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Kalender 2021

Studierende der Public History am Institut für Geschichtswissenschaft gratulieren der Universität Bremen zu ihrem 50-jährigen Bestehen mit einem Jubiläumskalender. Anhand von Objekten wie dem Siegel des Katharinen-Klosters oder so einschneidenden Ereignissen wie dem Mensabrand erzählen die Studierenden spannende Geschichten von Menschen und Ereignissen, machen Strukturen und Prozesse anschaulich und Situationen lebendig. Freuen Sie sich jeden Monat auf ein neues Kalenderblatt!

Noch mehr Geschichten gibt’s auf unserem Jubiläums-Account @unibremen50

MaMBA

Niklas Drescher

Nah am Leben, fern der Erde

Im nördlichen Bereich des Campus steht er und überragt alle Gebäude: der 146 Meter hohe Fallturm, der am 28. September 1990 eingeweiht wurde. Der Turm ist ein Forschungslabor und gehört zum Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM), das ich im Rahmen eines Seminars besuche. In einer Laborhalle neben dem Fallturm werde ich aufmerksam auf eine große, zylinderförmige Konstruktion. Diese gehört zum „Moon and Mars Base Analog“ (MaMBA), welches sich mit zukünftigem Wohnen und Arbeiten auf Mond und Mars beschäftigt. Als jemand, der sich in der Raumfahrt nur wenig auskennt, ist meine Vorstellung von Objekten, die auf fernen Planeten eingesetzt werden, eine andere, als dieser schlichte, edelstahlfarbige Zylinder, der eher an einen Milchtank erinnert.

Sichere Unterkunft

„Ich habe keinen Zweifel, dass wir früher oder später tatsächlich zum Mars fliegen können, aber der Transport ist natürlich nur ein Teil der Herausforderung. Wenn ich vorab keine sichere Unterkunft konzipiert habe, nützt mir der Transport allein gar nichts“, sagt die Geophysikerin Christiane Heinicke im Interview. Seit 2017 arbeitet sie am ZARM mit ihrem Team am MaMBA-Projekt und beschäftigt sich mit dem autarken Leben auf Mond und Mars. Wichtige Erfahrungen, die dem Projekt zugutekommen, stammen von ihrer Teilnahme am HI-SEAS-Projekt auf Hawaii 2015. Dort verbrachte sie, auf einem Vulkan in einer simulierten Marsstation, 366 Tage mit anderen Wissenschaftler*innen – ohne direkten Kontakt zur Außenwelt. „Das Habitat auf Hawaii hat diesen relativ offenen Raum, den großen Aufenthaltsraum. Man hat fünf bis sechs Meter bis zur Decke oben, was erst einmal nach Platzverschwendung klingt, aber auf der anderen Seite eben auch dazu führt, dass man sich nicht eingeengt fühlt“, erzählt Heinicke. Jedes MaMBA-Modul hat eine Höhe von sieben Metern und einen Durchmesser von fünf Metern, also eine Grundfläche von etwa 15 Quadratmetern. Beim Labormodul bleibt nach Abzug des Inventars wie Laborschränke eine begehbare Fläche von acht Quadratmetern pro Stockwerk. Geplant ist, dass sich ein Habitat aus insgesamt acht unabhängigen Modulen und Schleusen zusammensetzt. „Wenn ein Modul ausfallen sollte, egal welches Modul, wenn irgendein Problem auftritt, das kann ein Brand sein, der Austritt einer Chemikalie, dann können sich die Astronaut*innen in die anderen Module retten“, erläutert Heinicke.

Optimale Raumausstattung

Im Unterschied zu anderen Habitat-Modellen ist das Ziel des MaMBA-Projekts, einen Wohn- und Arbeitsraum zu entwickeln, der den tatsächlichen Bedingungen auf Mond und Mars standhält und der Crew eine sichere Unterkunft bietet. Das bezieht sich auf das gesamte Lebenserhaltungssystem inklusive Sauerstoffversorgung. Bei vorangegangenen Forschungen wie dem HI-SEAS-Projekt, das aus einem Modul bestand, lag der Fokus darauf, psychologische Erkenntnisse über das Zusammenleben auf begrenztem Raum zu gewinnen. Beim Bremer Projekt wurde bei der Konstruktion, neben der Eignung für den Einsatz auf Mond und Mars, auf eine optimale Ausstattung der Räume geachtet. Die Einrichtung ist flexibel und auf die wissenschaftlichen Instrumente abgestimmt.

Arbeiten auf Mond oder Mars

Auch aufgrund der technischen Entwicklung ist Christiane Heinicke sich sicher, „dass es eher eine Frage der Zeit ist, bis auf Mond und Mars ein längerfristiger Aufenthalt wechselnder Teams zu Forschungszwecken möglich sein wird“. Bei entsprechenden finanziellen Mitteln sei dies in den nächsten zwanzig Jahren auf dem Mars durchführbar, auf dem Mond sogar schon früher. Dabei müssten viele Abstriche gemacht werden: „Verzichten muss man auf alles, was sich nicht von der Erde transportieren lässt. Natürlich kann man auch Freunde und Familie nicht besuchen, sondern nur per E-Mail oder Videobotschaft in Kontakt bleiben. Und je nach Abstand zur Erde kommen diese Nachrichten stark zeitversetzt an, sodass man für einen Austausch von Informationen viel Geduld aufbringen muss.“ Auch die Ressource Wasser ist stark limitiert; beim HI-SEAS Projekt konnte jede*r Teilnehmer*in lediglich acht Minuten pro Woche duschen. Während ich Christiane Heinicke zuhöre, frage ich mich, ob das Arbeiten auf dem Mond oder Mars etwas für mich wäre. Ich weiß es nicht. Doch sicher ist: Das MaMBA-Projekt hat meine Neugier auf fremde Planeten geweckt.

Herausgeber:
Universität Bremen
Institut für Geschichtswissenschaft
Geschichte in der Öffentlichkeit – Public History
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen

Projektkoordination:
Dr. Thekla Keuck

Texte und Bilder:
Léon Döpke
Niklas Drescher
Pia Francke
Chantal Karstens
Lukas Kayser
Anna Leinen
Willie Müller
Norman Oetting
Cornelia Riml
Andreas Schweers
Paul Siemer
Eva Voßhans
Julian Wesch

Bildnachweis für das Februar-Kalenderblatt: Roland Kutzki, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Bildnachweis für das September-Kalenderblatt: Weerachai Khamfu/Shutterstock.com; Abel Tumik/Shutterstock.com

Bildnachweis für das Dezember-Kalenderblatt: SPACE IS MORE

Gestaltung und Satz:
Jefferson & Högerle / Visuelle Kommunikation

Lektorat:
Sandra Pixberg / Textbüro Rügen

Das Projekt wird unterstützt von der Universität Bremen anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens.

Das Siegel des Bremer Katharinen-Klosters

Norman Oetting

Der Geist einer Handelsstadt

Wer sich auf die Spuren der ersten Bremer Hochschule begibt, sollte die Suche nicht auf dem Campus der Universität beginnen. Der Ort der frühesten akademischen Bildung in Bremen war einmal ein Kloster und ist heute ein Parkhaus. Wie kam es dazu?

