Filmprogramm

LA MUJER SIN CABEZA

Rei Pictures

Di. 5.5. / 18:00 
Die Frau ohne Kopf, F/ARG/IT 2008, Regie: Lucrecia Martel, mit Maria Onetto, 87 Min., OmU         

Nach einem vermeintlichen Autounfall ist Verónica überzeugt, jemanden überfahren zu haben. Doch am Straßenrand finden sich nur ein toter Hund und das diffuse Gefühl, etwas Unaussprechliches begangen zu haben. In verstörend präziser, subjektiver Erzählweise entfaltet der Film ein Porträt von Verleugnung, schleichender Desorientierung und der Krise einer Frau wie auch einer Gesellschaft, in der Verantwortung und Wahrnehmung brüchig werden.

Mit freundlicher Unterstützung des Instituto Cervantes Bremen als Teil der kleinen Werkschau Lucrecia Martel

 

STILL LIFE

Paradise City Sales

MI 6.5. / 15:00                                                                                                             
CN 2006, Regie: Jia Zhangke, mit Zhao Tao, Han Sanming, 108 Min., OmengU          
* mit Einführung von Felix Hasebrink 

Ein Mann sucht seine Ehefrau, eine Frau sucht ihren Ehemann. Jia Zhangkes Film injiziert dieser schablonenhaften Handlung neues Lebensblut, indem er beide Suchbewegungen vor dem Hintergrund eines ganz bestimmten geschichtlichen wie geografischen Moments inszeniert. Zhao Tao und Han Sanming irren nämlich durch Fengjie - die Stadt der Szechuan-Provinz, die bald den Wassermengen des epochalen Drei-Schluchten-Damms zum Opfer fallen wird, und schon jetzt systematisch abgetragen wird. Beide Protagonist*innen können ihre Eheleute nicht finden, da es die Adressen längst nicht mehr gibt. 

Gekonnt verknüpft Still Life dokumentarische Landschafts-, Architektur-, und Stadtaufnahmen im Großformat mit einer Ge- schichte, die über die menschlichen und sozialen Konsequenzen inmitten solch gravierender Umwälzungen berichtet. 

„Überhaupt ist ‚Still Life‘ ein Film des phänomenologischen Blicks: Wer glaubt, dass nicht viel passiert, weil die Handlung nur langsam fortschreitet und sehr überschaubar bleibt, hat womöglich nicht richtig hingeschaut.“ (Hans Jörg Marsilius, Filmdienst)


Content Note: Körperliche Auseinandersetzung, dargestellter Todesfall 

JEANNE DIELMAN

Fondation Chantal Akerman
Fondation Chantal Akerman

MI 6.5. / 20:30                                                                                                            
B/F 1975, Regie: Chantal Akerman, mit Delphine Seyrig, 201 Min., OmU
* mit Einführung von Eva Kuhn

Kochen, Waschen, Putzen, Einkaufen – all diese täglichen Verrichtungen fallen normalerweise dem Schnitt zum Opfer. Bei Chantal Akerman bilden die vermeintlich trivialen Dinge der Hausarbeit nicht nur den Aufgabenbereich, sondern strukturieren auch Zeit und Raum der Titelfigur (Delphine Seyrig) und des Films. Jedoch gerät die anfangs noch makellose Alltagschoreografie mehr und mehr ins Straucheln. Durch die minutiöse Beobachtung der immergleichen Routine in meist frontaler Draufsicht muten die kleinsten Störungen – ein fallengelassener Löffel hier, ein überschäumender Topf dort – wie ein Großereignis an. Unerwähnt lassen sollte man auch den mal subtilen, mal grotesken Humor ebenso wenig wie die untergründige Beklemmung, die Seyrig hinter Jeannes kleinbürgerlicher Fassade aufrechterhält. 

