Lehre & Studium

Junge Menschen arbeiten am Laptop.

Fünf Jahre Ethik-Lehre in den gesundheitswissenschaftlichen Studiengängen der Universität Bremen

Solveig Lena Hansen

Public Health ist an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Praxis mit komplexen, oft kontroversen Entscheidungen konfrontiert. Fragen wie „Was sollen wir tun?“, „Wem nützt eine Intervention – und wem nicht?“ oder „Welche Verantwortung trägt die Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft?“ verlangen nach ethischer Reflexion.

Ethik beantwortet solche Fragen, indem sie Handlungsoptionen systematisch bestimmt, bewertet und priorisiert. Sie bietet Werkzeuge zur Abwägung und Entscheidungsfindung – stets unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Pluralität. Im Gesundheitskontext geht es nicht um abstrakte Prinzipien, sondern um den Einbezug von Überzeugungen unterschiedlicher Interessens- und Dialoggruppen. Entsprechend arbeiten Public-Health-Ethiker:innen häufig interdisziplinär und finden als Vertreter:innen eines Querschnittsfachs Anschluss an verschiedene Forschungsparadigmen.

In Deutschland ist Public Health Ethik ein sehr junges Fach, das sich aktuell in der Entwicklung und Profilbildung befindet. Im internationalen Vergleich existieren bislang nur wenige institutionalisierte Strukturen, um ethische Reflexion systematisch zu verankern.

Die Chance kompetenzorientierter Lehre

Lehre kann ethische Reflexion frühzeitig verankern und so angehende Public-Health-Professionals auf ihre gesellschaftliche Verantwortung vorbereiten. Gute Ethik-Lehre ist dabei nicht auf das Vermitteln von Fachwissen beschränkt. Sie fördert moralische Urteilskompetenz, diskursive Fähigkeiten, kritische Recherchekompetenz und die Fähigkeit zur Entscheidungsfindung. Studierende lernen, normative und epistemische Grundlagen – etwa von Gesundheitsinterventionen, Forschungsvorhaben oder politischen Maßnahmen – kritisch zu hinterfragen. Ziel ist es, die eigene Haltung begründen zu können, andere Positionen zu verstehen und im gemeinsamen Dialog tragfähige Lösungen zu erarbeiten. Auch die Gestaltung konstruktiver Diskursräume, der Umgang mit Unsicherheit und der interprofessionelle Austausch sind zentrale Bestandteile dieser Kompetenzbildung.

Verankerung der Ethik in den Bremer Gesundheitswissenschaften

Am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen gibt es seit 2020 eine Vollzeitstelle für Public Health Ethik (Universitätslektorat), die seit 2023 mit einer Arbeitsgruppe am Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP) angesiedelt ist. Seit 2020 wurde Ethik-Lehre im Bachelor Public Health/Gesundheitswissenschaften und in den Master-Studiengängen Public Health – Gesundheitsförderung und Prävention, Public Health – Gesundheitsversorgung, Ökonomie und Management sowie Epidemiologie verankert. Entsprechend dem Charakter eines Querschnittsfachs gibt es kein explizites Ethik-Modul, sondern eine Integration ethischer Themen in verschiedene Module. Die Module und Lehrveranstaltungen sind sowohl im Pflicht- als auch im Wahlbereich verankert.1 In den am Fachbereich öffentlich annoncierten Master-Lehrveranstaltungen sind regelmäßig Gäste eingeladen, um Studierenden einen Einblick in die ethische Fachcommunity zu geben und von der praktischen Expertise z.B. im Bereich der Ethikberatung zu profitieren.

Neben klassischen Seminaren bietet Bremen Räume für innovative Lehr-Lern-Formate, beispielsweise über das Modul Open General Studies. Prüfungen (z. B. Portfolio, Hausarbeit, Referat) orientieren sich häufig an Themen der eigenen Wahl. Sie bieten im Sinne des forschenden Studierens eine Möglichkeit, eigenen Interessen nachzugehen oder die Berufspraxis mit Ethik zu verknüpfen. Eine Besonderheit ist dabei die Verbindung ethischer Fragen mit Filmanalysen im konsekutiven Schwerpunkt Health Humanities (B.A. Public Health/Gesundheitswissenschaften).

Lehr-Lern-Beziehungen als ethische Praxis

Ein zentraler Gedanke des Bremer Curriculums ist die Gestaltung von fürsorglichen und partizipativen Lehr-Lern-Beziehungen. Denn Lehren ist immer auch eine ethische Tätigkeit. Lehrende beeinflussen mit ihrem Handeln – sei es durch Bewertungen, Kommunikation oder Ressourcenzuteilung – das Wohlergehen und die Entwicklung der Studierenden. Lehrende sollen nicht nur Fachwissen weitergeben, sondern reflektiert und verantwortungsvoll agieren. Dies zeigt sich in einem Verständnis von Fürsorge, Anerkennung und Diversität als zentrale Elemente gelingender Bildung. Transparente Kommunikation oder das gemeinsame Aushandeln von Seminarinhalten schaffen ein Klima der Wertschätzung – und fördern Beteiligung sowie Vertrauen. So bleiben Begriffe wie Gerechtigkeit und Partizipation nicht nur theoretische Konzepte, sondern werden als handlungsleitende Prinzipien erfahrbar, z.B. durch Dialog, Transparenz und das Vorleben professioneller Standards.

