.). Roberto verliebt sich daraufhin in die Insel.   

Festzuhalten ist, dass die erzählte Insel in Hartmanns „Eric“ gleichzeitig als paradiesisch und als bedrohlich dargestellt wird. Im Gegensatz dazu zeigt das Werk „Utopia“ einen fantastischen Blick auf eine Insel im Meer, die einer real existierenden Welt gegenübersteht. Das dritte Werk, „Insel des vorigen Tages“, knüpft wieder an die paradiesische Perspektive in „Erec“ an, wobei hier zusätzlich die Unerreichbarkeit der Insel thematisiert wird. Allen Texten ist gemein, dass der Fokus auf den Menschen liegt und das Wasser nur eine untergeordnete Rolle spielt.  

Erzählte Inseln in der Diskussion 

In der regen Diskussion, die sich an den Vortrag anschloss, kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, dass alle Protagonist*innen der mittelalterlichen Literatur die Inseln am Ende der Geschichte wieder verlassen. Das Verweilen auf einer Insel scheint demnach keine mittelalterliche Vorstellung gewesen zu sein. Zudem wurde die veränderte Perspektive auf Inseln im Mittelalter und heute thematisiert und es wurde dahingehend die Frage aufgeworfen, ob sich der Blick auf Inseln zur Zeit der Romantik verändert hat. Diese Überlegungen machen deutlich, dass literarische Inselbilder historisch wandelbar sind und je nach Epoche unterschiedlich gedeutet werden. 

Veranstaltungstipp 

Eine weitere literarische Perspektive zu ‘Inseln als Orte der Begegnung‘ bietet Dr. Anna Auguscik am 15.01.2026 an. In ihrem Vortrag wirft sie einen genaueren Blick auf Inseln und Satire in Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“.

Lotte Schmid und Johanna Wagner studieren Grundschullehramt im Master mit großem Fach Deutsch. 

Insel im Meer