Leitthema

Menschen schreiben auf runde PostIts

Offen, partizipativ, wirkungsvoll? – Wissenstransfer im Barcamp-Format

Dominik Domhoff, Kathrin Seibert, Karin Wolf-Ostermann

Eine Konferenz ohne Beitragseinreichung und Begutachtungsverfahren – das Barcamp bietet sich durch seine Niedrigschwelligkeit und Spontanität nicht nur für die Wissenschaftscommunity selbst, sondern auch für den Wissenstransfer mit anderen Disziplinen und der Gesellschaft an.

Das Format

Ein Barcamp ist ein offenes Veranstaltungsformat zu einem definierten Oberthema ohne feste Agenda oder geplante Vorträge. Die Stärke des Formates besteht im Wissensaustausch, in der Diskussion laufender Arbeiten oder in der Erarbeitung neuer Ideen. Es bietet Zeit, Ort und Rahmen, um mit anderen interessierten Menschen in Austausch zu treten (1,2).

Den Beginn eines jeden Barcamps bildet nach einem Kennenlernen und einer Einführung in das Format die Themensammlung: Jede:r Teilnehmende erhält einen Zettel, auf dem ein Thema für eine Session und die geplante Methode notiert werden können. Diese werden durch die Vorschlagenden im Plenum vorgestellt, per Handzeichen wird Interesse am Thema abgefragt. Die Moderation stellt das Programm zusammen. Die einzelnen Sessions sind zwischen 45 und 60 Minuten lang. Es kann so viele Sessions geben, wie es Räume und Zeitfenster gibt.

In den einzelnen Sessions sind die Eingeber:innen der Themen verantwortlich für deren Verlauf, es gibt keine gestellte Moderation. Themen, Ideen, Diskussionen und Ergebnisse einer Session sollten jedoch dokumentiert werden, damit alle Teilnehmenden darauf zurückgreifen können. Jeder Raum verfügt über Moderations- und Präsentationsmaterial, um verschiedene Methoden umsetzen zu können.

Das Barcamp-Format orientiert sich primär an den Bedürfnissen und Interessen der Teilnehmenden. Es fördert breite Beteiligung und den spontanen und offenen Wissensaustausch zu aktuellen Themen. Diskussionen entwickeln sich ko-kreativ anhand der Erfahrungen, Interessen und Ideen der Teilnehmenden. Die Grenze zwischen Vortragenden und Zuhörerschaft wird verwischt, wodurch Hierarchien abgebaut oder aufgehoben werden (1,2).

Praxiserfahrungen

Im wissenschaftlichen Begleitprojekt Prozessentwicklung und -begleitung zum KI-Einsatz in der Pflege (ProKIP) nutzten wir das Barcamp-Format, um Mitarbeitende aus acht durch das Bundesministerium für Forschung, Transfer und Raumfahrt (BMFTR) geförderten deutschen Forschungs- und Entwicklungsprojekten zum Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Pflege zusammenzubringen. An zwei Barcamps mit insgesamt 22 Sessions nahmen 41 bzw. 27 Personen teil.

Informelle Treffen und offener Austausch führten zu neuen Kooperationen. Gemeinsame Herausforderungen und Tätigkeiten in den Projekten wurden identifiziert und neue Ideen für Publikationen und Konferenzbeiträge entwickelt. Das wissenschaftliche Begleitprojekt ProKIP gewann wichtige Erkenntnisse zu Herausforderungen und laufenden Tätigkeiten, die in Unterstützungsangebote einflossen.

Als Fortführung der Aktivitäten aus ProKIP fand das Barcamp Pflege + Technik mit 24 Teilnehmenden statt. Eingeladen waren nicht nur Wissenschaftler:innen, sondern ebenfalls Personen von Trägern von Einrichtungen im Gesundheitswesen und aus der Pflegepraxis, aus Politik, Verwaltung, von Interessenvertretungen und Studierende und Auszubildende. Damit wurde nicht nur das Thema weiter geöffnet, sondern ebenso der Kreis der Teilnehmenden erweitert.

