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Vortragsreihe „Rückblick – Einblick – Ausblick. Streifzüge durch 50 Jahre Universität Bremen“

Der Universitäts-Boulevard mit der Wohnanlage Campus im Hintergrund.

Das 50-jährige Jubiläum der Universität Bremen ist Anlass, um von unterschiedlichen Standorten aus auf ihre Vergangenheit zu blicken. Im Zentrum der Vortragsreihe steht die Geschichte der einstigen Reformhochschule vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Welche Rolle spielte bei ihrer Gründung etwa die Studentenbewegung oder die Frage der Bildungsgerechtigkeit? Wie fügte sie sich in die deutsche Universitätslandschaft ein?

Das besondere Augenmerk liegt neben den universitären Kernbereichen Forschung, Lehre und Studium auch auf Fragen der Mitbestimmung und Transparenz. All dies erfuhr an der Bremer Universität zunächst eine besondere Ausprägung (Stichwort „Bremer Modell“) und war in Teilen sehr umstritten.

Während sich einige Vorträge auf die Konstellation der 1970er Jahre konzentrieren, verfolgen andere ihre Themen in die Gegenwart und Zukunft. Welche Herausforderungen hat die Universität aktuell und zukünftig zu bestehen? Wohin kann und soll sie sich entwickeln? Auf welchen Erfahrungen der Vergangenheit lässt sich in der Zukunft aufbauen?

Für die Veranstaltungsreihe konnten hochgradig profilierte Referent*innen von internationalem Renommee gewonnen werden. Sie richtet sich an ein breites Publikum von Interessierten in der Stadt und an der Universität.
 

Termine, Themen, Referent*innen

Sommersemester 2021

Jeweils von 18:00 bis 20:00 Uhr s. t. Bis auf Weiteres müssen die Vorträge des Sommersemesters 2021 als rein digitale Veranstaltungen stattfinden. Die Zugangsdaten finden Sie unter den jeweiligen Terminen.

Der Vortrag wird digital über Zoom angeboten.

Zugang entweder über die Zoom-App oder folgenden Link:
https://uni-bremen.zoom.us/j/93572145978?pwd=bXBIY2UzZktXK0RlR1djMlBqenpEZz09

Webinar-ID: 935 7214 5978
Passcode: 184513

Abstract zum Vortrag:
In den 1960er und 1970er Jahre veränderte ein beispielloser Gründungsboom die bundesdeutsche Hochschullandschaft. Die Hochperiode der Neugründungen ließ eine Anzahl unterschiedlicher Universitätsideen und Hochschulkonzepte aufblühen – mal in der Absicht, die alte Humboldtsche Idee der Universität wiederzubeleben, mal hingegen, sie radikal zu überwinden, immer aber getragen von der Überzeugung, dass sich die erhoffte Reform der Universitäten am ehesten über Neugründungen erreichen lassen würde. Auf die Reformambitionen folgte indes schnell Ernüchterung, als viele der Neugründungen in traditionellere Bahnen zurückkehrten. Der Vortrag porträtiert die neuen Hochschulmodelle jener Jahre und gibt einige Hinweise darauf, warum viele der Reformideen versandeten und die neuen Universitäten zunehmend dem Anpassungsdruck erlagen, der von den alten ausging.

Zum Referenten:
Dr. Wilfried Rudloff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der sv:dok, der Dokumentations- und Forschungsstelle der Sozialversicherungsträger, und derzeit im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums mit der Abfassung einer Geschichte des Bundessozialgerichts befasst.

Akademische Laufbahn:

Studium der Neueren Geschichte und der Politischen Wissenschaft in Freiburg i. Br., München, Florenz und Siena
1989–1996: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Neuere und Neueste Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München
Wintersemester 1995/1996: Promotion zum Dr. phil.
1996–2005: Wissenschaftlicher Assistent und Forschungsreferent an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer und am dortigen Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung
2005–2020: Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Arbeitsstelle Universität Kassel, und Lehrbeauftragter am dortigen Institut für Politikwissenschaft (Vergleichende Sozialstaatsforschung)

Der Doppelvortrag wird digital über Zoom angeboten.

