Filme hören und sehen
Akustische Gestaltung und audiovisuelle Erfahrung
31. Internationales Bremer Symposium zum Film, 18.-22.5.2027
Ton im Film ist ein vielseitiges Gestaltungsmittel mit ästhetischer, narrativer, emotionaler, atmosphärischer und räumlicher Funktion. Die auditive Ebene ist zudem Teil einer komplexen Filmerfahrung. Die gestalterische Vielfalt und die Komplexität der Hör-Erfahrung kennzeichnen Film und Kino nicht erst seit Einführung des Tonfilms. Stummfilme wurden immer schon begleitet von Kommentatoren, Geräuschemachern, Musikern oder Musikeinspielungen. Mit der Einführung von Surround Sound, Sound Design und später mit der Digitalisierung der Tonproduktion hat sich das Gestaltungs- und Erfahrungsspektrum nochmals erheblich erweitert. Seit den 1990er Jahren hat auch die Filmwissenschaft der Bedeutung des Tons stärkere Beachtung geschenkt: Bedeutsame Theorieansätze zum Ton (u.a. Chion 1990, Altman 1992, Flückiger 2001) haben sich inzwischen als Grundlagenwissen etabliert. Gleichwohl lässt sich auch heute noch ein Ungleichgewicht bei den unterschiedlichen Zugangsweisen zum Film konstatieren, in der Bild und Narration nach wie vor eine Priorisierung vor dem Ton erfahren. Mit dem Thema "Filme hören und sehen" widmet sich das Bremer Symposium explizit dem vielschichtigen Spektrum der akustischen Gestaltung des Films. Wechselwirkung des Auditiven mit Bild und Narration sind dabei ebenso von Interesse wie die sich wandelnde audiovisuelle Erfahrung und die Reflexion der bisherigen Theoriebildung zum Ton.
Im Zentrum des Symposiums stehen Fragen nach den ästhetischen, technischen, historischen und theoretischen Bedingungen von Ton im Film: Wie wird Ton auf Seiten der Produktion im Wechselspiel der unterschiedlichen Akteure konzipiert und realisiert? Wie strukturieren Geräusche, Stimmen, Musik oder atmosphärische Klangräume filmische Wahrnehmung? Wie kann Ton von Seiten der Zuschauenden gehört und in seiner Vielschichtigkeit und Wechselwirkung mit Bild und Narration erfasst und entziffert werden? Und wie findet sich im Nachgang eine adäquate Sprache zur Beschreibung der spezifischen Filmerfahrung von Hören und Sehen? Schließlich: Wie verändert der mediale Wandel, d.h. die digitale Produktions-, Speicher- und Wiedergabetechnologie das Verhältnis von Ton, Bild und Text, deren vielfältige Gestaltungsarbeit und die daraus folgende audiovisuelle Erfahrung?
Das Sehen wurde (neben dem Lesen des Films) häufig als dominante Wahrnehmungsform von Film und Kino verstanden. Die Konzeptionen von Film als Bildkunst und Bewegungs-Bild zeugen davon, wie auch die Etablierung eines filmwissenschaftlichen Textparadigmas im Zuge des Strukturalismus und Post-Strukturalismus. Die Bedeutung des Hörens in der Filmwahrnehmung wurde demgegenüber lange Zeit vernachlässigt. In seinem Buch „Hearing the Movies: Music and Sound in Film History“ (2010) zeigt James Buhler, dass die Geschichte des Films immer auch als Geschichte des Hörens begriffen werden muss, da Musik, Geräusch und Stimme wesentlich an der Strukturierung filmischer Räume und narrativer Prozesse beteiligt sind. Dabei rückt Buhler insbesondere die Wechselwirkung von technologischer Entwicklung, ästhetischer Praxis und kultureller Wahrnehmung in den Fokus: Vom frühen Kino über den klassischen Tonfilm bis hin zum digitalen Sound Design verändern sich nicht nur Produktionsweise und Klangästhetik, sondern auch die Parameter der audiovisuellen Erfahrung. Buhler konzipiert den Filmton als historisch wandelbare und theoretisch eigenständige Dimension von Film und Kino.Die Klangästhetik des Films verfügt demnach auch über spezifische geografische, soziokulturelle und diasporische Klangperspektiven, die sich in der Filmanalyse dezidiert herausarbeiten lassen.
Vor diesem Hintergrund erschließen sich noch einmal vielfältigere und weitergehende Aufgaben für die Filmwissenschaft. Die folgenden drei Bereiche erscheinen uns besonders relevant:
Eine differenzierte Erforschung von Klangebenen im Hinblick auf Geräusch, Lärm, Stimme und Musik, in Relation zu Bild, Text und Körper.