Bremen war schon immer eine Handelsstadt, geprägt von einer pragmatisch ausgerichteten Kaufmannschaft. Akademische Bildung spielte hier lange Zeit keine große Rolle. Ein Kaufmann brauchte nicht einmal unbedingt Latein, die Weltsprache der Gelehrten, zu sprechen. Die Welt der Hanse hatte ihre eigene Sprache: Niederdeutsch. Bremen besaß schon immer ein reiches geistliches Leben. Dazu gehörten seit 1225 auch die Dominikaner-Mönche des Katharinen-Klosters. Es lag mitten in der Stadt, zwischen Sögestraße und Schüsselkorb.

Das Siegel des Klosters ist oval, 5,5 Zentimeter hoch und circa 4 Zentimeter breit. Abgebildet ist die Namensgeberin des Klosters, die Heilige Katharina. Zu ihren Füßen liegt ein besiegter Ketzer oder Bösewicht. In der rechten Hand trägt sie einen Palmenzweig als Symbol ihres Martyriums. Gemeint ist wahrscheinlich Katharina von Alexandrien, die um 300 nach Christus allein mit ihrer Bildung und Redegewandtheit fünfzig heidnische Philosophen und eine Kaiserin zum Christentum bekehrt haben soll, und dafür hingerichtet wurde. Sie repräsentiert das Selbstverständnis der Dominikaner: Als „domini canes“ waren die „Hunde des Herrn“ berüchtigt dafür, Ketzer zu verfolgen. Gleichzeitig standen Bildung und Gelehrsamkeit im Zentrum ihres Ordens.

Reformation und Hochschulpolitik

Bis 1528 waren die zuletzt etwa dreißig Mönche fester Bestandteil des städtischen Lebens. Dann erreichte die Reformation Bremen und die weltlichen Herren bemächtigten sich des kirchlichen Besitzes. Der Bremer Rat schloss das Kloster und brachte im Gebäude die städtische Lateinschule unter. Die hallenartigen Räume, in denen die Mönche gemeinsam gebetet, gearbeitet und gegessen hatten, eigneten sich gut als Unterrichtsräume. Nach wenigen Jahren kam eine akademische Vorbereitungsklasse dazu und 1610 schließlich eine Hochschule mit den vier damals üblichen Fakultäten: Recht, Medizin, Theologie und Philosophie. Denn ganz ohne Akademiker kam auch eine Handelsstadt wie Bremen nicht aus. Gebraucht wurden Ärzte, Juristen für die Verwaltung und vor allem Theologen für das Priesteramt. Bremen hatte nämlich innerhalb des protestantischen Glaubens zum reformierten Bekenntnis gewechselt und war damit im überwiegend lutherischen Norden Deutschlands isoliert. An der als „Gymnasium Illustre“ bezeichneten Hochschule wurden nun Akademiker dieser Konfession ausgebildet.

Das „Hohe Gymnasium“

Das Gymnasium Illustre zog vor allem junge Menschen aus dem Umland und anderen reformierten Gebieten, wie der Schweiz oder den Niederlanden, an. Trotzdem blieb es eine kleine Hochschule. Die bis heute überlieferte Matrikel verzeichnete die Höchstzahl von 106 Studierenden im Jahr 1657. Es gab etwa zwölf Professoren, manche lehrten nur in Teilzeit oder unterrichteten auch in der Lateinschule. Die Jahrzehnte nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs 1648 wurden zur Blütezeit des Gymnasiums Illustre. Es gab viele Studierende und immer wieder Gelehrte mit internationalem Ruf unter den Lehrenden. 1660 wurde in den Mauern der Hochschule die erste öffentliche Bibliothek Bremens eröffnet.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts sank jedoch die Zahl der Eingeschriebenen. Die Glaubensrichtung verlor an Bedeutung für die Wahl des Studienorts. Hinzu kam, dass es ab 1734 in Göttingen eine vollwertige Universität als nicht weit entfernte Alternative gab. Mit Beginn der französischen Besatzung Bremens 1810 wurde die Hochschule endgültig geschlossen. Der letzte Eintrag der Matrikel hielt nur noch drei Studierende fest. Übrig blieben nur die Lateinschule und die Vorbereitungsklasse. Sie wurden Teil des modernen Bremer Schulwesens. Das Gebäude in der Innenstadt wurde später anderweitig genutzt und im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. 1971/72 entstand in seinen Resten ein Parkhaus. 1984 eröffnete die Katharinen-Passage, eine Ladenstraße mit Geschäften und Restaurants. Der Gedanke, mit einer richtigen Universität an die akademische Tradition des Gymnasiums Illustre anzuknüpfen, ging allerdings nie ganz verloren. 1971 wurde er mit der Eröffnung der Universität Bremen verwirklicht.

SuUB Bremen

Lukas Kayser

Von Karteikarten und Provisorien

Auf die Zukunft ausgerichtet sollte sie sein, die neue Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB) der alten Hansestadt Bremen. Aus heutiger Sicht wirkte sie allerdings gerade in ihren Anfangsjahren alles andere als futuristisch: Zunächst wurde der Bestand per Hand auf karteikartengroßen Zetteln verzeichnet; die Mitarbeitenden sprachen von einem „Übergangskatalog“ und warteten nach wie vor auf eine zukunftsorientierte Katalogisierung. Für kurze Zeit ersetzten gedruckte Bandkataloge die Karteikarten, bis endlich 1976 mit der Einführung eines Mikrofiche-Katalogs ein wichtiger Schritt in Richtung elektronische Katalogisierung gemacht war: Auf postkartengroßem Filmmaterial waren Hunderte, stark verkleinerte Abbildungen literarischer Werke fixiert, die die Benutzer*innen mit einem speziellen Lesegerät vergrößerten.

Anlaufschwierigkeiten

Rolf Kluth, Leiter der neuen Bibliothek, war es ein besonderes Anliegen, seine Institution schon für die ersten Studierenden zugänglich zu machen. Doch es deutete sich früh an, dass dies ein Wunsch bleiben würde: Als der Lehrbetrieb zum Wintersemester 1971/72 startete, war der Bau der Zentralbibliothek zwar schon im Gange, aber bis zum Umzug der Bibliothek aus der Stadtmitte auf den Campus sollte es noch drei Jahre dauern.

Anfangs standen den Studierenden der jungen Universität nur zwei Bereichsbibliotheken zur Verfügung. Auch der Bestandsaufbau erwies sich als schwierig. Die bisherige Staatsbibliothek leistete mit etwa 330.000 Werken einen wertvollen Beitrag dazu, doch die Integration dieses „Altbestands“ in die neue Katalogisierungsordnung war zeitintensiv. Zudem mangelte es an Fachpersonal. Um die Lücken zu schließen, initiierte Kluth ein Ausbildungsprogramm. Anstelle verbriefter Expert*innen übernahmen Referendar*innen die Bestandsaufnahme. Gegenüber aufkommender Kritik verteidigte der Bibliotheksleiter die neuen Mitarbeitenden, die, obwohl noch in der Ausbildung, alles daransetzten, dass die SuUB im Januar 1975 für Benutzer*innen öffnen konnte.