Zugang entweder über die Zoom-App oder folgenden Link:
uni-bremen.zoom.us/j/96524986085

Webinar-ID: 965 2498 6085
Passcode: 480726

Abstract zum Vortrag von Prof. Dr. Manfred O. Hinz:

Der Anfang des Namibia-Projektes reicht in die Anfangsjahre der Universität Bremen zurück. Anlass waren die führende Rolle Bremischer Wirtschaft beim Erwerb der Kolonie Deutsch-Südwestafrika und das in der Öffentlichkeit der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts weitgehende Desinteresse an der politischen Auseinandersetzung über die Zukunft des vom Apartheid-Regime Südafrikas besetzten Gebietes. Es galt ein Projekt in Gang zu bringen, das sich nicht nur in Forschung, Lehre und Öffentlichkeitsarbeit mit dem Kolonialismus und den insbesondere von den Vereinten Nationen betriebenen Anstrengungen, dem Recht auf Selbstbestimmung Geltung zu verschaffen, befassen sondern auch der praktische Unterstützung des Kampfes um Selbstbestimmung in Namibia dienen sollte. Eine im Jahr 1975 von den beiden großen Kirchen deutschlandweit durchgeführte Veranstaltung zum Thema Namibia wurde zum unmittelbaren Anstoß, mit der Arbeit am Namibia-Projekt zu beginnen.

In Absprache mit den afrikanischen Partnern des Projektes, dem Namibia Institut der Vereinten Nationen in Lusaka/Sambia und der Befreiungsbewegung SWAPO ging es in einem ersten Schritt um Schulmaterialien, die in den Schulen des namibischen Exils Alternative zu den der südafrikanischen Politik verpflichteten Materialien sein sollten. Parallel dazu wurde im Sinne der Erwartung einer doppelten Entkolonialisierung (Entkolonialisierung im Kolonialgebiet wie Entkolonialisierung im Bereich der früheren Kolonialherren) Unterrichtsmaterial für den Gebrauch in deutschen Schulen erarbeitet. Mit dem Sammelband Namibia: Die Aktualität des kolonialen Verhältnisses, der in der Reihe Diskurs: Bremer Beiträge zu Wissenschaft und Gesellschaft der Universität Bremen erschien, wurde eine methodisch-theoretische Bestimmung des Projektansatzes vorgelegt.

Im weiteren Verlauf erweiterte sich die Ausrichtung des Projektes: Insbesondere ergab sich die Möglichkeit zu rechtswissenschaftlichen Beiträgen. So wurde ein Gutachten für den Senat der Hansestadt Bremen zum völkerrechtlichen Verbot der Ausbeutung der namibischen Uranvorhaben erstellt. In mehreren Teilvorhaben wurden Vorschläge zur Neugestaltung von Gesetzen erarbeitet, die nach einer Unabhängigkeit des Landes das aus der Kolonialzeit überkommene Recht ersetzen sollten, wie auch Vorgaben für die Verfassung des unabhängigen Namibias.

Mit der Unabhängigkeit Namibias im Jahr 1990 wurde der Schwerpunkt des Projektes nach Namibia verlegt: Der sozial- und erziehungswissenschaftliche Teil wurde mit dem neugeschaffenen Bildungsministerium und dem Nationalen Institut für Bildungsplanung verbunden, der politik- und rechtswissenschaftliche mit dem Justizministerium und später der mit Unterstützung des Projektes begründeten rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität von Namibia. Im erstgenannten Teil wurden landesweit Seminare zur Entkolonialisierung von Lehrplänen und LehrerInnenfortbildung durchgeführt sowie zahlreiche neue Schulbücher in den Fächern Social Studies, Geschichte und Development Studies entwickelt. Im zweitgenannten Schwerpunkt bildete Politik- und Rechtsethnologie im Zusammenhang mit der verfassungsrechtlichen Anerkennung des traditionellen Gewohnheitsrechts einen Schwerpunkt.

Mit Übergabe an die namibischen PartnerInnen beendete das Projekt seine Tätigkeit in Jahr 2010 in Namibia. Wieder in Bremen, ist das Projekt neben wissenschaftlichen Beiträgen an der vom Bremischen Senat geförderten Erinnerungsarbeit zu Kolonialismus und Dekolonisierung beteiligt.

Finanzielle Unterstützung erhielt das Projekt u. a. vom Bremischen Landesamt für Entwicklungszusammenarbeit und dessen Nachfolger, terre des hommes, der Europäischen Union und dem Volkswagenwerk.

