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Vorträge

Vortrag 1 – Mittwoch, 08.05.2019, 19:00 Uhr

Daniela Berghahn (London)

Weit verstreut doch eng verbunden

Diasporafamilien im zeitgenössischen europäischen Kino

Filmische Konstruktionen von Diasporafamilien leisten einen wichtigen Beitrag zu kontroversen gesellschaftspolitischen Debatten über Einwanderung, ethnische Vielfalt und den Erfolg oder Misserfolg multikultureller Gesellschaften, indem sie vorherrschende Medienbilder entweder bestätigen oder vehement infrage stellen. Da das Kino gesellschaftliche Konflikte und historische Übergänge häufig indirekt anhand von Familiengeschichten darstellt, versinnbildlicht die Diasporafamilie auf der Leinwand die Ambivalenzen, mit denen europäische Gesellschaften auf eine wachsende ethnische Vielfalt reagieren.

Der Vortrag untersucht die filmische Darstellung von Familien mit Migrationshintergrund und zeigt, dass die Erfahrung transnationaler Mobilität die bedeutendste Koordinate ist, auf der die Andersartigkeit der Diasporafamilie verortet wird. Da diasporische Identitäten vor allem räumlich codiert sind, stellen diese Filme Familien in Bewegung dar: Sie überqueren nationale und symbolische Grenzen auf Reisen von und in ihre „Heimat“ und auf der Suche nach ihrer kulturellen Identität. Damit bieten sie Erklärungsmodelle an für die spezifische Dynamik innerhalb der Diasporafamilie und für ihr spannungsreiches Verhältnis zum Herkunfts- und Wohnsitzland.

Daniela Berghahn ist Professorin für Filmwissenschaft im Department of Media Arts und stellvertretende Dekanin für Forschung der University of London, Royal Holloway College. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. das deutsche Kino der Nachkriegszeit, sowie diasporisches und transnationales Kino.

Vortrag 2 – Donnerstag, 09.05.2019, 16:30 Uhr

Annette Brauerhoch (Paderborn)

Demontagen, Reinszenierungen

Familie, Geschichte und filmische Form

Ein Baby schreit erbarmungslos, eine Kühlschranktür fällt schwer ins Schloss, ein Mann verlässt das Haus. „He’s mad, because I am here“, sagt Wanda, die Streunende, die Kinder und Mann verlässt und auf dem Sofa übernachtet: Sie passt nicht in dieses Ensemble, das jämmerlich ist, aber eine vollständige Familie bildet. (Wanda, R: Barbara Loden, USA 1970)

In den 1970er und -80er Jahren werden Familienstrukturen als repressive Lebenszusammenhänge vor allem von einer neuen Generation Filmemacher*innen in den Blick genommen, die sich mit den Anliegen der neuen Frauenbewegung verbündet und identifiziert. Immanent finden dabei nicht nur Auseinandersetzungen mit Rollenbildern und Lebensgemeinschaften statt, sondern auch mit filmischen Genres und deren Reproduktion von Familie und Familienbildern. Nicht nur im experimentellen Bereich finden Defamiliarisierungen familiärer Räume oft mittels Home Movies statt, dem Format, das vorwiegend patriarchalen Familienentwürfen diente. Spielfilme begeben sich auf Spurensuche zur Rolle von (politischer) Geschichte für Familienverbände, und die besondere Rolle, die innere wie äußere Bilder dabei spielen. Die Auseinandersetzung mit repressiven gesellschaftlichen Lebensformen verbindet sich mit filmischen Anliegen: mit der Schaffung anderer Zeitlichkeiten und neuer filmischer Räume, die weibliche Erfahrungen in Familienstrukturen exponieren.

Annette Brauerhoch ist Professorin für Filmwissenschaft an der Universität Paderborn, langjährige Mitherausgeberin von Frauen und Film und Initiatorin der 16mm-Experimentalfilmsammlung mit Filmen von Frauen an der Universität Paderborn.