Der Reformcharakter der neuen Universität fand auch in den Plänen der zugehörigen Bibliothek seinen Ausdruck. Das fünfgeschossige Gebäude mit einer Fläche von etwa 8.000 Quadratmetern bot Platz für eine Freihandbibliothek nach US-amerikanischem Vorbild. Sie löste das wenig nutzungsfreundliche Modell der Magazinbibliothek ab. Sich frei durch die Regalgänge bewegen zu können, Bücher in die Hand zu nehmen und sie zu durchblättern – darin wurde eine überfällige Demokratisierung der Bibliotheken gesehen. Auch das Bremer Credo der Mitgestaltung, nicht nur durch Studierende und Lehrende, sondern auch durch universitäre Mitarbeiter*innen, spiegelte sich in der Planung der neuen Bibliothek wider. So legte das Architektenteam um Roland Kutzki Wert auf die Expertise der Bibliothekar*innen, um einen Bau zu entwerfen, der perfekt auf die Bedürfnisse einer zeitgemäßen Bibliotheksorganisation abgestimmt war.

Der Standort – Herzstück oder Peripherie?

Die Neugründung von Staats- und Universitätsbibliothek auf der grünen Wiese sorgte für Kontroversen: Vermag ein Standort in Stadtrandlage eine Bibliothek hervorzubringen, die allen Bremer*innen gewidmet ist? Kann diese neue Bibliothek zugleich das „Herzstück“ der Universität werden? Lassen sich diese beiden Ansprüche miteinander vereinen? Kritische Stimmen verwiesen auf die unzureichende Verkehrsanbindung des Universitätsstandorts – zwar bestand eine Busanbindung, jedoch ließ der Anschluss an das Straßenbahnnetz noch lange auf sich warten; eine Bahn der Linie 6 fuhr die Universität erstmals am 10. Oktober 1998 an. Fürsprecher*innen argumentierten mit der prekären Parkplatzsituation des alten Standorts am Breitenweg. Tatsächlich gingen die Prognosen davon aus, dass der Anteil der Bibliotheksnutzung durch nicht-universitäre Besucher*innen bei nur zehn Prozent liegen würde. Eine Erhebung von 1975 ergab jedoch, dass diese Gruppe knapp die Hälfte der gesamten Nutzer*innen ausmachte. Spätestens jetzt waren die Befürchtungen um eine Bibliothek in der Peripherie zerstreut. Und trotz der mitunter langen Anfahrtswege aus der Stadt auf den Campus ist die SuUB längst zum Herzstück der Universität geworden.

Radfahrergruppe

Pia Francke / Paul Siemer

Figurengruppe

Die Plastik „Radrennfahrer“ oder „Konkurrenz“ des Bildhauers Peter Mittler befindet sich im Sportbereich der Universität Bremen auf dem östlichen Universitäts-Boulevard zwischen GW2 und Sportturm. Ihre Einweihung fand am 26. Oktober 1978 um 11 Uhr im Beisein des Senators für Wissenschaft und Kunst, Horst Franke, statt. Die aus Polyester und Stahl bestehenden Figuren sind lebensgroß, ihre Fahrräder mit Autolack beschichtet. Die Figurengruppe umfasst insgesamt fünf Personen: drei Radrennfahrer und zwei Trainer. Die Athleten tragen, mit einem erfundenen Produktlogo, beschriftete Trikots und liefern sich ein Wettkampfrennen. Der Fahrer im braunen Trikot stürzt, sodass der Athlet im roten T-Shirt bremsen muss, um eine Kollision zu vermeiden. Diese Gelegenheit nutzt der Sportler im blauen Trikot, um in Führung zu gehen. In den Gesichtern der seitlich zu den Fahrern stehenden Trainer spiegeln sich die Emotionen: Während der Trainer im roten Trikot, dessen Züge an den nationalsozialistischen Diktator Adolf Hitler denken lassen, aus Wut über den Verlust einer aussichtsreichen Position die Fäuste ballt, reibt sich der blau gekleidete Trainer vor Freude über die Führung seines Athleten die Hände. Sein Gesicht gleicht dem von Ludwig Erhard, Wirtschaftsminister während der Regierung von Konrad Adenauer und zweiter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der vielen als „Vater des Wirtschaftswunders“ gilt.

Kunst im öffentlichen Raum

1973 beschloss die Bremer Bürgerschaft das Programm „Kunst im öffentlichen Raum“, an dem auch die noch junge Universität teilnahm. Das Universitätsbauamt schrieb einen bundesweiten Wettbewerb aus, an dem sich 50 Künstler*innen beteiligten, darunter Peter Mittler, ein gefragter Bildhauer. Bei der Juryentscheidung – nachzulesen unter anderen in den Unterlagen, die vom Bremer Universitätsarchiv (BUA) verwahrt werden – stand die gesellschaftliche Relevanz der Werke im Vordergrund. Die Kunst sollte verständlich sein und vor allem durch ihre kritische Haltung, weniger durch ihre Ästhetik, überzeugen: „Dem allgemeinen Erkenntnisinteresse der Uni Bremen entsprechend könnte eine Neuorientierung des Kunstverständnisses auch speziell an der These ansetzen: Daß die Masse der Bevölkerung einen großen Teil der bürgerlichen Kunst nicht versteht, liegt nicht an ihrer mangelnden Bildung, sondern daran, daß diese Kunst sich nicht mit den Interessen und Problemen der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt.“

Treten und Stürzen für das Kapital

Nach mehrjähriger Diskussion wählte die Wettbewerbsjury schließlich aufgrund der Sinngebung für den belegten architektonischen Bereich die Plastik von Peter Mittler aus. Das Werk steche wegen der inhaltlichen Aussage der Entsolidarisierung zwischen den Sportlern im Zuge der Konkurrenz aus den Beiträgen hervor. Die Bedeutsamkeit der Arbeit zeige sich insbesondere in dem Ansatz, mit figurativen Mitteln und deren Anordnung soziale Bezüge zu reflektieren. Mittler wolle mit dem dargestellten Zynismus die Pervertierung der Kommerzialisierung des Sports kritisieren. Dementsprechend trug die Plastik zunächst den Titel „Treten und Stürzen für das Kapital“ und wurde erst später umbenannt.

Neben dieser Deutung stehen drei weitere Interpretationsansätze, nachzulesen auf der vom BUA unterhaltenen Website „Kunst an der Universität Bremen“: Die Plastik kritisiere die harten Bedingungen im Hochleistungssport, die Figurengruppe symbolisiere den imperialistischen Wettstreit zwischen verschiedenen Staaten, das Kunstwerk wolle auf die immer stärker werdende Konkurrenz zwischen den Studierenden an der Universität Bremen aufmerksam machen.

Der Zahn der Zeit

Als Anfang der 1980er Jahre die politische Phase der Universität Bremen endete, wirkte sich das auch auf deren Kunstverständnis aus. 1982 ging die Finanzierung des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ vom Kulturressort auf die Stiftung Wohnliche Stadt über. Die Mittel wurden reduziert. Die Universität selbst hat kein Budget zur Erhaltung der Kunstwerke auf dem Campus – einer der Gründe, warum diese seit Jahrzehnten dem Verfall ausgesetzt sind. Zwar wurde die Figurengruppe von Peter Mittler 1992 noch einmal restauriert, aber seither ist sie wieder schutzlos Wind und Wetter und dem „Zahn der Zeit“ ausgeliefert. Und so treten und stürzen heute beklebte und bemooste Figuren mit entstellten Körpern für das Kapital.

