Leitthema

Schnell ausgedacht? Storytelling in der Wissenschaftskommunikation im Bereich Public Health und Pflege
Fabienne Pradella, Melanie Böckmann
Als Wissenschaftler*innen sind wir darin geübt, komplexe Zusammenhänge zu analysieren. Weniger diskutiert wird, wie sich diese Komplexität so kommunizieren lässt, dass sie verständlich, relevant und anschlussfähig wird. Dabei ist genau das entscheidend für den gesellschaftlichen Impact; insbesondere in Public Health, wo evidenzbasierte Erkenntnisse oft politisches oder individuelles Handeln anstoßen (oder verhindern) können. Public Health-Kommunikation bewegt sich in gesellschaftlichen Konfliktfeldern wie Ungleichheit, die oft emotional aufgeladen oder politisch umkämpft sind. Zudem sind im Multi-Level-Governance System internationale Organisationen, nationale Behörden, Fachöffentlichkeit und breitere Zielgruppen inkl. Medien gleichzeitig Adressat*innen. Online-Kommunikationskanäle, neue digitale Formate und Erwartungen an Transparenz, Schnelligkeit und Dialogfähigkeit verschärfen die Anforderungen. Das betrifft nicht nur geplante Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse, sondern auch Krisenkommunikation – etwa bei Epidemien oder Umweltkatastrophen. In solchen Fällen steht neben der Wissensvermittlung auch das Vertrauen in die Wissenschaft auf dem Spiel.
Storytelling
Storytelling bezeichnet die Übersetzung von Forschung in nachvollziehbare, häufig personenbezogene Erzählformen. Durch narrative Elemente wie exemplarische Fälle oder die Kombination aus quantitativen und qualitativen Elementen in visualisierten Storylines wird wissenschaftliche Evidenz greifbarer. Während Storytelling oft diskutiert wird, bleibt der Ansatz selten systematisch reflektiert. In der Wissenschaft erfüllt Storytelling mehrere Funktionen: als Kommunikationsmittel, das Forschungsergebnisse greifbarer für ein breiteres Publikum macht, als didaktische Strategie, die abstrakte Konzepte mit realen Situationen verknüpft [1] und als Forschungsansatz qualitativer Methoden wie Ethnografie oder Narrative Inquiry, bei denen Geschichten als Daten betrachtet werden, die aufzeigen, wie Individuen und Gemeinschaften ihre Welt interpretieren und gestalten [2].
Beispiele für Storytelling – eine kleine Auswahl
Konkrete Beispiele kreativer Forschungsmethoden sind z.B. Dr. Hannah Strohmeyers Filmprojekt „Colour“ www.colour-mentalhealth.com zu Rassismus in humanitären Organisationen oder Dr. Warittha Tieosapjaroens Hörspiel-Intervention zur Erhöhung der Akzeptanz von HIV-Prophylaxe in asiatischen queeren Communities in Australien [7]. Beispiele für die Kombination von quantitativen und qualitativen Elementen finden sich bspw. in sogenannten Storymaps.
Ansätze zur kritischen Reflexion
Doch kann Storytelling neutral sein? Die Auswahl und Dramatisierung von Einzelfällen können mobilisieren, aber auch zu einer verzerrten Wahrnehmung von Evidenz führen, indem sie Unsicherheiten oder Kontexte ausblenden. Wer erzählt wessen Geschichte – und mit welchem Ziel?
Diese kritische Reflexion ist zentral, gerade angesichts der beschleunigten Online-Kommunikation. Die Verbindung von narrativen Mitteln mit wissenschaftlicher Präzision erfordert Kompetenzen, die weit über die klassische Fachausbildung hinausgehen: Wissen über Medienlogiken, Zielgruppenkommunikation, Risikoperzeption und interkulturelle Verständlichkeit. Es geht also nicht darum, Stories zu vermeiden, sondern darum, Verantwortung für sie zu übernehmen.
In Public Health begegnet uns Storytelling gleichzeitig als Methode der Datenerhebung, Analyseperspektive und Kommunikationsstrategie. Narrative Inquiry untersucht, wie Individuen Erfahrungen zu Geschichten strukturieren und dadurch kulturelle Normen, Identitäten und Bewältigungsmechanismen sichtbar machen [2]. Digital Storytelling kombiniert Audio, Bilder und Text zu kurzen Narrativen, die marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen und Gesundheitsbildung fördern [3,4]. Partizipatives Storytelling als Teil partizipativer Forschung ermöglicht kollektives Eigentum sowohl am Prozess als auch an den Ergebnissen und fördert so Empowerment und Wissensproduktion [5].