Archivprojekt – Freitag, 10.05.2019, 16:30 Uhr

Ivan und seine Brüder

16mm-Filme der Familie Illich (1936–42)

Michael Loebenstein und Ingo Zechner zeigen unbekanntes Filmmaterial aus der Jugend des ehemaligen Bremer Professors Ivan Illich. Das Material stellt eine außergewöhnliche Entdeckung dar. Es enthält exklusive Aufnahmen aus einer privaten Perspektive unter zwei Diktaturen und wurde kürzlich von Ivan Illichs Nichte Yvonne Illich dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. übergeben. Historisch aufgearbeitet, wird es nun erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt. Das ausgewählte Archivmaterial wird mit kurzen Einführungen vorgestellt und mit Yvonne Illich, Lindsay Zarwell und Michaela Scharf diskutiert.

Michael Loebenstein, Filmhistoriker und Kurator, ist Direktor des Österreichischen Filmmuseums in Wien. 2011–2017 war er Leiter des National Film and Sound Archive in Australien.

Ingo Zechner, Historiker und Philosoph, ist Leiter des Ludwig Boltzmann Institute for Digital History (LBIDH) in Wien. Er war von 2003–2008 Leiter der Anlaufstelle für jüdische NS-Verfolgte in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und von 2011–2016 gemeinsam mit Michael Loebenstein Leiter des Projekts „Ephemere Filme: Nationalsozialismus in Österreich“.

Yvonne Illich ist die Tochter von Ivans Bruder Sascha Illich und mit der Rekonstruktion der Familiengeschichte befasst.

Michaela Scharf ist Historikerin und seit 2010 wissenschaftliche Mitarbeiterin am LBIDH. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis von Politik und privatem Leben in österreichischen Amateurfilmen aus dem Nationalsozialismus.

Lindsay Zarwell ist seit 2000 Filmarchivarin im United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C.

Ivan Illich, geb. 1926 in Wien, gest. 2002 in Bremen, römisch-katholischer Priester, Theologe, Philosoph und Autor, wuchs gemeinsam mit seinen beiden, zwei Jahre jüngeren Zwillingsbrüdern Sascha und Micha in Wien auf. Die drei Brüder lebten mit ihrer Mutter von 1932 bis zur Flucht vor den Nazis nach Italien 1942 in der Villa ihres Großvaters Friedrich Regenstreif. Eine behütete Kindheit, die Villa Regenstreif im Wiener Pötzleinsdorf („Unser Pötz“), das großbürgerliche Milieu und der plötzliche Einbruch der politischen Realität stehen im Mittelpunkt der Filme, die ihre Mutter gedreht hat: auf 16mm, in Schwarzweiß und in Farbe, sorgfältig geschnitten und mit Titeln und Zwischentiteln versehen. Ellen Rose Illich, geb. Regenstreif, Künstlername Maexie, evangelisch getauft, mit einem Katholiken verheiratet, aber aus einer jüdischen Familie stammend: Sie ist der Kristallisationspunkt einer Familiengeschichte, die zwei Generationen später anhand ihrer Familienfilme neu geschrieben wird: als eine jüdische Familiengeschichte.

Nach ereignisreichen Stationen u.a. im Vatikan, in New York, in Cuernavaca, Mexiko, und in Berlin war Ivan Illich von 1991 bis zu seinem Tod im Jahr 2002 Gastprofessor der Universität Bremen im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften. Er unterhielt ein enges freundschaftliches Verhältnis mit Johannes Beck und weiteren Persönlichkeiten der noch jungen Universität. 1998 erhielt er den renommierten Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen.

In Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum Wien, dem Ludwig Boltzmann Institute for Digital History Wien, dem United States Holocaust Memorial Museum Washington D.C. und dem EU Horizon 2020-Projekt Visual History of the Holocaust: Rethinking Curation in the Digital Age.

Aktualisiert von: Steven Keller