Leitthema

ProKIP – Künstliche Intelligenz in der Pflege gemeinsam gestalten. Prozessentwicklung und -begleitung für eine praxistaugliche Integration
Dominik Domhoff, Janissa Altona, Kathrin Seibert, Karin Wolf-Ostermann
Einleitung
Künstliche Intelligenz (KI) gilt als Schlüsseltechnologie, um Versorgungsqualität und Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern [1]. Doch zwischen technologischer Idee und funktionierendem Einsatz im Alltag liegen viele Herausforderungen: Welche Daten dürfen genutzt werden? Wie lässt sich Akzeptanz aufbauen? Und wie wird sichergestellt, dass neue Systeme nicht an den realen Bedarfen vorbeigehen? An dieser Stelle setzt ProKIP an – das wissenschaftliche Begleitprojekt im Förderprogramm „Repositorien und KI-Systeme im Pflegealltag nutzbar machen“ des Bundesministeriums für Forschung, Transfer und Raumfahrt (BMFTR).
Zielsetzung und Ansatz
ProKIP steht für „Prozessentwicklung und -begleitung zum KI-Einsatz in der Pflege“. Das Projekt schafft Strukturen, um technologische Innovationen nicht isoliert, sondern im engen Austausch mit der Praxis zu entwickeln. Der Ansatz ist partizipativ, interdisziplinär und iterativ. Pflegeeinrichtungen, Pflegefachpersonen, Leitungen, Technikentwickler:innen und Forschende arbeiten von Beginn an gemeinsam an der Frage, wie KI-Anwendungen sinnvoll in die Versorgung integriert werden können.
ProKIP begleitet acht eigenständige Forschungsprojekte, die den Einsatz von KI in der Pflege erproben. Dabei übernimmt das Projekt eine beratende, vernetzende und evaluierende Rolle. Ziel ist es, Brücken zwischen Theorie, Technik und Pflegepraxis zu bauen, Erfahrungen zu bündeln und den Wissenstransfer zwischen Projekten zu fördern.
Beispiele aus der Projektpraxis
Im Projekt „KI in der Pflege: Sturz, Delir, Medikation (KIP-SDM)“ etwa wird untersucht, wie KI Pflegekräfte bei der Priorisierung von Hilferufen unterstützen kann. Sensoren und Datenanalyse erkennen Veränderungen im Gesundheitszustand frühzeitig und helfen, Einsätze gezielt zu planen. Das entlastet Fachkräfte und steigert gleichzeitig die Sicherheit der Patient:innen.
Weitere Informationen zu KIP-SDM: https://ai4care.org/
Ein anderes Beispiel ist das Projekt „Hybrides KI-System zur Delirprädiktion für die Entlastung der Pflegepraxis (KIDELIR)“. Hier steht die Prävention von Delirien im Mittelpunkt. Ein hybrides KI-System kombiniert Routinedaten mit pflegerischen Beobachtungen, um das individuelle Risiko präzise einzuschätzen. Auf dieser Basis können vorbeugende Maßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden. Entscheidend ist dabei, dass KI die klinische Expertise ergänzt – nicht ersetzt.
Weitere Informationen zu KIDELIR: https://www.interaktive-technologien.de/projekte/kidelir
In ProKIP wird eine enge Prozessbegleitung der beteiligten Projekte fokussiert. Konkret erfolgt dies in Form der Durchführung von Workshops, Barcamps und Projekttreffen, um so Räume für Austausch und gemeinsames Lernen zu schaffen. Die Themen reichen von Evaluationsmethoden über ein KI-Readiness-Assessment bis hin zu strategischen Fragen der Projektplanung und -umsetzung.
Im Projektverlauf wurden drei zentrale Plattformen etabliert. Das Methoden-Lab unterstützt in Fragen zu Evaluationsdesigns und Analyseverfahren, während das Theorie-Lab die pflegewissenschaftliche Fundierung fokussiert und kollegiale Beratung anbietet. Das Projekt-Lab dient der Koordination, aber auch als Plattform für Austausch und Peer-to-Peer-Unterstützung.
Ein wichtiges Ergebnis dieser Arbeit ist das KI-Pflege-Readiness-Assessment (KIP-RA). Es umfasst 69 Attribute in fünf Dimensionen und dient dazu, die Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz von KI in der Pflege zu prüfen. Entwickelt wurde es in enger Abstimmung mit Expert:innen aus Informatik, Pflegewissenschaft, Praxis und Projektmanagement.
Besondere Rolle von ProKIP
ProKIP versteht sich nicht als Entwickler einer einzelnen KI-Lösung, sondern als Prozessbegleiter. Es liefert Werkzeuge, Methoden und Kommunikationsstrukturen, damit KI-Projekte praxisnah umgesetzt werden können. Dabei geht es ebenso um die technische Machbarkeit wie um Fragen der Akzeptanz, der ethischen Verantwortung und der nachhaltigen Implementierung.
Fazit für die Praxis
Die Erfahrungen aus ProKIP zeigen: KI kann die Pflege unterstützen – aber nur, wenn ihre Einführung sorgfältig geplant, mit den Beteiligten abgestimmt und auf konkrete Bedarfe zugeschnitten wird. Entscheidend ist ein kontinuierlicher Dialog zwischen Technik und Praxis, in dem Fachkräfte ihre Expertise einbringen und Entwicklungen mitgestalten. Durch den partizipativen Ansatz trägt ProKIP dazu bei, dass KI nicht als Fremdkörper, sondern als integrierter Bestandteil des Pflegealltags erlebt wird.
- Projektlaufzeit: 01.12.2021 – 31.10.2025
- Fördermittelgeber: Bundesministerium für Forschung, Transfer und Raumfahrt (BMFTR)
- Website: https://prokip.care/
- Kontakt: Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann
Dominik Domhoff M.A., Janissa Altona, Dr. Kathrin Seibert, Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann
Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung | Abt. Pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung
Literatur
[1] Hassanein S, El Arab RA, Abdrbo A, Abu-Mahfouz MS, Gaballah MKF, Seweid MM, Almari M and Alzghoul H (2025) Artificial intelligence in nursing: an integrative review of clinical and operational impacts. Front. Digit. Health 7:1552372. doi: 10.3389/fdgth.2025.1552372
Zitierweise
Domhoff D, Altona J, Seibert K, Wolf-Ostermann K. ProKIP – Künstliche Intelligenz in der Pflege gemeinsam gestalten. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22): 9-10. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo. https://doi.org/10.26092/elib/5876