Eine Untersuchung atmosphärischer Klänge im Hinblick auf räumliche, geografische und ökologische Aspekte der filmischen Welt, sowie deren Bedeutung im Sinne einer politischen, historischen oder epistemischen Klangperspektive
Eine Betrachtung von Klang als filmischer Materialität in seinen analogen und digitalen Formen in Produktion, Aufführung und im Kontext der Filmarchivierung
Besonders erwünscht für das Symposium sind Beiträge, die die verschiedenen Klangebenen des Filmtons im Sinne einer Differenzierung von Geräusch, Lärm, Stimme und Musik erforschen und untersuchen, wie im Zusammenspiel dieser Ebenen unterschiedliche ästhetische, narrative und politische Funktionen übernommen und als Hörerfahrung greifbar gemacht werden. Die Wechselwirkungen von Ton, Bild und Text sowie Übergangsphänomene zwischen Stimme, Geräusch, Musik, Ton und Stille stehen ebenso im Fokus wie die Anwesenheit und Abwesenheit von Ton. Dabei können einerseits menschliche, tierische und naturalistische Klänge, andererseits aber auch elektronische und synthetische Klänge berücksichtigt und in ihrer Relation zu Bild, Text und Körper untersucht werden.
Darüber hinaus werden Beiträge erbeten, die atmosphärische Klänge im Film auf ihre gestalterischen sowie räumlichen, geografischen oder ökologischen Aspekte untersuchen. Dabei kann es darum gehen, wie Hintergrundgeräusche, Klanglandschaften und räumliche Strukturen des Sound Designs das Sichtbare erweitern, es affektiv oder auch semantisch ergänzen und audiovisuelle Erfahrung strukturieren. In dieser Hinsicht kann auch der Frage nachgegangen werden, wie atmosphärische Klänge Bewegungen und Übergänge zwischen Naturräumen und urbanen Räumen sowie zwischen Innen- und Außenräumen gestalten und dabei politische, historische und epistemische Klangperspektiven entwickeln.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Beiträgen, die Ton als filmisches Material adressieren und auf seine Beschaffenheit und Eigenschaften untersuchen. Dies können Beiträge sein, die die Übergänge zwischen analoger und digitaler Produktion untersuchen, die nach der Materialität optischer Tonspuren, magnetischer Aufzeichnungen oder analoger Geräuschproduktion fragen, die digitale Verfahren der Tonbearbeitung fokussieren oder die datenbasierte Archivierungspraktiken herausstellen. Dabei geht es nicht nur um technologische Entwicklungen, sondern auch um veränderte Wahrnehmungsweisen, Ästhetiken und kulturelle Hörgewohnheiten. In diesem Kontext sind auch medienarchäologische, klanghistorische und archivarische Aspekte relevant.
Das 31. Internationales Bremer Symposium zum Film lädt dazu ein, aktuelle Ansätze zum Thema „Filme hören und sehen. Akustische Gestaltung und audiovisuelle Erfahrung“ zu diskutieren, neue Perspektiven hierzu zu eröffnen, sowie etablierte Positionen des Feldes kritisch zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Besonderes Interesse gilt Beiträgen, die traditionelle Grenzen zwischen Theorie und Praxis, Technik und Ästhetik sowie Hören und Sehen produktiv hinterfragen.
Deadline:
13. September 2026, Mitternacht
Einzureichende Unterlagen:
Title: DE + EN, Abstract: 5.000 Zeichen und Kurzbiografie: 500 Zeichen, Keywords: 3-5
Ansprechperson + Kontakt:
Mari Lena Thabet, Doktorant:in / Universität Bremen, marilenaprotect me ?!uni-bremenprotect me ?!.de
Über das Symposium:
Das Internationale Bremer Symposium zum Film ist eine Kooperation von Universität Bremen (IKFK/ZeMKI) und Kommunalkino Bremen e.V. | CITY 46. Sein wesentliches Merkmal ist die enge Verzahnung von filmwissenschaftlichen Vorträgen, Gesprächen und Diskussionen mit der bestmöglichen Aufführung von Filmen im Kinosaal. Mit dieser einzigartigen Mischung wendet sich das Symposium sowohl an ein wissenschaftliches Fachpublikum wie an ein cinephiles Kinopublikum. Weitere Informationen: www.uni-bremen.de/film/filmkultur/filmsymposium

