Leitthema

Die InnovationsCommunity Urban Health – transdisziplinäre und transformative Forschung zu sozialen Innovationen für mehr Umweltgerechtigkeit
Gabriele Bolte, Ellen Senck
Mit der Förderlinie DATIpilot -Fördern & Lernen für Innovation und Transfer verfolgt das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) das Ziel, die Entwicklung technologischer und sozialer Innovationen zu beschleunigen und Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu finden. Das Format der Innovationscommunities ermöglicht die Entwicklung und Erprobung neuartiger Transferformate sowie die zielgerichtete und flexible Gestaltung der für einen Transfererfolg benötigten Partnerschaften.
Seit 2025 wird das Verbundprojekt InnovationsCommunity Urban Health (ICUH) für vier Jahre in DATIpilot des BMFTR gefördert. ICUH folgt dem Leitbild der Umweltgerechtigkeit (1) und unterstützt Städte, gesunde und gerechte Lebensverhältnisse unabhängig von sozialen Ungleichheiten zu schaffen. Im Fokus stehen die altindustriellen Regionen Bremen/Bremerhaven und Ruhrgebiet. Besonders innerstädtische und ehemals industriell geprägte Gebiete, in denen soziale Ungleichheiten stark ausgeprägt sind, stehen vor erheblichen Herausforderungen wie ungleichen Gesundheitschancen, geringer Umweltqualität und eingeschränkter sozialer Teilhabe. Gleichzeitig bieten diese Gebiete Potenziale für sozial-ökologische Veränderungen und verfügen über wertvolle Erfahrungen in der Bewältigung unterschiedlicher sozialer und struktureller Probleme.
Trotz umfangreicher Wissensbestände zu gesundheitlicher Chancengerechtigkeit und Umweltgerechtigkeit kommt es oft nicht zur konsequenten Umsetzung bestehender Leitbilder wie das der Nachhaltigkeit oder gesundheitsfördernden Stadtentwicklung sowie bereits konzipierter Strategien und Maßnahmen. Zentrales Ziel von ICUH ist es daher, Implementationslücken im Bereich der umweltbezogenen Verfahrens- und Verteilungsgerechtigkeit zu überwinden. In Realexperimenten und umsetzungsorientierten Projekten sollen Wissenschaft und Praxis gemeinsam innovative Ansätze zur Überwindung von Umsetzungshemmnissen erproben, die gleichzeitig einen Beitrag zur einer sozial-ökologischen Transformation leisten.
Die InnovationsCommunity Urban Health versteht sich als offene und langfristige Plattform zur Förderung urbaner Gesundheit und Umweltgerechtigkeit. Mit dem transdisziplinären Forschungsansatz werden unterschiedliche Wissensformen, z.B. Alltags- und Erfahrungswissen und Wissen aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, anerkannt und integriert.

Die Projektstruktur ist in Abbildung 1 dargestellt.
Das Management-Projekt von ICUH verfolgt das Ziel, ein Netzwerk aufzubauen, das Wissenschaft, Praxis und diverse Communities vereint. Der transdisziplinäre Prozess wird durch Veränderungs- und Wissensmanagement unterstützt. Das Management-Team von ICUH konzipiert selbst Ausschreibungen für Community-Projekte wie die Implementationspioniere und führt den Auswahlprozess durch. Die in ICUH entwickelten sozialen Innovationen und gewonnenen Erfahrungen gehen in ein Transferkonzept für Urban Health in Kommunen ein.
Das Communityprojekt ExperimentierRäume fokussiert die Handlungsfelder Förderung aktiver Mobilität und Anpassung an Klimawandelfolgen. In ausgewählten Stadtquartieren werden zunächst laufende Prozesse erfasst und Umsetzungshemmnisse systematisch analysiert, um geeignete Anknüpfungspunkte für ko-kreative Realexperimente zu bestimmen. Anschließend werden gemeinsam mit Akteur:innen innovative Ansätze und Methoden entwickelt und erprobt. Die ExperimentierRäume bieten einen Rahmen, um Maßnahmen im Quartier schnell und mit geringem Aufwand zu testen. Ziel ist es, konkrete Handlungsempfehlungen, beispielsweise im Hinblick auf Förderkulissen, gesetzliche Rahmenbedingungen, kommunale Strukturen und Arbeitsprozesse abzuleiten.