„Akerman’s unwavering and completely luminous adherence to a female perspective combined with her uncompromising and completely coherent cinema to produce a film that was both feminist and cinematically radical.“  (Laura Mulvey, 2022)


Content Note: Darstellungen von Sexarbeit, Mord 

FORMEN MODERNER ERSCHÖPFUNG

Corso Filmproduktion

DO 7.5. / 15:00
D 2024, Regie: Sascha Hilpert, mit Birgit Unterweger, Rafael Stachowiak, 118 Min 
*anschließend (17:30): Regisseur Sascha Hilpert (Berlin) im Dialog mit Birgit Kohler (Berlin) und Tobias Dietrich (Bremen) 

1900 ließ der Philologe und Mediziner Dr. Friedrich Barner in Braunlage im Harz ein Sanatorium im Stil eines Grand Hotels gestalten. Die Architektur sollte den medizinischen Betrieb mit einer erholsamen Atmosphäre verbinden. Formen moderner Erschöpfung zeichnet das Porträt dieser Klinik. Die dort arbeitenden Therapeut*innen und Pfleger*innen spielen sich selbst, während Birgit Unterweger und Rafael Stachowiak die fiktiven, erschöpften Patient*innen Nina und Henri verkörpern. Wir sehen sie in der Gesprächs-, Kunst- und Tanztherapie, in der Liegekur und auf Waldspaziergängen. Unterdessen erkundet die reale Historikerin Sarah Bernhardt die Klinik für ihre Dissertation Neurasthenie und Burnout. Formen der Erschöpfung in der Moderne. Briefe im Voice Over bezeugen historische Aufenthalte u.a. von Lily, der Ehefrau von Paul Klee im Jahr 1932. 

Birgit Unterweger erhält Preis für Bestes Schauspiel:                                                                        
„Ihr Spiel ist präzise, leise, aber voller Kraft. Ohne Klischees, ohne Pathos erschafft sie ein nuanciertes Porträt einer Frau am Rand [...]. Sie bringt eine ungeheure Präsenz mit, macht jede Regung spürbar, jeden Widerstand verständlich. Und gerade da, wo man Schwere erwartet, überrascht sie mit Humor“ (achtung berlin filmfestival 2025) 

TOO MUCH | TOO FAST | TOO GOOD

Sixpack
FILM-M4

DO 7.5. / 20:30
* Kurzfilmprogramm kuratiert und vorgestellt von Christine Rüffert, ca 100 min. 

Das experimentelle Kino neigt durch seine Abkehr von den Konventionen des Mainstream dazu, seine Zuschauerschaft zu überfordern. Dies kann wie beiläufig durch den Bruch mit Darstellungs- und Erzählkonventionen geschehen, aber auch methodisch angelegt sein durch ausgeklügelte Wahrnehmungsstudien. Das Programm zeigt eine Vielfalt an provokanten Methoden, durch audiovisuelle Mittel das Nervensystem herauszufordern. 

Zu sehen sind die augenzwinkernde Bierwerbung eines der ein- flussreichsten Aktivisten der „Filmavantgarde“ und das in legendärer Found Footage Montagetechnik dekonstruierte Genrekino des Western. Ein autobiographischer Erzählstrom beschwört trotz seiner fließenden Ruhe emotionale Verstörung herauf, unklare Ton-Bild-Verhältnisse führen zur Irritation unseres Sprachzentrums und ein geraffter Dollyzoom verwandelt einen verträumten Wald in ein lichtblitzendes Farbspektakel. 

Die Filme: 

Schwechater // Peter Kubelka // A 1958, 1:00, ohne Dialog                             
Instructions for a Light and Sound Machine // Peter Tscherkassky // A 2005, 17:00, ohne Dialog
Ich hätte lieber einen anderen Film gemacht // Suse Itzel // D 2024, 23:32, dt. OmengU
Associations // John Smith // UK 1975, 6:30, engl. OV
Vertigo Rush // Johann Lurf // A 2007, 19:00, ohne Dialog 

Content Note: Flicker 

ILO ILO

Paradise City Sales
Paradise City Sales

FR 8.5. / 15:00                                                                                                         
SGP 2013, Regie: Anthony Chen, mit Chen Tianwen, Yeo Yann Yann, Koh Jia Ler, Angeli Bayani, 99 Min., OmU
*mit Einführung von Heike Klippel