Leitsystem

Cornelia Riml

Orientierung auf dem Campus

Semesterbeginn an der Uni Bremen: In der Mensa und in der Cafeteria im GW2 werden Essen und Getränke zubereitet, es riecht nach Kaffee und es herrscht Aufbruchstimmung. Lehrende wie Studierende eilen durch die Gänge und suchen ihre Räume. Viele von ihnen sind zum ersten Mal auf dem Campus. Wo geht es hier zu GW2 B1820 und OEG 3790? Was bedeuten die Buchstaben und Zahlen? Steckt dahinter ein System?

Entwicklung und Planung

Als der Lehrbetrieb im Wintersemester 1971/72 im Gebäude Geisteswissenschaften 1 (GW1) startete, war es noch schwieriger als heute, sich auf dem Campus zurechtzufinden. Denn ein Orientierungssystem hatten die Bauplaner nicht vorgesehen. Wegweiser, Tafeln, Beschilderungen oder Lagepläne fehlten. Es gab nur ein einziges Informationskreuz zwischen den Blöcken B und C. Ansonsten irrten die rund 400 Studierenden des ersten Semesters sowie Lehrende und Mitarbeitende planlos umher. Die Verantwortlichen reagierten auf das Chaos, und ab Februar 1972 suchte die uni-interne Informationsabteilung nach Lösungen. Die Zeit drängte. Denn bis Herbst 1973 sollten weitere Gebäude fertiggestellt werden, für die es ebenfalls ein Leitsystem brauchte. Arbeitsgruppen für visuelle Kommunikation und Gestaltung wurden gebildet; sie standen in einem direkten Austausch mit dem Universitätsbauamt, der Hochschule für Gestaltung, Innenarchitekt*innen, Verhaltensforscher*innen, Psycholog*innen und Soziolog*innen. Das gemeinsame Ziel: Ein einheitliches Farbleitdesign, das alle, die zum ersten Mal auf den Campus kamen, sofort verstehen würden; außerdem sollte das neue System mit Straßen- und Gebäudebezeichnungen auch den Außenbereich umfassen.

Umsetzung und Anwendung

Für die Umsetzung der ambitionierten Pläne fehlten am Ende dann doch die Gelder. Auch kamen nach der Fertigstellung des GW2 mit seinem Großraum für den Studienbereich Arbeitslehre/Politik neue Herausforderungen hinzu, weil anfangs die Arbeitsplätze dort lediglich durch mobile Stellwände abgetrennt waren. Als das GW2 im Oktober 1973 seinen Betrieb aufnahm, fanden sich die wenigstens in dem Neubau zurecht. „Trotz Teppichboden, Großraum und farblicher Orientierungshilfen für das Unterbewußtsein […] wird der GW2-Neubau manche noch lange als drohendes Beton-Labyrinth verfolgen“, heißt es in der vom „Allgemeinen Studentenausschuss“ (AStA) herausgegebenen „Orientierungshilfe für GW2-Geschädigte“. Und die Uni wuchs noch weiter: 1974 folgte das zweite Gebäude für die Naturwissenschaften, kurz NW2. Hierfür entwickelte der Architekt Felix Uhlig ein „flexibles Leitsystem aus standardisierten Bausteinen und Elementen“ – und damit die lang herbeigewünschte Orientierungshilfe. 1980 wurde sie schließlich auch im GW2 eingeführt, nach der Auflösung des dortigen Großraums.

Orientierung heute

40 Jahre später lassen sich beim Spaziergang über den Campus immer noch Teile des, seinerzeit so heiß ersehnten, Leitsystems finden – obwohl es viele der ausgeschilderten Einrichtungen längst nicht mehr gibt. Wie viele der rund 19.000 Studierenden im Jahr 2020 haben wohl schon einmal vergebens die, immer noch im Parkhaus ausgeschilderten, „Kunstpädagogik/Druckwerkstätten“ oder den „Stillraum“ gesucht? Unabhängig davon informiert heute ein Lageplan auf der Uni-Website über die aktuelle Infrastruktur des Campus. Seit 2011 liefert darüber hinaus die „Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung“ (KIS) und die „Kritische Initiative für Vielfalt und Inklusion“ (kivi) Informationen zur Barrierefreiheit. Mittlerweile ist visuelle Kommunikation mehr als reine Orientierung auf dem Campus: Sie ist ein Wegweiser, der zu weiteren wichtigen Stationen führt wie Barrierefreiheit, Inklusion und Diversität.

Der Weg nach oben

Julian Wesch

Große Treppe des Aufstiegs

„Die rote Uni“, so wurde die Universität Bremen in ihren ersten Jahren gerne genannt und sie hat sich von diesem Ruf bis heute nicht vollends befreien können. Doch was ist wirklich dran an diesem Mythos? Vielleicht hilft ein Wandbild dabei, diese Frage zu klären: Im Treppenhaus des Gebäudes GW2 entstand 1980 die „Große Treppe des Aufstiegs“ oder „Der Weg nach oben“ des Malers Jimmi D. Paesler zusammen mit Kunststudierenden der Universität.

Im Vordergrund sieht man mehrere graue Männer, die in ein weiteres Bild blicken, in ein Bild im Bild. Im zweiten Bild rechts sitzt eine Gruppe Studierender an einem Tisch, sie diskutiert. Hier haben die Künstler*innen sich selbst verewigt. Zentrales Element im Bild sind die Stufen einer hohen Treppe, umgeben von vier Säulen aus Bücherstapeln mit symbolischen Figuren und Gegenständen: ein Karl Marx als Pirat mit Holzbein und Hakenhand, geballte Fäuste, Computerteile und anderes technisches Gerät sowie die Wissenschaft in Gestalt einer barbusigen Frau; sie hält in ihren Händen einen Geldschein und ein Banner mit der Aufschrift: „Freyheyt der Wissenschaft“. Die Säulen tragen eine Plattform am Kopf der Treppe. Sie führt zu einem halb offenen Tor, hinter dem ein verheißungsvolles gelbes Licht zu sehen ist.

Auf der Treppe befinden sich vier blau gekleidete Menschen, die mit sichtlicher Anstrengung hinaufklettern. Die Person links ist gestürzt und damit gescheitert, Papiere gleiten ihr aus der Hand. Die Person unten rechts hat ein Transparent mit der Aufschrift „STREIK“ fallen lassen. Auf der Plattform stehen weitere Personen, ihnen ist der Aufstieg gelungen. Einige gehen durch das Tor ins Licht, eine blickt zurück. Rechts springt jemand in unbekannte Tiefen.

Die Personen auf der Treppe und der Plattform können als Studierende gedeutet werden, die sich auf dem langen und mühevollen Weg durch das Studium ins Berufsleben befinden. Wer auf der Plattform angekommen ist, hat es geschafft und geht durch das Tor einer scheinbar strahlenden Zukunft entgegen. Nur wenige blicken zurück auf diejenigen, die sich noch nach oben kämpfen. Doch nicht allen gelingt der soziale Aufstieg und das Politische bleibt auf der Strecke. Das Streik-Transparent ist bereits weit unten verloren gegangen. Dialektisch dazu wird die Plattform des Erfolgs aber nicht nur von den Symbolen für Wissen und Wissenschaft getragen, sondern auch von jenen, die für politisch linken Widerstand und Systemveränderung stehen. Die Gesellschaft, in Gestalt „Grauer Herren“, steht außerhalb des Bilds und beobachtet gespannt den Aufstiegskampf, untätig verharrend.