Erfahrungen und Empfehlungen für die Durchführung eines Barcamps

Barcamps sind einfach zu organisieren, da keine Beiträge ausgewählt und kein detailliertes Programm erstellt werden muss. Der Fokus liegt auf der Bereitstellung von Rahmenbedingungen für den Austausch. Dies umfasst vor allem einen guten Veranstaltungsort mit ausreichend Räumen sowie gut geplante Pausen für eine Vernetzung der Teilnehmenden. Die Vielfalt der Teilnehmenden und ihre Hintergründe beeinflussen die Themen und Ergebnisse unmittelbar, daher sollte der Definition der Zielgruppe und der Einladung der potenziellen Teilnehmenden besondere Aufmerksamkeit zukommen. Da bei vielen Teilnehmenden das Format noch weitgehend unbekannt ist und keine Werbung mit konkreten Vorträgen und Vortragenden möglich ist, muss eine zielgruppenspezifische Ansprache mit einem entsprechenden Nutzenversprechen erfolgen.

Die Organisierenden haben nur bedingt Einfluss auf die Inhalte der Veranstaltung. Teilnehmende können vorab ein Thema vorbereiten, haben jedoch keine Garantie, dass diese auch stattfinden werden. Zugleich soll die Gelegenheit für spontane Themenvorschläge erhalten bleiben. Während eine aktive Rolle der Teilnehmenden beim Barcamps herausgestellt werden sollte, können die Organisierenden ebenfalls verschiedene Themenvorschläge vorbereiten und nötigenfalls einbringen. Um die einzelnen Sessions abwechslungsreicher zu gestalten, kann den Teilnehmenden ein „Methodenkoffer“ bereitgestellt werden, der Vorschläge für interaktive und kollaborative Methoden beinhaltet, die kurzfristig umsetzbar sind.

Geleitet wird die Veranstaltung von einer Moderation, welche durch den Prozess begleitet und die genannten Aspekte aktiv unterstützt. Vorerfahrung mit dem Format sind dabei notwendig, um unerfahrenen Teilnehmenden Sicherheit zu vermitteln, auch ist eine zugewandte Haltung den Teilnehmenden gegenüber wichtig. Inhaltliche Expertise im Themenbereich des Barcamps ist hingegen nicht notwendig.

Ausblick

Barcamps bilden eine hervorragende Ergänzung zu wissenschaftlichen Fachkonferenzen. Sie ermöglichen die Bearbeitung von Themen mit Teilnehmenden aus unterschiedlichen Disziplinen und Institutionen. Für Wissenschaftler:innen bietet das Format die Chance, Impulse für die eigene Arbeit aus verschiedenen Blickwinkeln zu sammeln und neue Netzwerke zu knüpfen. Alle Teilnehmenden stellen sich der Herausforderung, eigenes Wissen und Erfahrungen spontan zu wechselnden Fragestellungen einzubringen. Insbesondere im Kontext der Digitalisierung in der Pflege kann dieser Prozess die Kompetenzen für den Wissenstransfer bei allen beteiligten Akteursgruppen stärken.


Dominik Domhoff M.A., Dr. Kathrin Seibert, Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann 

Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung | Abt. Pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung

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https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/abteilungen-arbeitsgruppen/pflegeforschung/pflegewissenschaftliche-versorgungsforschung


Literatur

1. Marquardt E, Gerhard U. „Barcamp adapted“ – gemeinsam zu neuem Wissen. In: Defila R, Di Giulio A, Herausgeber. Transdisziplinär und transformativ forschen, Band 2 [Internet]. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden; 2019 [zitiert 23. September 2025]. S. 237–57. Verfügbar unter: link.springer.com/10.1007/978-3-658-27135-0_9

2. Topps D, Dennerlein S, Treasure-Jones T. Raising the BarCamp: international reflections. MedEdPublish. 7. Juli 2017;6:122. 


Zitierweise

Domhoff D, Seibert K, Wolf-Ostermann K. Offen, partizipativ, wirkungsvoll? – Wissenstransfer im Barcamp-Format. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22): 10-11. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo. https://doi.org/10.26092/elib/5876

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