Leitthema

Implementation einer stärker sprachbildend gestalteten Praxisanleitung in der Pflegeausbildung
Ingrid Darmann-Finck, Larissa Fenker, Valeska Stephanow
Die generalistische Pflegeausbildung ist mit hohen fachlichen und damit auch sprachlichen Anforderungen verbunden. Aufgrund der sprachlichen Vielfalt können viele Auszubildende diesen Anforderungen nicht oder nur mit Einschränkungen gerecht werden. Diese Diskrepanz kann sogar vorzeitige Vertragsauflösungen zur Folge haben.1,6 Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels in der pflegerischen Versorgung und den demografischen Entwicklungen in Deutschland ist die Integration sprachbildender Ansätze in der Pflegeausbildung essentiell, um die sprachliche Teilhabe aller Auszubildenden zu stärken und sie beim erfolgreichen Abschluss der Ausbildung zu unterstützen.
Vorstellung STePs-Projekt
Hier setzt das interdisziplinäre BMBF-geförderte Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Sprachliche Teilhabe in der Pflegeausbildung stärken (STePs) - schulische und pflegerische Praxis als Lerngelegenheit“ an, ein Verbundprojekt der Universitäten Bremen (Prof. Andrea Daase, FB 10 und Prof. Ingrid Darmann-Finck, IPP) und Paderborn (Prof. Constanze Niederhaus). Das Projekt verfolgt das Ziel, migrationsbedingt mehrsprachige Auszubildende beim erfolgreichen Verlauf und Abschluss der Pflegeausbildung zu unterstützen. Dazu soll das Bildungspersonal, in diesem Fall Pflegelehrende und Praxisanleitende, professionalisiert werden. Anhand umfangreicher empirischer Analysen wurden zunächst die sozialen Praktiken9 sowie die sprachbildenden und pflegekompetenzförderlichen Potenziale an beiden Lernorten ermittelt. Diese empirisch vorfindbaren Bedarfe sowie die theoretischen Bezüge des Projekts bildeten die Grundlage für die Entwicklung eines Fortbildungsangebots. Theoretisch stützte sich das Vorhaben auf die Interaktionistische Pflegedidaktik3 das Verständnis von Sprache als soziale Praxis2 und den Ansatz des situierten Lernens im Sinne der Communities of Practice.7,8
Bei der Entwicklung sprachbildender Fortbildungsangebote für die Pflegelehrenden (Lernort Schule) und die Ausbilder*innen (Lernort Praxis) wurden von Beginn an systematisch die in der erziehungswissenschaftlichen Forschung berichteten Gelingensbedingungen für erfolgreiche Implementationsprozesse14 berücksichtigt. Im Folgenden wird dies exemplarisch am Fortbildungsangebot für die Praxisanleitenden verdeutlicht:
Passung zu vorhandenen curricularen und didaktischen Gegebenheiten: Um die Passung der Fortbildung zu den vorliegenden Bedarfen und Gegebenheiten sicherzustellen, wurden im ersten Schritt teilnehmende Beobachtungen von Anleitungssituationen und Gruppendiskussionen mit Praxisanleitenden und Auszubildenden durchgeführt. Die Auswertung der Daten erfolgte mithilfe der Dokumentarischen Methode mit dem Ziel soziale Praktiken als „kleinste Einheit des Sozialen“13 (p. 290) in der Pflegeausbildung am Lernort Pflegepraxis zu rekonstruieren und im Hinblick auf das sprachbildende und pflegekompetenzförderliche Potenzial zu analysieren. Die Analyse für den Lernort Praxis ergab, dass die kompetenzförderliche selbstständige Gestaltung der Pflegesituation durch Auszubildende oftmals durch die dominierenden instruktionslogischen Praktiken der Praxisanleitenden überformt wurde.
Einbindung von pädagogischen Praktiker*innen in die Entwicklung des Fortbildungsangebots: In einem Workshop der Steuerungsgruppe, an dem Praxispartner*innen aus Schule und Pflegepraxis teilnahmen, wurden die Analyseergebnisse vorgestellt und mögliche Ansätze für das Fortbildungskonzept präsentiert und mit den Teilnehmenden kritisch diskutiert.