Vom Bild zur Uni

Das Bild im GW2 spiegelt den hochschulpolitischen Diskurs seiner Entstehungszeit wider: Die Universität Bremen wurde bei ihrer Gründung zu Beginn der 1970er Jahre nach dem sogenannten Bremer Modell realisiert. Es war der Versuch, eine Universität von der Basis an demokratisch aufzubauen und dabei gleichzeitig neue Fächer anzubieten. An den US-amerikanischen Campus-Universitäten orientiert, sollte sie inhaltlich transparenter werden, ein Ort kritischer Bewusstseinsbildung und der Kooperationen interner Gruppen. Damit verbunden war auch ein stärkerer Einfluss der Studierenden auf den Lehrbetrieb. Vor allem konservative Hochschulpolitiker verliehen ihr deshalb schnell, noch vor der Eröffnung, den Ruf einer linken Universität und „roten Kaderschmiede“.

In den späten 1970er Jahren wurde vom Bundestag das Hochschulrichtliniengesetz beschlossen, das Studierenden den Wechsel zwischen den Universitäten erleichtern und Lehrinhalte besser vergleichbar machen sollte. Dies gefährdete die Eigenständigkeit der Bremer Universität in Bezug auf Lernstoff und Abschlüsse. Proteste waren die Folge. Gleichzeitig wuchs der Anpassungsdruck. So war die Universität nicht in die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgenommen worden und musste deshalb auf Fördermittel verzichten. 1980 stellte der Senator für Bildung ein Achtpunkteprogramm zur Neustrukturierung auf. Die staatliche Seite gewann die Oberhand an der Universität. Nicht einmal zehn Jahre nach ihrer Gründung stand das Bremer Reformmodell vor dem Aus. So erinnert die „Große Treppe des Aufstiegs“ an die erste Phase der Bremer Universität, in der Hochschul- und Gesellschaftspolitik als Einheit gedacht wurden. Ihre Aussage ist nach dem Bologna-Prozess Anfang der 2000er Jahre nicht weniger relevant als vor 50 Jahren.

Einstufige Juristenausbildung

Léon Döpke

Zeugnis

Das Bild zeigt einen Ausschnitt des Deckblatts eines Zeugnisses des „Ausbildungs- und Prüfungsamts für die einstufige Juristenausbildung“ der Freien Hansestadt Bremen aus dem Jahr 1984. Es ist mit dem bremischen Siegel versehen und damit eindeutig als offizielles Dokument zu erkennen. Nach über 35 Jahren erscheint es in einem anderen Licht – und das nicht wegen der ausgeblichenen Farben und Gebrauchsspuren, sondern weil es uns heute die Geschichte eines gescheiterten Experiments erzählt.

Einstufige Ausbildung

Die Achtundsechziger sorgen für veränderte Strukturen, neue Professor*innen lehren an neu gegründeten Hochschulen. Auch die Universität Bremen hat, als sie zum Wintersemester 1971/72 den Betrieb aufnimmt, den Anspruch, anders zu sein: moderner, spontaner und politischer als die etablierten Universitäten ihrer Zeit. Dieser Anspruch spiegelt sich in einer Reihe neuer Studiengänge wider, wie in der einstufigen Juristenausbildung.

Die einstufige Juristenausbildung ist ein Experiment. Noten gibt es nicht. Es wird lediglich zwischen „Bestanden“ und „Nicht Bestanden“ unterschieden. Kritiker*innen des Studiengangs werfen ihm mangelnde Vergleichbarkeit vor. Daher ist es angehenden Jurist*innen kaum möglich, ihr in Bremen begonnenes Studium an einem anderen Ort fortzusetzen. Dabei wird der einstufige Jura-Studiengang nicht nur in sozialdemokratisch regierten Bundesländern wie Bremen eingeführt, sondern auch an anderen Universitäten wie im konservativ regierten bayerischen Augsburg. Die Einführung des neuen Studiengangs scheint also weniger damit zusammenzuhängen, welche Landesregierung in einem Bundesland das Sagen hat, sondern vielmehr welche Einstellung vom Rektorat einer Universität vertreten wird.

Wie ist das Studium aufgebaut?

Der neuen Juristenausbildung an der Universität Bremen liegt eine Änderung des „Deutschen Richtergesetzes“ vom 10. Mai 1971 zugrunde: Diese ermöglicht, dass „Studium und praktische Vorbereitung in einer gleichwertigen Ausbildung von mindestens fünfeinhalb Jahren“ zusammengefasst werden können (§ 5 b). Die erste Staatsprüfung kann durch eine Zwischenprüfung oder durch ausbildungsbegleitende Leistungskontrollen ersetzt werden. Es ist möglich, Teile der Prüfung schon während der Ausbildung abzulegen. An der Bremer Universität beginnt die Ausbildung mit einem zweisemestrigen Sozialwissenschaftsstudium. Daran schließt sich ein, auf sechs Semester ausgelegtes, Hauptstudium an. Es folgt ein, auf ein Thema fokussiertes, Projektstudium im Umfang von vier Semestern. Der Praxisanteil ist mit insgesamt 23 Monaten praktischen Arbeitens hoch; davon sollen 17 Monate im Hauptstudium und sechs im Projektstudium absolviert werden. Die eigentliche Prüfung umfasst einen exemplarischen Teil sowie eine wissenschaftliche Arbeit.

Die politische Abwicklung

Nachdem 1982 die Regierung in Bonn von sozialliberal zu christlich-liberal wechselt, fehlt der bundespolitische Rückhalt für die reformierte Juristenausbildung. 1985 verabschiedet sich die Politik von der einstufigen Juristenausbildung – auch in Bremen. Zum Wintersemester 1985/86 bietet die Universität den Studiengang nicht mehr an. Sie wechselt nach 15 Jahren zum etablierten Modell, das klar zwischen Ausbildung und Praxis trennt. Bis zum endgültigen Auslaufen des Studiengangs an der Universität Bremen im Jahr 1992 schließen insgesamt 545 Studierende ihre einstufige Juristenausbildung erfolgreich ab.

Objekt 3083540

Willie Müller

Feldrecherche

Es gibt nur wenige Orte auf dem Campus, die ich immer wieder aufsuche. Einer dieser Orte ist das GEO-Gebäude, dessen Grundsteinlegung im Oktober 1986 erfolgte. In dem Gebäude mit seinen beiden Lichthöfen stehen auf den Fluren Vitrinen, in denen zahlreiche geologische Objekte ausgestellt sind. Am Ende eines Flures befindet sich eine Vitrine mit ganz anderem Inhalt: Zwei tragbare Computer und ein IBM-Desktop mit altertümlichem Monitor sind darin zu sehen. Auf dem Monitor liegt ein Zettel, auf dem steht, was ein solcher Computer damals kostete: 10.000 D-Mark.