Vor dem Hintergrund der Asien-Finanzkrise der 1990er Jahre stellt die Familie Lim in Singapur die philippinische Haushalts- hilfe Teresa ein. Obwohl die eigene wirtschaftliche Lage der Familie angespannt ist, bleibt die Unterstützung im Haushalt notwendig, wenn beide Eltern arbeiten. Im beengten Zuhause verdichten sich Spannung und Distanz. Anthony Chen erzählt in ruhigen, beobachtenden Bildern vom Alltag einer Familie unter Druck: von überforderten Eltern und ihrem Sohn Jiale, der auf ihre Abwesenheit mit Widerstand reagiert. Zwischen den kühlen Bildräumen entsteht zugleich eine zarte Verbindung; aus anfänglichem Misstrauen wächst zwischen Teresa und Jiale vorsichtiges Vertrauen. Ilo Ilo wird zu einer universellen Beobachtung darü- ber, wie Menschen im Privaten auf schwierige äußere Umstände reagieren, die sich ihrer Handlungsmacht entziehen. 

This remarkably tense movie doesn’t waste a word or an image. It refuses to linger over each little crisis its characters endure. And its detachment lends a perspective that widens the film’s vision of people reacting to events beyond their control. (Stephen Holden, The New York Times) 

Content Note: Tierleid und Tiertötung, Gewalt gegen Kinder, Suizid 

IT

Park Circus

FR 8.5. / 19:00                                                                                                          
Das gewisse Etwas, USA 1927, Regie: Clarence G. Badger, mit: Clara Bow, Antonio Moreno, William Austin, 72 Min.
* mit Einführung von Winfried Pauleit
** Livemusik: Eunice Martins 

Von Berlin bis New York eröffneten die Metropolen der 1920er Jahre neue Möglichkeiten. Junge Frauen widersetzten sich selbst- bewusst den Konventionen, trugen kurze Haare, schminkten sich, rauchten und tranken. In der Stummfilmkomödie It verkörpert Betty Lou Spence genau diesen Typus. Als Verkäuferin verliebt sie sich in ihren wohlhabenden Chef Cyrus Waltham Jr. Ihr „gewisses Etwas“ erlaubt es ihr, Klassen- und Geschlechtergrenzen zu überwinden. Doch ein Missverständnis um ein vermeintlich uneheliches Kind macht die Grenzen dieser Möglichkeiten sichtbar. Die Figur bewegt sich zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Machtstrukturen – ein Spannungsfeld, das bis heute erstaunlich aktuell wirkt. 

Die Rolle als Betty Lou machte Clara Bow zum Star und brachte ihr den Ruf als erstes „It-Girl“ New Yorks ein. Die Liebeskomödie von Clarence G. Badger basiert auf einer Vorlage von Elinor Glyn und wurde 2001 in das National Film Registry aufgenommen 

„‘IT’ is that quality possessed by some which draws all others with its magnetic force. With ‘IT’ you win all men if you are a woman — and all women if you are a man. ‘IT’ can be a quality of the mind as well as a physical attraction.“ (Elinor Glyn, Intertitle, IT 1927) 

“Elinor Glyn’s name and the title ‘It’ are in themselves a valuable introduction to a production. The attractive Clara Bow, with her charm, is a focal point of this film. Consequently, any story serves such a film, and the producers have not departed from this chosen successful course.“ (Mordaunt Hall, The New York Times, 1927) 

Eunice Martins ist Komponistin und Pianistin und komponiert für Ensemble, Film, VR und Sound Design. Sie ist Gast bei zahlreichen internationalen Festivals, Theatern und Kinematheken und seit 2000 Hauspianistin des Arsenal – Institut für Film und Videokunst. www.eunicemartins.eu

LA COCINA

SquareOne
SquareOne

FR 8.5. / 20:45                                                                                                             
La Cocina - Der Geschmack des Lebens, MEX/USA 2024,
Regie: Alonso Ruizpalacios, mit: Rooney Mara, Raúl Briones, 139 Min., OmU
*mit Einführung von Petra Löffler 

