Zum Hauptinhalt springen

Abgeschlossene Forschungsprojekte

GemSe Logo

GemSe

GemSe - Gemeinschaft und soziale Heterogenität in Eingangsklassen reformorientierter Sekundarschulen

Das Projekt "GemSe - Gemeinschaft und soziale Heterogenität in Eingangsklassen reformorientierter Sekundarschulen" wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Forschungsschwerpunkts "Chancengerechtigkeit und Teilhabe. Sozialer Wandel und Strategien der Förderung" und ist ein Verbundprojekt der Universitäten Bremen (Prof. Dr.  Norbert Ricken und Prof. Dr. Till-Sebastian Idel), Göttingen (Prof. Dr. Kerstin Rabenstein) und der TU Berlin (Prof. Dr. Sabine Reh).


Das GemSe-Team im Arbeitsbereich Schultheorie/-forschung der Universität Bremen:

Prof. Dr. Till-Sebastian Idel (Projektleitung)

Anna Schütz (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)

Alexander Meinert (Studentische Hilfskraft)


Die pädagogische Gestaltung des Strukturwandels der Sekundarschule und das Problem der Heterogenität

Eine bedeutende Entwicklungstendenz des deutschen Bildungssystems in den letzten Jahren ist die Integration der verschiedenen Bildungsgänge der Sekundarstufe I in neuen Schulformen, die bundesweit durch eine Vielfalt an schulorganisatorischen Konzepten und Bezeichnungen der neuen Schultypen gekennzeichnet sind. In nahezu allen Bundesländern wurde die Hauptschule als eigenständige Schulform aufgelöst und der Haupt- und Realschulbildungsgang in integrativen Schulen der Sekundarstufe I teils unter Einbezug des gymnasialen Bildungsgangs zusammengefasst. Die Schulstruktur verdichtet sich so vielerorts zur Zweigliedrigkeit: Neben den etablierten Gymnasien existieren je nach Bundesland Schulformen, die bis zum mittleren Bildungsabschluss alle Schullaufbahnoptionen offenhalten und zum Teil über eigenständige gymnasiale Oberstufen verfügen. Mit der flächendeckenden Einführung der Oberschule einerseits und der Entwicklung des Gemeinschaftsschulkonzeptes andererseits - beides Modelle, die alle Bildungsgänge anbieten - markieren die Bundesländer Bremen und Berlin sehr weitreichende Formen dieser Transformation der Schullandschaft.

Die strukturelle Reform des Schulsystems wirkt sich auch auf die soziale Zusammensetzung von Lerngruppen aus, die in Abhängigkeit von den sozialstrukturellen Gegebenheiten der Standorte und Schulbezirke wesentlich heterogener als bisher sein können. Insbesondere Schulen mit einer stark sozial gemischten Schülerschaft stehen daher vor der Aufgabe, für den Umgang mit Heterogenität und Differenz sensible Lern- und Schulkulturen zu entwickeln. In unserem Forschungsprojekt interessieren wir uns für Einzelschulen, die diese Anforderungen durch spezifische, pädagogisch wie didaktisch besonders profilierte Konzepte bearbeiten. Mit den Methoden ethnographischer Feldforschung soll untersucht werden, wie mit sozialer Heterogenität im Unterrichtsalltag umgegangen wird. Wir fokussieren das soziale Geschehen innerhalb von Lerngruppen in der Eingangsstufe von vier Einzelschulen (je zwei in beiden Bundesländern), die in besonderer Weise herausgefordert sind, Gemeinschaften zu etablieren und dabei Formen individualisierten und gemeinsamen Lernens in eine konsistente konzeptionelle Verbindung zu bringen und in einer gestalteten pädagogischen Praxis zu balancieren.


Forschungsinteresse und Forschungsfragen

Wir fragen nach der pädagogischen Gestaltung des Strukturwandels und der "Übersetzung"  sozialer Differenzen in die pädagogische Organisation der Schule durch die Akteure in den Einzelschulen und fokussieren dabei folgende Fragenkomplexe:

1. Der Aufbau pädagogisch sozialer Ordnung und die Entstehung von Gemeinschaft

Wir fragen, wie und mit Hilfe welcher Maßnahmen in den vorerst institutionell hergestellten Lerngruppen ein sozialer Verbund und Gemeinschaften unterschiedlicher Ausprägung entstehen. Wie werden Positionen und Zugehörigkeiten der Schüler/innen sozial ausgehandelt und pädagogisch gefördert? Welche (pädagogischen und sozialen) Ordnungen werden etabliert?

2. Die Reproduktion und Produktion von Differenzen

Wie wird in den neu gebildeten Lerngruppen im pädagogischen Handeln einerseits und im Umgang der Schüler/innen mit- bzw. untereinander andererseits auf Differenzen reagiert? Welche Differenzen werden als bedeutsam wahrgenommen, wie werden sie bearbeitet und sowohl aufgehoben als auch reproduziert? Wie werden womöglich neue Differenzen hergestellt?

3. Die pädagogische Praxis als Anerkennungsgeschehen

Wie werden Schüler/innen im pädagogischen Handeln auf eine bestimmte Art angesprochen, als wer werden sie adressiert, klassifiziert und dadurch konstituiert? Welche unterschiedlichen Normen von Anerkennbarkeit werden im pädagogischen Umgang mit Schüler/innen, in Reaktionen auf sie und wahrgenommene soziale Differenzen etabliert?


Forschungsstil und Forschungsplan

Im Projekt GemSe sollen über einen Zeitraum von zwei Schuljahren (2011/12 und 2012/13) vier Einzelschulen, zwei in Bremen und zwei in Berlin, untersucht werden, die die soziale Heterogenität ihrer Schülerschaft als im schulischen Alltag pädagogisch zu bearbeitende Aufgabe anerkennen, einen angemessenen, nicht abwertenden Umgang mit sozialen Differenzen anstreben und neue Anforderungen durch eine Individualisierung des Unterrichts und pädagogische Maßnahmen der Gemeinschaftsbildung bearbeiten.

In den vier ausgewählten Schulen werden je zwei Lerngruppen beobachtet, die eine starke soziale Mischung ihrer Schülerschaft aufweisen und sich als Eingangsklassen der jeweiligen Schulform erst als Gruppe neu konstituieren. Die ausgewählten Lerngruppen werden im Sinne eines ethnographischen Forschungsdesigns über zwei Jahre intensiv begleitet.

Expertise Inklusion

Das Projekt ist Teil der Evaluation der Bremer Schulstrukturreform, die in 2017 durchgeführt wird. Im Projekt wird eine Expertise zum Stand des Inklusionsprozesses in Bremen erstellt. Ziel ist es, den Entwicklungsstand und die Entwicklungsprobleme der Umsetzung des 2009 begonnenen Inklusionsprozesses in den Bremischen Oberschulen zu beleuchten und Empfehlungen für die weitere Entwicklungsarbeit zu geben. Der Schwerpunkt der Expertise liegt auf einer explorativen Analyse der Inklusionspraxis und des Gestaltungshandelns zentraler schulischer Akteure in sechs ausgewählten Bremer Oberschulen, die um einzelne weitere Interviews mit Funktionsträgern und professionsverbandlichen Repräsentant_innen ergänzt wurden. Im Zentrum der Untersuchung stehen die mit der Schulreform neu geschaffenen Kooperations-, Leitungs- und Unterstützungsstrukturen: die in jeder Einzelschule angesiedelten Jahrgangsteams und Zentren für unterstützende Pädagogik (ZuP) sowie die auf intermediärer Ebene angesiedelten Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren (ReBUZ).