Gerade weil uns Storytelling in so vielen Kontexten begegnet, können wir diese Begegnungen als Anlass zur kritischen Reflexion nutzen: Die Sicherung wissenschaftlicher Strenge erfordert Reflexivität der Forschenden über ihren Einfluss auf den Prozess, Triangulation (Abgleich von Narrativen mit anderen Datenquellen) sowie besondere ethische Aufmerksamkeit – insbesondere hinsichtlich Einwilligung und mögliche emotionale Auswirkungen auf die Teilnehmenden [6].
Schlussfolgerungen für die Praxis
Im Rahmen des Jahrestreffens der German Alliance for Global Health Research (GLOHRA) organisierten die Autorinnen einen Runden Tisch zu Storytelling. In der Diskussion zeigten sich sowohl Hürden für Forschende als auch Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung: Themen waren der Bedarf an interdisziplinärem Austausch über Best Practices, die kritische Reflexion des eigenen Storytellings, die Klärung von Formen partizipativer Wissenschaftskommunikation und nicht zuletzt die Frage, ob Storytelling Aufgabe der Forschenden selbst ist oder besser Expert*innen überlassen werden sollte. Storytelling in Public Health ist also weitaus mehr als ein schmückendes Beiwerk. Es erfordert vielmehr Fähigkeiten, die erlernt werden müssen - Unterstützung durch kommunikationsfachliche Expertise könnte helfen. Ethische Aspekte der Repräsentation (Stichwort „own voices“) müssen reflektiert und partizipative Narrative in den Mittelpunkt gerückt werden.
Dr. Fabienne Pradella1, Prof. Dr. Melanie Böckmann2
1Universitätsklinikum Heidelberg, Heidelberg Institute of Global Health / Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Department of Business and Economics
2Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung IPP | Abt. Global Health
Literatur
1. Moreau KA, Eady K, Sikora L, Horsley T. Digital storytelling in health professions education: a systematic review. BMC Med Educ [Internet]. 2018 Sept 10 [cited 2025 Sept 18];18(1):208. Available from: doi.org/10.1186/s12909-018-1320-1
2. Riessmann C. Narrative Methods for the Human Sciences [Internet]. 1. SAGE; 2008 [cited 2025 Sept 18]. Available from: uk.sagepub.com/en-gb/eur/narrative-methods-for-the-human-sciences/book226139
3. Brooks SP, Zimmermann GL, Lang M, Scott SD, Thomson D, Wilkes G, et al. A framework to guide storytelling as a knowledge translation intervention for health-promoting behaviour change. Implement Sci Commun. 2022 Mar 28;3(1):35.
4. Cunsolo Willox A, Harper SL, Edge VL. Storytelling in a digital age: digital storytelling as an emerging narrative method for preserving and promoting indigenous oral wisdom. Qual Res [Internet]. 2013 Apr 1 [cited 2025 Sept 18];13(2):127–47. Available from: doi.org/10.1177/1468794112446105
5. Hou JZ, Hearn G. Navigating Co-Creative Storytelling with Culturally and Linguistically Diverse Participants: Ethics, authenticity, and sensemaking. In: Research Methods for the Marginalized. Routledge; 2025.
6. Lang M, Laing C, Moules N, Estefan A. Words, Camera, Music, Action: A Methodology of Digital Storytelling in a Health Care Setting. Int J Qual Methods [Internet]. 2019 Jan 1 [cited 2025 Aug 8];18:1609406919863241. Available from: doi.org/10.1177/1609406919863241
7. Tieosapjaroen W, Phillips TR, Chow EPF, Fairley CK, Istiko SN, Wu J, et al. Using Online Media to Increase the Awareness and Uptake of Preexposure Prophylaxis for HIV Among Asian-Born Men Who Have Sex With Men Living in Australia: An Open-Label Randomized Controlled Trial. Open Forum Infect Dis [Internet]. 2025 July 1 [cited 2025 Aug 7];12(7):ofaf321. Available from: doi.org/10.1093/ofid/ofaf321
Zitierweise
Pradella F, Böckmann M. Schnell ausgedacht? Storytelling in der Wissenschaftskommunikation im Bereich Public Health und Pflege. [Internet]. 2026;19(22): 14-15. Available from: https://www.uni-bremen.de/institut-fuer-public-health-und-pflegeforschung/ippinfo.https://doi.org/10.26092/elib/5876