Implementationspioniere sind Praxis-Wissenschaft-Teams, die sich mit innovativen Projektideen erfolgreich auf die Call for Ideas von ICUH beworben haben und mit ihren Ansätzen an der Strategie und den Zielen von ICUH mitwirken.
Das CommunityprojektLebensWelt-Expert:innen (LWE) verfolgt die inhaltliche Weiterentwicklung, Erprobung und Evaluation des LWE-Ansatzes im Kontext von Urban Health. LebensWelt-Expert:innen bringen ihr alltags- und communitybezogenes Wissen strukturiert in Forschung, Praxis und Lehre ein. Sie entwickeln kontextspezifische Lösungen und unterstützen die transdisziplinäre Wissensgenerierung.
Der Urban Health digiSpace bietet einen offenen, digitalen Informationsraum zum Thema Urban Health. Inhalte zu Themen wie z.B. alternsfreundlicher Stadtplanung, Bürgerbeteiligung oder Walkability werden für ein breites Publikum aufbereitet. Zudem unterstützt diese Plattform ein agiles Projektmanagement in ICUH, indem schlanke und effiziente Bewerbungs- und Verwaltungsprozesse für Communityprojekte sowie der Austausch zwischen Communitymitgliedern ermöglicht werden.
ICUH wird in den nächsten Jahren an Lösungen arbeiten für die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen im Bereich Umweltgerechtigkeit, Stadtentwicklung und Gesundheit (2-5) wie auch für die methodischen Herausforderungen einer transdisziplinären und transformativen Forschung und deren Evaluation (6-8).
Das Verbundprojekt ICUH wird von Beginn an getragen von der Hochschule Bochum Technik Wirtschaft Gesundheit (Verbundleitung), der Abteilung Sozialepidemiologie des Instituts für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, der Technischen Universität Dortmund, dem ILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH, dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH, dem Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz Nordrhein-Westfalen und der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen e. V. Weitere Praxis- und Wissenschaftspartner werden mit dem Ausbau des Netzwerkes und der Community-Projekte hinzukommen.
Prof. Dr. Gabriele Bolte, Ellen Senck MA
Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Abteilung Sozialepidemiologie
icuh@uni-bremen.de
Literatur
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- Bolte G. Umweltgerechtigkeit. Eine Public-Health-Perspektive auf Chancengerechtigkeit bei Umwelt und Gesundheit. In: Wichmann HE, Fromme H, Zeeb H (Hrsg.). Handbuch der Umweltmedizin. ecomed Medizin, Landsberg am Lech 2025. 82. Erg.-Lfg. 8/25, Beitrag II-5, S. 1-17
- Cole HVS, Anguelovski I, Connolly JJT. Adapting the environmental risk transition theory for urban health inequities: An observational study examining complex environmental riskscapes in seven neighborhoods in Global North cities. Soc Sci Med 2021; 277: 113907. doi: 10.1016/j.socscimed.2021.113907
- Van Horne YO, Alcala CS, Peltier RE et al. An applied environmental justice framework for exposure science. J Expo Sci Environ Epidemiol 2023; 33(1): 1–11. doi: 10.1038/s41370–022–00422-z
- Diez Roux AV, Bilal U. Advancing equitable and sustainable urban health. Nat Med 2025; 31(11):3634-3647. doi: 10.1038/s41591-025-04031-9
- Schäfer M, Bührer-Topcu S, Ehnert F, Graf V, Haus J, Höhener O, Holtman F, Vasilyeva Z, von Peter S, Wolf B. Orientierungsrahmen zur Erfassung von Wirkungen transdisziplinärer und partizipativer Forschung. Gesellschaft für transdisziplinäre und partizipative Forschung (GTPF). Arbeitspapier 2-2025. Berlin; 2025. Available from: doi.org/10.5281/zenodo.15641451
- Bernstein JH. Transdisciplinarity: A review of its origins, development, and current issues. J Res Pract 2015; 11(1): 1-20
- Kny J, Claus R, Harris J, Schäfer M. Assessing societal effects: Lessons from evaluation approaches in transdisciplinary research fields. GAIA 2023; 32(1): 178-185
Zitierweise
Bolte G, Senck E. Die InnovationsCommunity Urban Health – transdisziplinäre und transformative Forschung zu sozialen Innovationen für mehr Umweltgerechtigkeit. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22):7-8. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo. https://doi.org/10.26092/elib/5876

