Leitthema

Reallabore: Wo Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam Zukunft testen
Franziska Stelzer
Ob klimafreundliche Mobilität, Bauwende oder neue Ideen für die Innenstadt – in Reallaboren erproben Forschende, Unternehmen, Stadtverwaltung, zivilgesellschaftliche Organisationen und Bürger*innen gemeinsam, wie Wandel konkret gelingen kann.
Wissenschaft und Gesellschaft – gemeinsam für den Wandel
Klimakrise, Digitalisierung, Artensterben, multiple Krisen: Die Herausforderungen unserer Zeit sind komplex – und sie lassen sich nur gemeinsam lösen (1). Immer häufiger arbeitet Wissenschaft nicht nur für, sondern auch mit der Gesellschaft. Das Ziel: praxisnahe Lösungen entwickeln, die Wandel anstoßen.
Ein zentraler Ansatz ist die transformative Forschung. Sie richtet sich an realen Problemen aus, sucht gemeinsam mit Praxisakteur*innen z.B. aus der Stadtverwaltung, Bürger*innen aus zivilgesellschaftlichen Initiativen oder mit Unternehmen nach Zielen und Wegen und erprobt diese in der Praxis. Es geht dabei nicht nur um Wissen über Systeme, sondern auch um Zielwissen („Wo wollen wir hin?“) und Transformationswissen („Wie kommen wir dorthin?“) (2).
Reallabore: Wandel im Praxistest
Besonders sichtbar wird dieser Ansatz in Reallaboren. Dies sind Kooperationsprojekte zwischen Forschung und Praxis (3). In diesen werden auf Augenhöhe gemeinsam Ideen, Inventionen und Lösungsansätze für die Nachhaltigkeitstransformation entwickelt und in „Realexperimente“ unter realen Bedingungen erprobt, erforscht und weiterentwickelt. Ziel ist es, aus den Experimenten zu lernen, sie bei Erfolg zu verstetigen und auf andere Kontexte zu übertragen.
Reallabore durchlaufen meist drei Phasen (4):
- Co-Design – gemeinsame Entwicklung von Fragestellungen,
- Co-Produktion – Umsetzung und Begleitung der Experimente,
- Co-Evaluation – Bewertung der Ergebnisse.
Kernprinzipien von Reallaboren sind u.a. Transdisziplinarität, langfristige Ausrichtung, Nachhaltigkeitsorientierung, lösungsoffene Experimente und eine enge Verzahnung von Lernen und Reflexion (5).
Politischer Rückenwind für Reallabore
Seit rund zehn Jahren wächst das Interesse an Reallaboren – auch politisch. Ministerien fördern sie – mit einem zunehmend besseren Verständnis der Bedarfe[1] dieses transdisziplinären und transformativen Forschungsansatzes (1), Netzwerke vernetzen Akteur*innen (siehe z.B. Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit“) (6). Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie arbeitet sogar an einem Reallabore-Gesetz, um rechtliche Spielräume zu schaffen.
Reallabor-Praxis: Projekt „SInBa - Soziale Innovationen in Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung“
Bauen und Wohnen stehen angesichts der Klima- und Ressourcenkrisen, veränderter Wohnbedürfnisse sowie steigender Ansprüche an die Flächennutzung vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Dabei reicht es nicht aus, nur auf technische Lösungen zu setzen – auch soziale Innovationen müssen stärker in den Mittelpunkt rücken. Soziale Innovationen (SI) versuchen durch anderes Handeln, anderes Denken oder anderes Organisieren neue Lösungen und Ideen für Problemstellungen zu entwickeln und können von verschiedenen Akteur*innen aus der Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Forschung, Verwaltung und Politik angestoßen und umgesetzt werden (7).
Im Kontext des SInBa-Projekts geht es um soziale Innovationen in der Stadtentwicklung wie gemeinschaftliche Wohnprojekte im Bestand oder kooperative Nahwärmeversorgung im Quartier, die helfen, klimaneutrales und klimagerechtes Bauen und Wohnen zu fördern (7). Es werden verschiedene SI in zwei Städten – Mannheim und Wuppertal – analysiert, in Realexperimenten erprobt und auf ihrem Weg aus der Nische in die Breite begleitet (siehe Abbildung 1).


Das Reallabor-Design ist folgendermaßen aufgebaut:
- Co-Design: Zu Beginn werden SI lokal und überregional untersucht und eine inhaltlich passende Auswahl für die beiden Städte getroffen.
- Co-Produktion: Im weiteren Verlauf werden Reallabore in beiden Städten eingerichtet, in denen die SI realexperimentell erprobt und unter Anwendung des Instrumentariums des Innovationsmanagements skaliert und transferiert werden. Begleitend werden allgemeine Transformationserfordernisse – im Hinblick auf kommunale Rahmenbedingungen als auch auf Landes-/Bundes- oder EU-Ebene – analysiert und reflektiert.
- Co-Evaluation: Ziel ist es, die Wirkung der SI zu bestimmen und die gewonnenen Erkenntnisse mittels Transferkonzepten zu verbreiten und erfolgreiche soziale Innovationen zu verstetigen.
