Projektdetails
Diagnose- und Entscheidungsfindung in der Latenzphase der Geburt (DELph)
Caroline Jeltsch;
Beschreibung
Hintergrund
98% der Geburten werden jedes Jahr im klinischen Setting betreut (RKI 2023). Die Geburt ist sowohl für die Gebärende, als auch für das Kind ein vulnerabler Prozess und erfordert eine bedarfsgerechte und schwangerenzentrierte Betreuung (BMG 2016). Die S3-Leitlinie „Vaginale Geburt am Termin“ (2020) empfiehlt Klinikaufnahmen bis zur aktiven Eröffnungsphase abzuwarten und ohne medizinische Indikation keinerlei Interventionen zur Beschleunigung des Geburtsprozesses vorzunehmen. Jedoch suchen mehr als die Hälfte der schwangeren Frauen in Deutschland bereits während der Latenzphase die Klinik auf (IQTIQ 2024). Die Latenzphase ist dabei die zeitlich undefinierte erste Phase der Geburt. Sie ist gekennzeichnet durch unregelmäßige, individuell schmerzhaft empfundene Wehentätigkeit, die ein Verstreichen der Cervix, sowie eine Eröffnung des Muttermundes auf ca. 4-6 cm bewirkt (WHO 2018; NICE 2017).
Ein frühzeitiger stationärer Betreuungsbeginn geht häufig mit einem vermehrten Einsatz von Interventionen und operativen Geburten im weiteren Geburtsverlauf einher (Tilden et al. 2020). Demgegenüber stellt eine Entlassung nach Hause bei schmerzhafter Wehentätigkeit eine Unterversorgung dar (Janssen et al. 2009).
Parallel dazu hat sich seit 1991 die Zahl der geburtshilflichen Standorte um 43% reduziert. Die Schließung geburtshilflicher Standorte bewirkt, dass eine zunehmende Zahl von Schwangeren keine wohnortnahe geburtshilfliche Versorgung findet und damit ein frühzeitiges Aufsuchen der Klinik begünstigt werden könnte. Gleichzeitig gibt es Barrieren, die eine ambulante Betreuung durch Hebammen aufgrund der unattraktiven Vergütung bei gleichzeitig hohen Versicherungspolicen erschweren. In Deutschland existiert derzeit kein verlässliches Versorgungskonzept für Frauen, die Beratungs- und Betreuungsbedarf während der Latenzphase der Geburt haben.
Ziel
Das Ziel der geplanten Forschungsarbeit ist eine Bedarfs- und Versorgungsanalyse der Latenzphasenbetreuung für Schwangere in Deutschland. Die kumulative Dissertation analysiert den Informations- und Betreuungsbedarf von Gebärenden in der Latenzphase der Geburt und ob und wie vor dem Hintergrund der Zentralisierung von Krankenhäusern die Empfehlungen der S3-Leitlinie im klinischen Versorgungssetting umgesetzt werden können. Basierend darauf werden Empfehlungen für ein adäquates Schnittstellenmanagement generiert.
Methoden
Es werden zunächst internationale Versorgungskonzepte bzw. komplexe Interventionen für Schwangere während der Latenzphase der Geburt im Rahmen eines Scoping Review nach Leitfaden des Joanna Briggs Institute (2020) erfasst und bezüglich Interventionskomponenten ausgewertet. In Hinblick auf mögliche Implementierungsmöglichkeiten in Deutschland sollen diese in die deskriptive Analyse der jetzigen Versorgungssituation einbezogen werden.
Für eine weiterführende zielgruppenorientierte Bedarfsanalyse werden Mütter sowie Hebammen hinsichtlich des Informations- und Unterstützungsbedarf von Schwangeren in der Latenzphase in Deutschland mittels leitfadengestützte Expert*inneninterviews befragt.
Erwartete Ergebnisse
Die Ergebnisse der Interviews und des Scoping Reviews dienen als Grundlage zur Erarbeitung eines Versorgungskonzeptes für ein optimiertes Schnittstellenmanagement zwischen Klinik und Außerklinik.
Das geplante Promotionsvorhaben wird im Rahmen einer kooperativen Promotion an der Jade Hochschule (JHS) im Rahmen des Projektes DEAL (Data- Driven-Health) durchgeführt, an der die Verfasserin Stipendiatin ist.