Das Geheimnis der grünen Zeichen

Die Computer in der Vitrine stammen aus einer vergangenen Zeit, von der für viele nur Elektroschrott übrig geblieben ist. Mich laden die Geräte ein, mich in die 1980er Jahre zurückzuversetzen und mich an das erste Erlebnis in der digitalen Welt zu erinnern. Wohl niemand hätte zu jener Zeit gedacht, dass das Warten auf das Laden eines Programms, das schlurfende Geräusch eines Diskettenlaufwerks und die ersten grünen Zeichen auf einem Monochrom-Monitor einmal ein Gefühl der Sehnsucht auslösen würden. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich auf den Computer in der Vitrine schaue. Seitlich am Gehäuse erkenne ich einen Aufkleber mit der Nummer 3083540. Diese Inventarisierungsnummer verweist auf Horst D. Schulz. Er gehörte zu den ersten Professoren des 1986 gegründeten Fachbereichs Geowissenschaften (FB 05). Er kam von der Universität Kiel und wurde als Fachgebietsleiter für Geochemie und Hydrogeologie nach Bremen berufen. An seine neue Wirkungsstätte brachte er den IBM Personal Computer (PC) mit, der heute in der Vitrine im GEO-Gebäude steht.

Datenverwaltung

Als die PCs Anfang der 1980er Jahre auf den Markt kamen, entstand in Karlsruhe der erste deutsche Internetknoten. Die Computervernetzung war noch spärlich und für die universitären Rechenzentren kaum von Bedeutung. In den Folgejahren wurden immer mehr PCs installiert, schon bald gehörte computergestützte Forschung zum akademischen Alltag. Daher war es nur folgerichtig, dass der FB 05 für seinen Neubau von Anfang an ein eigenes Rechenzentrum plante. Die steigende Zahl von Desktop-Computern führte zu einer Dezentralisierung der Datenverwaltung. Das Rechenzentrum, das seit der Gründung der Bremer Universität bestand, wurde zum Regionalen Rechenzentrum (RRZ) ausgebaut. 1991 wurde schließlich das Zentrum für Netze (ZfN) eingerichtet, das sich in den Anfangsjahren um die dezentrale Versorgung der Hochschul-IT kümmerte.

Aus alt mach neu

In den 1990er Jahren entwickelte sich die Digitaltechnik rasant. 1994 ging die Universität Bremen online. Für das ZfN brachten die grundlegenden Veränderungen in der Informationstechnik immer mehr Aufgaben mit sich. Seit 2014 betreibt es auch das neu gebaute Green-IT-Housing-Center, in dem die Rechner-Infrastruktur der Universität und der außeruniversitären Forschungsinstitute zusammengefasst ist. Für mich passt es zu der hier skizzierten Entwicklung, dass das Green-IT-Housing-Center neben der Annahmestelle für Elektroschrott in der Halle der ehemaligen Müllsauganlage eingerichtet wurde. Der „Bremer Uni-Schlüssel“, die offizielle Zeitung der Universität, kommentierte in seiner Ausgabe vom April 2013 das Bauvorhaben mit dem Satz: „Aus alt mach neu“. Rückblickend fällt mir auf, dass Mitarbeitende des ehemaligen RRZ an der Planung des Green-IT-Housing-Center beteiligt waren und daran mitgewirkt haben, die Idee eines zentralen Ortes für Datenverarbeitung wiederzubeleben. Damit kehren meine Gedanken zurück zu der Vitrine im GEO-Gebäude, in der ein Rechner mit der Objektnummer 3083540 ausgestellt ist.

Obaichthys decoratus

Andreas Schweers

Wiederentdeckt

Im Jahr 1995 spendete eine alte Dame der Universität Bremen ein Fossil, dessen Besonderheit sich erst sechs Jahre später herausstellen sollte. Sie hatte mit ihrem Mann eine Weile in Südamerika gelebt und das besondere Stück zur Erinnerung an diese Zeit aufbewahrt. Bis 2001 lagerte es wenig beachtet in einer Schublade der Geowissenschaftlichen Sammlung. Erst während der Vorbereitungen zu einer Ausstellung wurde es wiederentdeckt.

Ein ganz besonderer Fisch

Bei dem Fossil handelt sich um einen Obaichthys decoratus, einen prähistorischen Raubfisch, dessen Nachfahren, die Knochenhechte, bis heute in Nord- und Mittelamerika zu Hause sind. Obaichthys decoratus aber lebte vor etwa 100 Millionen Jahren, in der frühen Kreidezeit, auf dem Gebiet vom heutigen Brasilien. Das hell- bis dunkelbraune Fossil ist ungefähr 37 Zentimeter lang und circa 7 Zentimeter breit. Während auf der einen Seite Haut und Schuppenstruktur gut zu erkennen sind, zeigt die andere Seite das Innere des Tiers mit der Wirbelsäule und dem innen liegenden Gewebe. Kopf, Körper und Flossen sind jeweils gut zu unterscheiden. Wie alle Hechtarten besitzt auch der Obaichthys decoratus einen langen, walzenförmigen Körper mit länglichem Kopf und dem charakteristischen flachen Maul, das an einen Entenschnabel erinnert. Bei dem Fossil aus der Bremer Geowissenschaftlichen Sammlung scheint dieser Teil des Kiefers nicht vollständig erhalten zu sein. Vor allem oben und unten am Körper des Tieres gut zu erkennen sind die besonders harten Ganoid- oder Schmelzschuppen, ein spezielles Merkmal der Knochenhechte.

Von Brasilien nach Bremen

Anfänglich für einen kleinen Hai gehalten, wurde der Fisch 2001 als Obaichthys decoratus identifiziert. Das Fossil konnte auf die sogenannte Santana-Formation zurückgeführt werden, eine bedeutende Lagerstätte von Fossilien in der gleichnamigen Region im Osten Brasiliens. Hier lassen sich unter anderem Überreste von Krokodilen, Schildkröten und auch Dinosauriern ausgraben. Funde aus Santana gelangen in touristischen Regionen Brasiliens nicht selten in den Verkauf als Souvenirs. So kam womöglich auch das Bremer Fossil in den Besitz seiner Spenderin. Auf der ganzen Welt berühmt wurde die Santana-Formation nicht wegen der Überreste von Dinosauriern, sondern vor allem aufgrund der großen Mengen dort gefundener Fischfossilien. Diese blieben mehrheitlich in einem ausgezeichneten Zustand erhalten und sind deshalb von besonderem Wert für die Paläontologie. So verwundert es nicht, dass die Erforschung dieser Region bereits 1817 von den beiden Naturforschern Johann Baptist von Spix (1781–1826) und Carl Friedrich Philipp von Martius (1794–1868) im Rahmen einer von König Maximilian I. Joseph von Bayern (1756–1825) finanzierten Brasilien-Expedition begonnen wurde.