Wie können Reallaboren gelingen?
Damit Reallabore wirken, braucht es mehr als gute Ideen. Es braucht eine Balance zwischen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Zielen und Mut zum Ausprobieren trotz des Risikos des Scheiterns. Kooperationen mit Praxisakteur*innen und gesellschaftlichen Akteur*innen müssen frühzeitig aufgebaut und klare Rollen vereinbart werden. Die räumliche Verankerung und damit der Kontextbezug der Aktivitäten und Experimenten, welche über Co-Design, Co-Produktion und Co-Evaluation stattfindet, schafft Sichtbarkeit und Vertrauen in den Prozess.
Da sich Kontextbedingungen und Zuständigkeiten verändern und unerwartete Ereignisse auftreten können, braucht es eine Anpassungsfähigkeit des Vorgehens sowie eine Lern- und Reflexionskultur innerhalb von Reallaborprojekten. Zudem sollten lokale Verstetigungsoptionen für die Ergebnisse aus den Realexperimenten mitgedacht und geprüft werden. Aufgrund des spezifischen Kontextbezugs eines Reallabors ist eine Analyse der Umsetzungspotentiale in einen anderen Kontext kein Selbstläufer und stellt einen wichtigen einzuplanenden Baustein in Reallaborprojekten dar (8).
Die Forschungsförderrahmen und -logiken stellen eine Herausforderung hinsichtlich der Anforderung Langfristigkeit und Verstetigung dar, was in Bezug auf Erwartungsmanagement mit den Praxisakteur*innen transparent kommuniziert werden sollte, damit frühzeitig mögliche Lösungsoptionen gesucht werden können. Es braucht passende Förderrahmen, um die Voraussetzungen transdisziplinärer Zusammenarbeit in Reallaboren (wie z.B. Aufbau der Zusammenarbeit und einer Vertrauensbasis, gemeinsame Entwicklung der Ziele und des konkreten Vorgehens etc.) und eine Anpassungsfähigkeit der Ziele und Methoden an sich dynamisch verändernden Bedingungen in Reallaborprojekten gerecht werden zu können.
Fazit
Reallabore entfalten ihre größte Wirkung, wenn sie als gesellschaftliches Transformationswerkzeug verstanden werden. Wissenschaft muss in und mit der Gesellschaft lebendig werden, denn die Herausforderungen der Gegenwart verlangen, dass Forschung Teil der Lösung ist – gemeinsam mit der Gesellschaft, konkret vor Ort, langfristig und im Dialog. Reallabore zeigen, wie das gehen kann: Sie schaffen Räume, in denen Ideen nicht nur gedacht, sondern gelebt und erprobt werden.
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[1] z.B. Projektlaufzeiten von 3 plus 2 Jahren, zweistufige Verfahren, Budgets für Praxispartner*innen
Dr. Franziska Stelzer
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH
Literatur
(1) Fischedick M, Stelzer F. Wissenschaft in und mit der Gesellschaft: transformative Forschung in Reallaboren. Transfer & Innovation. 2024;3(1): 99-102.
(2) Fischedick M, Haake H, Arnold K, Götz T, Hennes L, Kaselofsky J, Koska T,
Leipprand A, Samadi S, Schüwer D, Speck M, Suerkemper F, Thomas S, Venjakob J, von Geibler J, Wilts H. Transformative Innovationen, Zukunftsimpuls Nr. 18. 2021.
Wuppertal Institut.
(3) Parodi O, Ober S, Lang D J, Albiez M. Real-world lab versus real-world experiment: What makes the difference?. GAIA. 2024;33 (2): 216–221.
(4) Wanner M, Hilger A, Westerkowski J, Rose M, Stelzer F, Schäpke N. Towards a Cyclical Concept of Real-World Laboratories. disP - The Planning Review. 2018;54(2): 94-114, DOI: 10.1080/02513625.2018.1487651
(5) Parodi O, Schwichtenberg R, Stelzer F, Rhodius R, Schreider C, von Wirth T, Lang D J, Marg O, Wagner F, Egermann M, Bauknecht D, Wanner M. Stellungnahme des Netzwerks Reallabore der Nachhaltigkeit zur Reallabore-Gesetz-Initiative. GAIA. 2023; 32(4): 399 –401
(6) Netzwerk Reallabore der Nachhaltigkeit (Internet). 2025 (zitiert am 8. August 2025) verfügbar unter: https://www.reallabor-netzwerk.de/
(7) SInBa (Internet) 2025 (zitiert am 8. August 2025) verfügbar unter: https://sinba-projekt.de/).
(8) Bergmann M, Schäpke N, Marg O, Stelzer F, Lang D J, Bossert M, Gantert M, Häußler E. Transdisciplinary sustainability research in real-world labs: success factors and methods for change. Sustainability Science. 2021; 16: 541–564. https://link.springer.com/article/10.1007/s11625-020-00886-8
Zitierweise
Stelzer F. Reallabore: Wo Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam Zukunft testen. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):5-7. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo. https://doi.org/10.26092/elib/5876