Abstract zum Vortrag von Prof. Dr. Alisha M. B. Heinemann:
Decolonize University – ein Schlagwort, das seinen Ursprung in den ehemals kolonialsierten Ländern Afrikas und Südamerikas hat und zunehmend auch in Deutschland und an deutschen Universitäten diskutiert wird. Dabei bleibt es oft sehr diffus. Es geht unter anderem darum, in die imperiale Wissensproduktion zu intervenieren, epistemische Gewalt zu benennen und ihr zu begegnen, institutionelle Strukturen und Perspektiven neu auszurichten und die Rolle der Akademie im Kontext der Differenzproduktion zu reflektieren. Dabei bewegen wir uns zwischen einem Zensurvorwurf, der Frage nach Deutungshoheiten, affirmativer Sabotage und der beständigen Suche nach so etwas wie 'Wahrheit'. Während des Vortrags werden wir uns all diesen Punkten vorsichtig annähern.

Zum Referenten Prof. Dr. Hinz:
Prof. Dr. Manfred Hinz ist Professor der Universität Bremen für Öffentliches Recht, Politische Soziologie und Rechtssoziologie im Ruhestand. Seine Webseite finden Sie hier.

Zur Referentin Prof. Dr. Heinemann:
Prof. Dr. Alisha M. B. Heinemann ist Professorin der Universität Bremen für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Bildungsverläufe und Diversität. Ihre Webseite finden Sie hier.

Der Vortrag wird digital über Zoom angeboten.

Zugang entweder über die Zoom-App oder folgenden Link:
https://uni-bremen.zoom.us/j/93454020995?pwd=MzlWR21RdWNMM01hVmUydVZBNXBadz09

Webinar-ID: 934 5402 0995
Passcode: 248856

Abstract zum Vortrag:
Bereits im Vorfeld der Gründung wurden VertreterInnen der Studierendenschaft gleichberechtigt an der Planung beteiligt; dies ist dem Wandel in den 1960er Jahren geschuldet. War es an den „alten Universitäten“ schwer, neue Strukturen einzuführen, so sahen die Studierenden in den Neugründungen ihre Chance auf mehr Beteiligung – insbesondere in Bremen, dem bis dahin einzigen Bundesland ohne Universität.

Schon vor Aufnahme des Lehrbetriebes wurden die Studierenden beteiligt; so wurde die Bremer Universität nicht um „Eckprofessuren“ herum aufgebaut, sondern durch ein paritätisch besetztes Gremium: ProfessorInnen, wissenschaftliche MitarbeiterInnen, StudentInnen. Somit waren die StudentInnen bei der Gestaltung der Hochschulreform keine Randgruppe, sondern gleichberechtigt beteiligt; hier insbesondere, weil die Abhängigkeit von den beteiligten Lehrenden gering gewesen sein dürfte.

Spricht man allerdings von der Drittelparität im Betrieb der gegründeten Universität, ist zu beachten, dass nun folgende Statusgruppen gemeint sind:

HochschullehrerInnen, StudentInnen, sonstige MitarbeiterInnen.

Jeder Beteiligte an der Universität hatte nun die Möglichkeit konkreter Einflussnahme. Für Diskussionsstoff sorgte allerdings die Beteiligung der Verwaltung und des Dienstleistungsbereichs; Kritiker der Demokratisierungsbestrebungen sahen die Freiheit von Wissenschaft und Forschung gefährdet.

Auch Gründungsrektor Von der Vring dämpfte die Erwartungen; StudentInnen könnten kaum wirklich Einfluss nehmen, solange sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den HochschullehrerInnen stünden.

Rückblickend schätzen jedoch viele Beteiligte die Drittelparität und die Gestaltungsmöglichkeiten, die sich boten, positiv ein. Auch Von der Vrings Nachfolger Steinberg war klarer Befürworter der Drittelparität. Jedoch nahm das BremHG von 1977 viele Reformansätze zurück. Weiterhin wurden alle beteiligten Gruppen an der Entwicklung der Universität beteiligt, doch nun war der Einfluss der ProfessorInnen größer.

Zur Referentin:
Dr. Birte Gräfing, Laufbahn:

1990–1998: Studium der Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaft an der Universität Bremen

Gremienarbeit: Studierendenausschuss Geschichte, Studiengangskommission Geschichte, Fachbereichsrat FB 8

1998–2001: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen, Projekt „Evaluation von Studium und Lehre“

1998–2018: Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Arbeiterbewegung und Sozialgeschichte. Zeitschrift für die Regionalgeschichte Bremens“

2001–2010: freiberufliche Historikerin, Veröffentlichungen zur Bildungsgeschichte und Geschichte der Hafenarbeit

2004: Promotion zum Thema: Bildungspolitik in Bremen von 1945 bis zur Gründung der Universität 1971

2010–2012: Lehrerin am Schulzentrum Walle, berufsbildender Zweig und gymnasiale Oberstufe

2012–heute: Beschäftigung in der freien Wirtschaft, seit 2014 bei MediaMobil Communication GmbH

Vergangene Vorträge des Sommersemesters 2021

Der Vortrag fand als Zoom-Webinar statt. Eine Aufnahme dieses Vortrags finden Sie in Kürze hier.