Tierfamilien wie die Knochenhechte werden auch als „lebende Fossilien“ bezeichnet, weil sie sich im Laufe der Jahrmillionen kaum verändert haben. Die gefundenen Fossilien als eigene Arten zu identifizieren und nicht bloß als „Urgroßeltern“ der heute lebenden, ist also nicht ganz einfach. So wurde der Obaichthys decoratus erst 1992 als eigene Art beschrieben. Darum erregt jeder neue Fund das Interesse der Fachwelt – auch das Bremer Fossil, als es korrekt zugeordnet worden war. Es wurde zur genauen Untersuchung an einen Experten in Chicago geschickt. Wahrscheinlich hat es dazu beigetragen, dass schließlich 2010 die Obaichthyidae als eigene, wenngleich ausgestorbene Gruppe von Raubfischen beschrieben werden konnten. Das Fischfossil der Geowissenschaftlichen Sammlung der Universität Bremen ist ein besonderes Objekt: Es steht für die Faszination, die Dinge aus längst vergangenen Zeiten auf uns ausüben. Mit seiner ungewöhnlichen Herkunfts- und Forschungsgeschichte belegt es außerdem stellvertretend die Einbindung der Bremer Universität in die internationale Wissenschaftsgemeinschaft.

Mensabrand

Eva Voßhans

Ein verheerendes Bild

Eines der einschneidendsten Ereignisse in der 50-jährigen Geschichte der Universität Bremen ist der Brand der Mensa am 17. Juni 1997. An diesem Tag stand die zentrale Verpflegungseinrichtung auf dem Campus in Flammen. Zwei Kinder hatten auf dem Dach gezündelt und so das Feuer ausgelöst. Der ehemalige Geschäftsführer des Studierendenwerks Bremen, Christian Rohlfing, erinnert sich: Das könne und dürfe nicht sein, habe er in der ersten Minute gedacht. Die abgebrannte Mensa habe „ein verheerendes Bild“ geboten. Nach den Löscharbeiten zeigte sich das ganze Ausmaß der Verwüstung. Auch das über der Mensa liegende Studierendenwohnheim war betroffen. „Ich befand mich ab sofort im Krisenmodus“, so Christian Rohlfing. Wie sollte vor allem die Essensversorgung der Studierenden und Lehrenden weitergehen?

Freimarkt-Atmosphäre

Die 150 Studierenden des Wohnheims wurden unter anderem im nahe gelegenen Hotel Munte sowie in privaten Quartieren untergebracht. Herausfordernder gestaltete sich die Sicherstellung der Essensversorgung. Um eine halbwegs vernünftige Lösung zu finden, bezog Rohling das Personal der Mensa und das der Zulieferer in die Planung mit ein. Behelfsmäßig wurde die Ausgabe der Speisen auf dem Campus im GW2-Gebäude untergebracht. So konnte die Mehrzahl der Mitarbeiter*innen der Mensa weiterbeschäftigt werden. Im November, fünf Monate nach dem Brand, wurde diese Übergangslösung durch ein Zelt ersetzt. Dadurch und durch die mobilen Imbisswagen auf dem Campus entstand für Studierende und Beschäftigte eine Art Freimarkt-Atmosphäre an der Universität.

Mensa 2000

Drei Jahre später, am 14. März 2000, wurde die neue, hochmoderne Mensa mit effizientem Bedien- und Ausgabesystem eröffnet. Bis zu 6.000 Mittagessen konnten in zweieinhalb Stunden ausgegeben werden. Nicht nur das Ambiente war mit Porzellangeschirr zeitgemäßer als vor dem Brand, sondern auch das Essensangebot: Neben dem Stammgericht und Menü gab es nun eine Salattheke und einen „Auswahltresen“, unter anderem für Vegetarier*innen. Mit der Neueröffnung hielt die Digitalisierung Einzug in die universitäre, gastronomische Einrichtung. In der Mensa erleichterten computergesteuerte Dampfdruckgargeräte und Fließband-Fritteusen die Zubereitung der Speisen. Dem Konzept der „Mensa 2000“ entsprechend sollte fortan zur Vermeidung langer Wartezeiten digital bezahlt werden: Die MensaCard war ein 4,5 Gramm leichtes, rechteckiges Stück Plastik mit abgerundeten Kanten. Die Karte war 8,5 Zentimeter lang, 5 Zentimeter hoch und einen Millimeter breit.

Doch wie so oft in der Geschichte der Bremer Universität rief diese Innovation Protest hervor. Anders als das durch die Plastikkarte erworbene Essen, welches sich gegenüber der alten Küche stark verbessert hatte, stieß die neue Bezahlmöglichkeit auf Kritik. Da an sechs der acht Kassen nur noch bargeldlos bezahlt werden konnte, empfanden die Studierenden die MensaCard als Zwangsmaßnahme. Zudem empörte sie die Erfassung der Matrikelnummer bei der Anmeldung für die Karte; das Essen sei nicht mehr anonym. Das Studierendenwerk erklärte in einem Informationsheft, dass es sich bei der MensaCard nicht um eine „Datenkrake“ handle. Boykottiert wurde sie trotzdem. An den beiden verbliebenen „klassischen“ Bezahlkassen bildeten sich an den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung der Mensa lange Schlangen. „Eigentlich wollte das Studentenwerk durch die weitgehende Umstellung auf die neue Mensa-Card Staus vermeiden, passiert ist aber erstmal das Gegenteil“, kommentierte die „taz“ am 15. März 2000. Zwar gibt es bis heute Vorbehalte gegenüber dem bargeldlosen Bezahlen, aber dennoch ist rückblickend klar: Mit der Wiedereröffnung der Mensa im März 2000 begann bei der Essensversorgung das digitale Zeitalter. Oder, um noch einmal Christian Rohlfing zu Wort kommen zu lassen: „Mit der Zerstörung der alten Mensa, einem zunehmend unwirtlichen Ort und einer veralteten Technik, eröffnete sich die einmalige Chance zu einem völligen Neuanfang, der mit einem schlichten Umbau nicht erreicht worden wäre.“

Haus der Wissenschaft

Anna Leinen

Stadt der Wissenschaft

2005 wird Bremen „Stadt der Wissenschaft“. In dem zum ersten Mal stattfindenden Wettbewerb überzeugte die Hansestadt, gemeinsam mit Bremerhaven, die Jury des „Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft“ mit einem Konzept zur Vernetzung von Wissenschaft, Wirtschaft und Stadt. Einer der Höhepunkte des umfangreichen Jahresprogramms ist die Eröffnung des Hauses der Wissenschaft in der Sandstraße 4/5. Was passt besser zu der Auszeichnung „Stadt der Wissenschaft“, als eine Institution, die Forschung und Wissenschaft in der Mitte ebendieser Stadt verankert?

Wissenschaft in bester Lage

Durch den Standort des Hauses unweit des Rathauses rückt das Wirken der Campus-Universität mit ihren zahlreichen renommierten Forschungseinrichtungen ins Zentrum der Stadt und ihrer Bürger*innen. Das Gebäude selbst hat eine bewegte Geschichte hinter sich: 120 Jahre diente es als Haus „Vorwärts“ dem gleichnamigen Arbeiterbildungsverein für Treffen und Sitzungen. 1973 unter Denkmalschutz gestellt, war es von 1974 bis 2000 eine Polizeiwache. 2005 halten Forschung und Wissenschaft Einzug, nachdem auf einer Fläche von 1.400 Quadratmetern mehrere Vortragssäle und Räume für wechselnde Ausstellungen entstanden sind. Die Einrichtung wird getragen von einem gemeinnützigen Verein, dem vierzehn namhafte Institutionen angehören, darunter die Bremer Universität, die Hochschulen Bremen und Bremerhaven, das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, das Deutsche Zentrum für Künstliche Intelligenz, das Deutsche Schifffahrtsmuseum, das Fraunhofer-Institut für Digitale Medizin MEVIS, das Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM, das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung sowie das Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie.