Entwicklung eines Fortbildungskonzepts: Das Fortbildungskonzept orientiert sich an den Merkmalen erfolgreicher Lehrendenfortbildungen.10 Neben etwa der Verschränkung von Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen oder der Integration von Elementen selbstgesteuerten Lernens bauen die Fortbildungen auf datengestützten Fallvignetten auf, die für die Fortbildungen aufbereitet wurden, um so den Bezug zur täglichen Lehrpraxis und zu den Vorerfahrungen der Ausbilder*innen sicherzustellen. Bei den Praxisanleitenden wurden die Erprobungsphasen außerdem mit einem individuellen Coaching unterstützt.
Schaffung einer positiven implementationsbezogenen Motivation bei den Praxisanleitenden: Die genutzten Fallvignetten können als „desorientierende Dilemmata“ nach Mezirow11 (p. 143) interpretiert werden. Durch solche Dilemmata gelingt es Mezirow (ebd.) zufolge, eine nachhaltige Transformation von Annahmen und Überzeugungen sowie den Erwerb von reflexiven Kompetenzen anzustoßen. Im STePs-Projekt wurden die Fallvignetten aus den erhobenen Daten gewonnen und in Form eines Standbildes, einer Methode des szenischen Spiels,12 (p. 61) von den Teilnehmenden in Kleingruppen interpretiert. Durch die Inszenierung der (in der Fallvignette) beschriebenen Anleitungssituation können die „Haltungen“ der einzelnen Akteur*innen nachgestellt werden und ihre Gedanken und Gefühle bewusst und einer Reflexion zugänglich gemacht werden. In den Fortbildungen war dieses Standbild eine wichtige Erfahrung und Erkenntnis für die Praxisanleitungen, auf die sie im Verlauf der Fortbildung immer wieder Bezug genommen haben. Darüber hinaus diente der in der Fallvignette abgebildete anonymisierte Transkriptausschnitt einer Gesprächssequenz als Grundlage, um sprachbildende Potenziale und Herausforderungen in einer Anleitungssituation zu identifizieren und im Sinne des Mikro-Scaffolding5 zu transformieren.
Verfügbarkeit von Unterstützungsangeboten: Das Fortbildungsangebot setzt sich aus zwei seminaristischen Präsenzveranstaltungen zusammen, die die Rahmung für eine mehrwöchige Transferphase vorgeben. Am Ende der ersten Veranstaltung erhalten die Teilnehmenden den Arbeitsauftrag, die erarbeiteten Techniken zur Gestaltung einer sprachbildenden Praxisanleitung im Sinne des Mikro-Scaffolding auf ihre Anleitungsspraxis zu übertragen und kritisch zu reflektieren. Ergänzend fand während der Transferphase auch eine Online-Veranstaltung im Sinne eines kollektiven Austauschs statt. Darüber hinaus wurden den Teilnehmenden prozessorientierte Coachings4 angeboten, in denen Situationen mit Auszubildenden, die auf (sprachlich bedingte) Teilhabehürden stoßen, bearbeitet wurden. Die Projektmitarbeitenden begleiteten die Teilnehmenden in ihrem Arbeitskontext während einer Praxisanleitung und reflektierten anschließend mit ihnen, wie sie in sprachlich herausfordernden Situationen die Auszubildenden bestmöglich unterstützen und welche Potenziale zur Förderung der Sprachaneignung genutzt werden können.
Unterstützung durch Leitung:
Sowohl im Rahmen der Datenerhebung als auch bei der Durchführung und Evaluation der Fortbildungsreihe wurden die Projektmitarbeitenden in Bezug auf Zugang und Organisation tatkräftig von den Leitungskräften der Praxiseinrichtungen unterstützt.
Im Rahmen der Evaluation der Fortbildungsreihe mit den Praxisanleitenden wurde deutlich, dass sie seitdem sprachbildende Ansätze bewusster in Anleitungssituationen integrieren und sensibler auf Unterstützungsbedarfe der Auszubildenden eingehen können. Besonders die Coachings wurden sehr positiv von den Teilnehmenden bewertet, weil sie dadurch die in den Workshops erarbeiteten Inhalte besser in ihren Anleitungsalltag integrieren und „blinde Flecken“ identifizieren konnten.
Prof. Dr. Ingrid Darmann-Finck, Larissa Fenker, Valeska Stephanow
Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP) | Abt. Qualifikations- und Curriculumforschung
Literatur
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Zitierweise
Darmann-Finck I, Fenker L, Stephanow V. Implementation einer stärker sprachbildend gestalteten Praxisanleitung in der Pflegeausbildung. IPPinfo [Internet]. 2026;19(22): 11-13. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo. https://doi.org/10.26092/elib/5876