Hinter den Kulissen eines großen Touristenrestaurants am New Yorker Times Square verdichten sich Arbeit, Zeitdruck und so- ziale Verhältnisse zu einem permanenten Ausnahmezustand. Alonso Ruizpalacios bringt mit La Cocina eine Adaption von The Kitchen, dem ikonischen Theaterstück von Arnold Wesker, auf die Leinwand. In unerbittlichem Rhythmus entfaltet der Film das Innenleben einer Küche, in der persönliche Dramen und soziale Spannungen auf engstem Raum kollidieren. Grenzen spielen dabei eine zentrale Rolle: Zwischen Front und Back of House, zwischen Körperkraft und Erschöpfung, zwischen Menschen mit und ohne amerikanischen Pass. Der Film zeigt den Zustand sei- ner Figuren als genau das – einen Umstand, eine Gegebenheit. In- mitten der harten Arbeit versuchen sie, ein Gefühl für sich selbst und für Gemeinschaft zu finden. 

„A chaotic symphony of nearly two dozen characters, this black-and-white indie confection (garnished with sparing touches of color) mixes biting social critique with stylistic bravura.“ (Peter Debruge, Variety)


Content Note: Verbale Aggression, Schwangerschaftsabbruch 

LA CIENAGA

Lita Stanic
Lita Stanic

SA 9.5. / 14:00                                                                                                           
Der Morast, ARG/F/E 2001, Regie: Lucrecia Martel, mit Mercedes Morán, Graciela Borges, Martin Adjemián, 102 Min., OmU
* mit Einführung von Natalia Christofoletti Barrenha 

Zähflüssig ziehen die Sommertage durch das ländliche Anwesen einer oberen Mittelschichtsfamilie, die nichts weiter tut, als sich träge am modrigen Pool zu betrinken. Langsam entfalten sich al- lerorts Konflikte: Die Wohlhabenden liegen im Clinch mit denen, die sie bedienen, als auch mit Indigenen und ihren Angehörigen. La Cienaga arbeitet dabei entschieden mit Desorientierungsstra- tegien, um ein diffuses, allgegenwärtiges Gefühl der Bedrohung zu kreieren: Die Kamera ist meist so nah, dass Silhouetten und Bewegungen oft nur angeschnittenen sichtbar sind, wenn sie nicht drohen, in der geringen Tiefenschärfe zu verschwimmen. Ebenso entzieht der Film seinem Publikum eine klare räumliche Orientierung und setzt auf eine fragmentarische Montage und evokatives Sound-Design. 

„La cienaga ist ein schönes Beispiel für ein jüngeres Kino, das sich nicht von internationalen Storyvorschriften einschüchtern lässt und selbstbewusst unsentimental, ‚zwiespältig‘ und fleischlich ist. [...] Das Fehlen dieser Zwänge erlebt man in diesem Film als große Befreiung.“ (Manfred Hermes, der Freitag) 

Content Notes: Blut/Verletzungen, Alkoholmissbrauch, Tiergewalt, Todesandeutung 

Mit freundlicher Unterstützung des Instituto Cervantes Bremen

ZAMA

The Match Factory

Mo 11.5. / 18:00                                                                                              
ARG/BRA/E/ 2001, Regie: Lucrecia Martel, mit Daniel Giménez Cacho, Lola Duñeas, 115 Min., OmU                                                                                                                                                               
In der späten Kolonialzeit des 18. Jahrhunderts wartet der Beamte Don Diego de Zama fern seiner Familie auf eine erhoffte Versetzung aus einem abgelegenen Außenposten der spanischen Krone. Je länger seine Bitte unbeantwortet bleibt, desto deutlicher wird Sinnlosigkeit seiner Lage. Der Film zeichnet in eindringlichen, oft halluzinatorischen Bildern das Ausharren, die Frustration und den Zerfall eines Mannes und eröffnet dabei eine Reflexion über Macht, Sehnsucht und den Abgrund kolonialer Ordnung.

Mit freundlicher Unterstützung des Instituto Cervantes Bremen als Teil der kleinen Werkschau Lucrecia Martel