Abstract zum Vortrag:
Der Vortrag beschäftigt sich mit den mannigfachen Möglichkeiten, die Universitäten offen stehen, um die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland zu erhöhen. Diese liegen in der  Auswahl von Studierenden aller Altersgruppen, den Qualifikations- und Berufungsstrategien in der Personalentwicklung, der Forschung und Lehre zum Thema, der aktiven Vernetzung mit Schulen und allgemeinen Kommunikationsstrategien.

Zur Referentin:
Frau Prof. Dr. h. c. Jutta Allmendinger, Ph.D. ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie seit 2012 Honorarprofessorin an der Freien Universität Berlin. Sie studierte Soziologie und Sozialpsychologie in Mannheim und Madison, Wisconsin, wurde an der Harvard University promoviert und habilitierte sich an der Freien Universität Berlin. Von 1992 bis 2007 war sie Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, von 2003 bis 2007 Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

Sie wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse, dem Communicator-Preis – Wissenschaftspreis des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und dem Schader-Preis ausgezeichnet. 2014 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Tampere verliehen.

Jutta Allmendinger ist in zahlreichen Beiräten im In- und Ausland tätig. Seit 2016 ist sie Mitglied im Aufsichtsrat der Berliner Stadtreinigung BSR. Im Mai 2017 wurde Jutta Allmendinger als Herausgeberin in den neuen fünfköpfigen Herausgeberrat der Wochenzeitung DIE ZEIT berufen. Jutta Allmendinger wurde 2018 vom Auswärtigen Amt für das Thomas Mann Fellowship nominiert, 2021 wurde sie von Boris Johnson in das Gender Equality Advisory Council berufen.

Der Vortrag fand als Zoom-Webinar statt. Eine Aufnahme dieses Vortrags finden Sie hier.

Abstract zum Vortrag:
»1968« – so ein beliebtes Narrativ in Kurzform – habe Gesellschaft und Kultur der Bundesrepublik mit viel love, peace und rock ’n’ roll nachhaltig verändert und damit einen entscheidenden Beitrag zu ‚Liberalisierung‘ und ‚Demokratisierung‘ der jungen Republik geleistet. Mit Blick auf die Hochschulreformen der 1960er und 1970er Jahre heißt das, dass sich die Politik auf dem Höhepunkt der studentischen Proteste gezwungen gesehen habe, den studentischen Forderungen – insbesondere der nach der Demokratisierung der alten ‚Ordinarienuniversität’ – nachzugeben. Die umfassende Hochschulreform, die Bund und Länder in den 1960er und 1970er Jahren in Angriff nahmen, wurden deswegen lange Zeit ursächlich dem hochschulpolitischen Engagement der Studierenden zugeschrieben. »1968« gerät hier zu einer Chiffre für den Umbruch, in dessen Mittelpunkt männliche Protagonisten wie Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit, der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) und Zentren des Protests wie Berlin und Frankfurt stehen. Doch das Jahrzehnt war viel ambivalenter: Neben der Studierendenrevolte gab es technokratische Bestrebungen einer Vielzahl von Akteure, deren mindset sich wesentlich im Kontext des Zweiten Weltkriegs herausgebildet hatte. So unterschiedlich sie im Einzelnen gewesen sein mögen, war ihnen doch der Glaube an die Problemlösekraft der mit Neutralitätsversprechen operierenden »objektiven« und anwendungsorientierten Wissenschaften zu eigen. Im Kontext des Kalten Kriegs wurde unter Rückgriff auf Erkenntnisse aus den Naturwissenschaften eine wissenschaftlich-nomothetisch orientierte cold war rationality (Erickson, Klein, Daston, Lemov, Sturm, Gordin, 2013) geschaffen, die als gleichsam übersteigerter Gedanke der Aufklärung Wahrnehmung, Denken und Handeln vieler Menschen prägte. Gleichzeitig wurden damit zusammenhängende und handlungsrelevant werdende Wahrnehmungsmuster normalisiert und so selbstverständlich, dass sie sich heute kaum mehr befragen lassen. Eben jene Rationalität des globalen Kalten Kriegs brachte aber das Feld der Hochschulpolitik erst hervor. Es speiste sich aus Annahmen, Überzeugungen und Versatzstücken einer Vielzahl von neu entstehenden Wissenschaftsdisziplinen und -gebieten des Kalten Kriegs sowie daraus abgeleiteten alltagstheoretischen Vorstellungen über Lernen, Bildung und Wissenserwerb. Medial inszeniert vermag »1968« sicher heute noch Aufmerksamkeit zu erregen – die Proteste waren bunt, lautstark und in vielerlei Hinsicht enorm wichtig. Viel entscheidender und nachhaltiger jedoch wurde die Hochschulpolitik von eben jener wissenschaftsorientierten Rationalität des Kalten Kriegs geprägt.