Für die Gesellschaft

Mit dem Haus der Wissenschaft betreten die Träger bundesweit Neuland. Ihr Ziel: Die Stadtgesellschaft für Forschung zu begeistern und sie mit Weiterbildungsangeboten und innovativen Formaten direkt anzusprechen. Das spiegelt auch die Eröffnungsrede des damaligen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wider. So betont der Biochemiker Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker die Wichtigkeit des neuen Begegnungszentrums für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft: „Gerade wegen der Ambivalenz des Fortschritts bleibt als Ausweg allein der Weg an die Öffentlichkeit, um mit ihr die Alternativen zu erörtern und sie entscheiden zu lassen.“

Von Neandertalern und Regenwürmern

Die ersten Schritte auf dem Weg heraus aus Laboren und Hörsälen und hinein in die Öffentlichkeit macht das Haus der Wissenschaft mit seinem Tag der offenen Tür am 1. Oktober 2005. Zeitgleich startet mit „Albert Einstein – Mann des Jahrhunderts“ die erste Ausstellung. Die Veranstaltungsreihe „Wissenschaft und Wirtschaft“ im November 2005 lädt die Bremer*innen ein, ihre Stadt „auf dem Weg zur High-Tech-Region“ neu kennenzulernen. Formate wie „Wissen um 11“ bieten Raum für Referent*innen aus der Wissenschaft, die interessierte Bürger*innen an ihren Forschungen teilhaben lassen. Dabei stehen die großen und kleinen Fragen der Wissenschaft genauso im Fokus wie aktuelle gesellschaftspolitische Themen: Konnten Neandertaler sprechen? Wie bauen Regenwürmer Schadstoffe ab? Was sagen uns die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl? Sechzehn Jahre nach der feierlichen Eröffnung steht fest: Das Konzept, durch anschauliche Berichte aus der Forschung den Transfer zur Stadtgesellschaft herzustellen, funktioniert. Bis heute begeistern Vortragsreihen, Schüler*innen-Projekte und wechselnde Ausstellungen Bremer*innen weiterhin für Wissenschaft „direkt vor der Haustür“.

Zentrales Prüfungsamt

Chantal Karstens

Freiheit durch Bologna?

Am 19. Juni 1999 unterzeichnen die Vertreter*innen von 29 europäischen Staaten, darunter Deutschland, im italienischen Bologna eine gemeinsame Erklärung. Die Ziele: Schaffung eines europäischen Hochschulraums bis 2010, europaweite Vergleichbarkeit von Studiengängen und -abschlüssen sowie mehr Mobilität und Chancen für Studierende. Die sogenannte Bologna-Erklärung hat für die Bundesrepublik weitreichende Folgen: Eine Umstrukturierung der Studiengänge für eine Vereinheitlichung wird notwendig; Diplom und Magister werden von Bachelor- und Masterabschlüssen abgelöst. Der Bachelor bietet die Möglichkeit des vorzeitigen Berufseinstiegs. Mit den neuen Abschlüssen sollen mehr Optionen für Studierende geschaffen werden. Ein zweistufiges System wird eingeführt. Von nun an wird das European Credit Transfer System (ECTS) etabliert: Credit Points als neue Währung des Studiums. Auch das Lehramtsstudium, das bislang mit dem Staatsexamen abgeschlossen wurde, unterliegt der Reform. Im Bundesland Bremen erfolgt die Umstellung zum Bachelor of Arts und Master of Education zum Wintersemester 2005/06. Das löst die bisherige Struktur für das Lehramt ab: Die Stufenlehrerausbildung wird abgeschafft, die Ausbildungsdauer verlängert und schulpraktische Anteile neu verteilt.

Der sogenannte Bologna-Prozess verändert darüber hinaus die Organisationsabläufe in den Hochschulen. Für die damals eingeführten Prozesse in den Verwaltungen, die auch heute noch den Alltag der Studierenden bestimmen, steht an der Universität Bremen das Zentrale Prüfungsamt für die Sozial- und Geisteswissenschaften (ZPA). Dessen Eingang befindet sich auf dem Universitäts-Boulevard neben der Mensa im Zentralbereich B. Das ZPA ist nicht nur zuständig für die Prüfungsangelegenheiten der Fachbereiche mit höheren Nummern, sondern auch für alle Lehramtsstudierenden, und zwar unabhängig von der Fachbereichszugehörigkeit.

Fair?

Im Jahr 2010, dem angestrebten Ende des Prozesses, mehren sich die gegnerischen Stimmen. In etlichen Bundesländern wird demonstriert. Intransparenz, Verschulung und das Richten nach wirtschaftlichen Interessen sind einige der vielen Punkte, die diskutiert und kritisiert werden. Was ist damit gemeint? „Vor Bologna waren wir viel freier im Studium. Wir mussten weniger Leistungen erbringen und es hat trotzdem gut funktioniert“, erzählt Herr S., der in den 1990er Jahren an der Universität Bremen auf Lehramt studierte und dem sein Zeugnis über die Erste Staatsprüfung für das Lehramt an öffentlichen Schulen von der Freien Hansestadt Bremen nur wenige Woche nach der Unterzeichnung der Bologna-Erklärung ausgestellt wurde. „Wir hatten ein kleines Kind und konnten nicht immer anwesend sein. Aber die Struktur des Studiums hat dies unterstützt und für uns möglich gemacht, die Ausbildung zu beenden. Andere wiederum konnten im Ausland für einige Semester studieren, das hat auch damals keinerlei Probleme bereitet“, erzählt er. Seiner Meinung nach helfe das neue System vor allem der Wirtschaft. Es helfe den Firmen billige, gut ausgebildete Arbeitskräfte durch den Bachelor-Abschluss zu bekommen. An die Studierenden werde dabei kaum gedacht. Mit dieser Meinung steht er nicht allein da. Der Sozialwissenschaftler Martin Winter weist unter anderem auf die Entwertung des Abiturs hin. Er betont, dass das Abitur nur noch eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung zur Hochschulzulassung darstelle. Die Hochschulen stellten zunehmend eigene Ansprüche wie Sprachkenntnisse oder Praktika für die Vergabe ihrer Studienplätze. Diese Entwertung sei zwar nicht explizit in der Reform verankert, habe sich aber parallel zur Umsetzung der Bologna-Erklärung entwickelt.

Zwischenfazit 2021

Auch im Jahr 2021 ist der „Bologna-Prozess“ nach wie vor nicht abgeschlossen – auch nicht in Bremen: Ein stabiles System wurde aufgelöst und musste einer Reform weichen, die fehlerhaft ist und die Freiheit der Studierenden einschränkt. Eine Weiterentwicklung ist notwendig und das Ziel eines funktionierenden europäischen Hochschulraums weiterhin zentral. Die Kritiker*innen werden nur dann schweigen, wenn die Kritikpunkte verschwinden.

Aktualisiert von: Anna Leinen