Zukünftige Aufgaben

Trotz vieler Impulse bleibt noch viel zu tun. In den kommenden Jahren sollen paradigmatische Fallbeispiele systematisch gesammelt werden, um die ethische Reflexion an konkreten, praxisnahen Fällen zu stärken. Parallel dazu bedarf es einer kreativen Weiterentwicklung der didaktischen Formate, um ethische Inhalte zugänglich, differenziert und interaktiv zu vermitteln. Ebenso wichtig ist ein Überblick über die Integration von Ethik in gesundheitswissenschaftliche Curricula auf bundesweiter Ebene, um vorhandene Strukturen sichtbar zu machen und Synergien zu fördern. Die flächendeckende Verankerung forschungsethischer Standards in der Lehre ist ebenfalls eine zukunftsweisende Aufgabe. Nicht zuletzt soll die Bedeutung von Lehr-Lern-Beziehungen als ethische Praxis weiter gestärkt und wissenschaftlich reflektiert werden.

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1 Die einzelnen Lehrveranstaltungen sind einzusehen auf der Website der AG: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/abteilungen-arbeitsgruppen/public-health-forschung/public-health-ethik-und-health-humanities. Details werden auf Nachfrage gerne mitgeteilt.
 

PD Dr. Solveig Lena Hansen
Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP), Universität Bremen
AG Public Health Ethik und Health Humanities
✉ sohansen@uni-bremen.de
www.solveiglenahansen.de / www.public-health-ethik.de

Zitierweise: 

Hansen SL. Fünf Jahre Ethik-Lehre in den gesundheitswissenschaftlichen Studiengängen der Universität Bremen. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):35-36. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo

 


Wahlschwerpunkt Environmental Public Health im BA Public Health/Gesundheitswissenschaften ist Teil des neuen Zertifikatsprogramms Nachhaltigkeit „BRENA“

Gabriele Bolte, Stefanie Dreger

Seit Wintersemester 2023/2024 bieten Prof. Dr. Gabriele Bolte und Dr. Stefanie Dreger den Wahlschwerpunkt Environmental Public Health im Bachelorstudiengang Public Health/Gesundheitswissenschaften an der Universität Bremen an.

Im Mittelpunkt dieses Wahlschwerpunkts steht die Relevanz von Umwelteinflüssen auf die menschliche Gesundheit aus einer Public-Health-Perspektive im Kontext von Planetary Health, der globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDG) sowie Umwelt- und Klimagerechtigkeit.

Der einjährige Wahlschwerpunkt umfasst zwei Module: Während das erste Modul gekennzeichnet wird durch die Frage „Was ist das Problem?“, steht im darauf aufbauenden zweiten Modul die Frage „Was sind Lösungen?“ im Vordergrund. Die Problemidentifikation bezieht sich auf ein vielfältiges Spektrum von gesundheitsrelevanten Umweltbelastungen und -ressourcen auf regionaler bis globaler Ebene. Lösungsstrategien umfassen klassische Ansätze des umweltbezogenen Gesundheitsschutzes bis hin zu integrativen Ansätzen einer gesundheitsfördernden und nachhaltigen Stadtentwicklung sowie Health-in-All-Policies.

Die Studierenden erarbeiten zu einem selbstgewählten Thema aus dem Themenspektrum des Wahlschwerpunkts in Forschungsteams von 3-5 Studierenden zwei innovative und praxisorientierte Formate der Gesundheitsberichterstattung und Politikberatung: Ein Factsheet zur Darstellung der Problemlage in einer ausgewählten Stadt oder Region und deren spezifische Gesundheitsrelevanz am Ende des ersten Moduls und ein Podcast zum Aufzeigen und zur Diskussion von Lösungsansätzen und konkreten Interventionen am Ende des zweiten Moduls.

Die Themen der studentischen Forschungsteams umfassen bisher Luftqualität, Lärmbelastung, Starkregenereignisse, Trinkwasserqualität und Lichtverschmutzung in ausgewählten Städten oder Regionen sowie Grünflächen als gesundheitsfördernde Ressource im urbanen Raum.

Seit Wintersemester 2025/2026 sind die beiden Environmental Public Health-Module Teil des neuen Bremer Nachhaltigkeitszertifikatsprogramms BRENA im Modul 3 „Nachhaltige Entwicklung gestalten“. BRENA steht allen Studierenden im Land Bremen zur Verfügung und bietet fächerübergreifend thematisches Basiswissen und anwendungsbezogene Kompetenzen zu Nachhaltigkeitsthemen und Prozessen der sozial-ökologischen Transformation.

Prof. Dr. Gabriele Bolte, Dr. Stefanie Dreger

Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung IPP, Abt. Sozialepidemiologie

Mail: gabriele.bolteprotect me ?!uni-bremenprotect me ?!.de

Zitierweise:

Bolte G, Dreger S. Wahlschwerpunkt Environmental Public Health im BA Public Health/Gesundheitswissenschaften ist Teil des neuen Zertifikatsprogramms Nachhaltigkeit „BRENA“. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):36-37. Available from: www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo


Zitierweise

Bolte G, Dreger S. Wahlschwerpunkt Envinronmental Public Health im BA PUblic Health/Gesundheitswissenschaften ist Teil des neuen Zertifikatsprogramms Nachhaltigkeit “BRENA”. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):36-37. Available from: www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo

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