Prof. Dr. Anne Rohstock ist Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Der Vortrag fand als Zoom-Webinar statt. Eine Aufnahme dieses Vortrags finden Sie hier.

Abstract zum Vortrag:
In den 1970er Jahren machte die junge Bremer Universität als Reformuniversität von sich Reden. Dabei stellt sich die Frage, ob ihre Architektur die progressiven Ansätze des „Bremer Modells“ widerspiegelte oder ihnen eher entgegenstand. In dem Beitrag wird versucht, die auch für die Bremer Universität prägenden architektonischen Leitbilder der Spätmoderne im Kontext der reformerischen Ansätze zu beleuchten und Konzepte und Gebäude der Gründungsphase in Kontrast zu setzen mit der inhaltlichen Neuausrichtung zu natur- und ingenieurwissenschaftlichen Schwerpunkten in den 1980er Jahren, die auch von einem architektonischen Paradigmenwechsel begleitet wurde.

Zum Referenten:
Prof. Dr. Eberhard Syring, geboren 1951, studierte Architektur an der Hochschule für Künste Bremen, promovierte 1999 an der Universität Bremen und arbeitete in der baugeschichtlichen Forschung und als Autor. Von 2004 bis 2019 lehrte er Baugeschichte und Architekturtheorie an der School of Architecture der Hochschule Bremen. Von 2003 bis 2018 war er wissenschaftlicher Leiter des Bremer Zentrums für Baukultur (b.zb).

Der Vortrag fand als Zoom-Webinar statt. Eine Aufnahme dieses Vortrags finden Sie hier.

Abstract zum Vortrag:
Mit dem Ende der Ordinarienuniversität war eine Demokratisierung der Hochschulen angekündigt – von den Reformern ebenso wie den aus der Studentenbewegung hervorgegangenen Radikalen. So musste die 1971 gegründete Bremer Universität zu einem Testfall werden, der über den eines einzelnen Bundeslandes hinauswies und zeitweilig republikweit als Gradmesser hochschulpolitischer Reformfähigkeit angesehen wurde.

Zum Referenten Dr. Wolfgang Kraushaar:
Dr. phil.; Jg. 1948; Studium der Politologie, Soziologie und Germanistik in Frankfurt am Main; von 1987 bis 2015 als Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig; 2004 Wahrnehmung einer Gastprofessur an der Beijing Normal University, Peking. Arbeitsschwerpunkt: Geschichte der Protestbewegungen und des linken Terrorismus.

Dr. Kraushaar ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur.

Wintersemester 2021/2022

Jeweils von 18:00 bis 20:00 Uhr; in Abhängigkeit von der Covid-19-Situation in Präsenz (Haus der Wissenschaft), hybrid oder digital. Details werden noch bekanntgegeben.

Abstract zum Vortrag:
Unter den zahlreichen universitären Neugründungen der 1960er und 1970er Jahre nahm die Bremer Universität mit ihrer Reformprogrammatik einen besonderen Platz ein, der sich nicht nur in innovativen didaktischen Konzepten und organisatorischen Neuerungen zeigte, sondern auch in einem massiven Außendruck der Medien und traditionelleren Universitäten niederschlug. In dem Vortrag sollen zeithistorische Ergebnisse über die Gründung und den Kontext der 1970 mit eigenen Erfahrungen als Hochschullehrer verbunden werden.

