Zum Abschluss einer Lesereise durch Norddeutschland, die durch die Familie-Mehdorn-Stiftung initiiert wurde, kam der renommierte französische Autor Azouz Begag auch nach Bremen. Am 29. April 2026 um 16 Uhr las er im Rahmen eines LitLabs des FB 10 exklusiv vor etwa 60 Bremer Schüler*innen und Studierenden im Klangraum der Weserburg Museum für moderne Kunst aus seiner jüngsten Veröffentlichung Né pour partir (2023) und kam anschließend mit dem Publikum darüber ins Gespräch. Das Buch erzählt die wahre Geschichte von Mamadou Sow, der mit 15 Jahren Guinea verlässt, um sich auf den Weg nach Europa zu machen. Das Werk wurde mit dem Prix des Lycéens 2025 ausgezeichnet und von vielen jungen Französischlernenden gelesen und diskutiert – davon profitierte auch das LitLab bei einem lebendigen Austausch mit zahlreichen Fragen aus dem Publikum.
Zu Beginn der Lesung kreiste das Gespräch zwischen dem Autor und der Moderatorin Myriam Macé um die Parallelen in den Lebensgeschichten von Sow und Begag. Denn letzterer schildert bekanntermaßen in seinem autobiographischen Roman Le gone du Chaâba (1986) seine Kindheit als Sohn algerischer Einwanderer in einem sehr armen Vorort von Lyon, wobei sein Wille zum Erfolg im Leben trotz aller äußeren Widrigkeiten – ganz wie bei Sow – nie erlosch. Den Anstoß zu Fleiß und Wissbegier erhielten beide Jungen dabei durch ihre Väter. Einige Jahrzehnte später kehrte Begag 2019 im Rahmen eines schulischen Schreibprojekts in diesen altvertrauten Stadtteil zurück. Die Fluchtgeschichte des damaligen Schülers Mamadou Sow berührte ihn so sehr, dass sie zur Grundlage von Né pour partir wurde.
Doch wie ist dieses kollaborative Werk nun genau entstanden? Wir erfahren, dass die beiden zunächst in einem gemeinsamen Prozess das Fragens und Antwortens immer tiefer in die bewegenden Erlebnisse Sows einstiegen. Ob Sow dabei tatsächlich jeden dunklen Winkel seiner traumatischen Vergangenheit ausleuchtete, lässt sich verständlicherweise bezweifeln. Vielmehr handelt es sich um eine hybride Erzählform aus Sows Zeugnisbericht und fiktionalen Elementen aus der Feder Begags - ein literarischer Balanceakt zwischen Realitätsnähe und künstlerischer Freiheit also. Für Begag bestand die Herausforderung in erster Linie darin, für den Jungen – im Buch nicht Mamadou, sondern Kali – eine authentische Stimme zu finden. Dass sich dadurch sein eigener Schatten in die Geschichte einschreibt, z.B. durch wiederkehrende Metaphern oder die namenlose Figur eines weisen Schriftstellers, sei Teil des literarischen Spiels.
Das Buch entpuppt sich somit als Paradebeispiel für eine narratologische Lektion: Der histoire(WAS?) – den von Mamadou Sow erlebten Fakten – steht der discours (WIE?), also die Art und Weise des Erzählens von Azouz Begag, gegenüber. Doch letztlich scheint sich beides unauflöslich miteinander zu vermischen: Ein Teil Begags schreibt sich in Sows Geschichte ein, während umgekehrt auch dessen Zeugnis Begags eigene Erzählweise geprägt haben dürfte – denn ohne témoignage kein récit.
Abgesehen von solchen literaturwissenschaftlichen Einblicken und spannenden Hintergrundinformationen kam das Publikum natürlich auch in den Genuss einiger packender, von Azouz Begag vorgetragener Textpassagen – eine Kunst, die er geradezu meisterhaft beherrscht.
Alles in allem also ein großes Vergnügen für Ohren, Augen und Synapsen – merci beaucoup pour cet après-midi littéraire, Monsieur Begag!
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Eine Kooperationsveranstaltung von CaNoFF, der jungen globale°, der Universität Bremen und der Weserburg Museum für moderne Kunst.
Gefördert durch die Dekanin des FB 10 und das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW). / Soutenu par l'Office franco-allemand pour la Jeunesse (OFAJ).
Mit freundlicher Unterstützung der Familie Mehdorn Stiftung.