Zum Referenten Prof. Dr. Heinz-Gerhard Haupt:
Professor an der Universität Bielefeld, Jg. 1943, Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Romanistik an den Universiäten Göttingen und FU Berlin sowie am Institut d’études politiques in Paris; 1972 Promotion; Wissenschaftlicher Assistent an der FU Berlin; 1974–1989 Professur für Neuere Französische Sozialgeschichte an der Universität Bremen; 1989–1993 Professor für europäische Geschichte am European University Institute in Florenz; 1993–1999 Gründungsssprofessor an der Martin-Luther Universität in Halle-Wittenberg; 1999–2003 Professor für Sozialgeschichte an der Universität Bielefeld; 2003–2012 Professor für europäische Geschichte an dem European University Institute in Florenz. Verschiedene Gastprofessuren: Universität Paris VIII (1976), Universität Lyon 2 (1993–1999; École des hautes études en sciences sociales in Paris (1985/86), Davies Center Princeton University 1999; Columbia University New York 1999/2000; Institut d’études avancées in Nantes 2016; Iméra in Marseille 2018/2019.

Abstract zum Vortrag:
Als „Bremer Modell“ des Projektstudiums ist die Gestaltung des Lehrens und Lernens in der Gründungsphase der Universität Bremen in die Hochschulgeschichte eingegangen. Dabei ging es um selbständiges, interdisziplinäres Lernen, orientiert an gesellschaftlich relevanten Problemen und mit Bezug auf Berufspraxen. Durch die Modularisierung des Studiums infolge der Bologna-Reformen mussten zusammenhängende, interdisziplinäre Studienformate neu konzipiert werden. Heute wird an der Universität Bremen das Forschenden Lernen durch Profilbildung gestärkt. – Der Vortrag geht auf die Geschichte und die Aktualität des Lehrprofils der Universität Bremen ein und nimmt Bezug darauf, wie in der Kulturwissenschaft diversitätsorientiertes Forschendes Lernen durchgeführt wird. Um dies zu veranschaulichen, berichten Studierende davon, wie sie das Forschende Lernen erleben.

Zur Referentin:
Dr. Margrit E. Kaufmann ist Bremen Senior Researcher am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft (IfEK), Fachbereich 9, der Universität Bremen. Als wissenschaftliche Expertin für Diversity berät und begleitet sie Prozesse sozialer Öffnung, Diversitätsorientierung und Antidiskriminierung der Universität Bremen und außerhalb und ist Mitglied im Expert*innenkreis zum Forschenden Lernen. Nach dem Studium der Ethnologie, Volkskunde und Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Zürich hat sie an der Universität Bremen in Kulturwissenschaft promoviert. Ein zentraler Arbeitsschwerpunkt ist die Verbindung von Forschendem Lernen, Critical Diversity und Partizipation.

Zum Referenten:
Peter Strohschneider ist Professor i. R. für Germanistische Mediävistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er studierte Germanistik und Geschichtswissenschaft, daneben Rechtswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft in München, wo er 1984 auch promoviert wurde und sich 1991 habilitierte. Danach war er Ordinarius für Germanistische Mediävistik an der TU Dresden und seit 2002 an der LMU München. Von 2006 bis 2011 saß er dem Wissenschaftsrat vor, in den Jahren 2013 bis 2019 war er Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Neben praktischer Wissenschaftsverwaltung und -politik sowie der publizistischen Beschäftigung mit dem Wissenschaftssystem sind literaturwissenschaftliche Hauptarbeitsgebiete von Peter Strohschneider die Kulturwissenschaftliche Mediävistik, die Theorie des vormodernen Textes sowie Erzählliteratur und Lieddichtung des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Er hat Rufe nach Tübingen und an die FU Berlin abgelehnt. Gastprofessuren führten ihn an die École Pratique des Hautes Études (Paris), nach Freiburg i. Br. und Frankfurt a. M. Seit 2010 ist er Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Er war und ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Einrichtungen und Gremien, darunter die Bayerische Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften sowie die Academia Europaea.

mit der Präsidentin der DFG, Prof. Dr. Katja Becker,
dem Hochschulforscher Prof. Dr. Georg Krücken (INCHER-Kassel),
dem Rektor der Universität Bremen, Prof. Dr. Bernd Scholz-Reiter,
der Senatorin für Wissenschaft und Häfen der Freien Hansestadt Bremen, Dr. Claudia Schilling,
der Präsidentin des YUFE-Student-Forums, Jessica Winter.
Moderation: Dr. Hanna Proner (Zeitverlag).

Modern History

In Kooperation mit dem

Universitätsarchiv Bremen
Herunterladbarer Flyer:
Aufnahmen vergangener Vorträge: